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Werbe-Trouble im Karrierenetzwerk Xing

04. Jan 2008 13:32
Ist auch Werbung: Logo von Xing
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Wegen einer neuen Werbepraxis gehen viele Mitglieder des in Deutschland weit verbreiteten Online-Netzwerks Xing auf die Barrikaden. Die Betreiber geben sich kompromissbereit - und schweigsam.

In letzter Zeit war es erstaunlich ruhig geworden um Xing, das eine Mischung aus Business-Netzwerk, Selbstdarstellungsportal und Online-Karrierehilfe darstellt. Die Betreiber kündigten zwar bereits im November 2007 an, die Plattform für Werbevermarkter zu öffnen und damit «eine neue Einnahmequelle als Ergänzung zum beitragsfinanzierten Geschäftsmodell, das auf der Premium-Mitgliedschaft basiert», zu schaffen. Doch nennenswerte Reaktionen blieben aus. Spötter meinten, das komme schlicht daher, dass sich Karteileichen ja nicht gegen Werbung wehren können.

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Damit lagen sie falsch. Denn seit ein paar Tagen geht es im Xing-Forum drunter und drüber. Einfache Mitglieder kündigen ihren Account, andere drohen mit ihrem Austritt, selbst sogenannte Premium-Mitglieder sind furchtbar genervt. Was ist passiert? Xing hat aus der Ankündigung vom November mittlerweile Realität werden lassen und blendet auf den Profilen der Mitglieder nun eben Werbung ein. Und zwar nicht nur bei den einfachen Mitgliedern, sondern auch bei den Premium-Kunden.

Dazu muss man wissen, dass eine einfache Mitgliedschaft bei Xing nichts kostet. Man registriert sich, erstellt ein persönliches Profil, lädt ein Bild von sich hoch, nimmt Kontaktanfragen von anderen Mitgliedern an oder lehnt sie ab. So einfach kann das sein. Die Premium-Mitgliedschft hingegen kostet Geld, bietet im Gegenzug aber auch allerlei Zusätzliches, was den anderen Usern verborgen bleibt. Und: Premium-Kunden wurde von Xing zugesichert, dass sie auf ihren Seiten nicht mit Werbung konfrontiert werden.

Die Werbebombe

Daran hat sich wohl nicht viel geändert. Derzeit ist es offensichtlich so, dass Premiumkunden zwar selbst keine Werbung sehen, ihre Profile aber durchaus als Werbeträger genutzt werden. Einträge im Xing-Forum bestätigen das. Das Weblog «Werbeblogger» dokumentiert einige Postings, in denen sich Premium-Mitglieder an einfache Mitglieder wenden, um von diesen zu erfahren, welche Werbung sich gerade auf ihren Profilen befindet. Sie selbst können sie ja nicht sehen.

Das kann sehr skurrile Folgen haben. Ein Screenshot beim «Werbeblogger» zeigt die Xing-Profilseite eines Mitarbeiters der Deutschen Bank, auf der, von ihm selbst unbemerkt, für eine Bank geworben wird: «3,8% Tagesgeld Plus +25 Euro Startguthaben Jetzt informieren .comdirect Ihr Geld kann mehr». Ende der Anzeige. Über diese Werbung der direkten Konkurrenz dürfte sich die Deutsche Bank aber freuen.

Ein anderes Premium-Mitglied, von Beruf Rechtsanwalt, legt im Forum nach: «Auf meinem Profil wird Werbung erscheinen? Wäre ja super, als Anwalt darf ich kaum werben, aber Xing darf auf meinem Profil für andere Unternehmer werben? Auf meinem Profil Werbung z.B. für Billigflüge zu schalten, ist weder mit meiner Haltung noch mit meinem Arbeitgeber zu vereinbaren - das wäre mehr als sarkastisch. Wir haben grade eine grosse Klimakampagne laufen - völlig absurd, dass ich mit meinem Profil für Flüge werben sollte. Viele, die mein Profil samt Werbung sehen, werden gar nicht wissen, dass ich nicht um Zustimmung gefragt wurde.»

Xing schwankt

Das Xing-Forum besteht mittlerweile aus hunderten solcher Einträge - von einfachen wie von Premium-Mitgliedern. Namhafte Geschäftsleute und Politiker kündigen ihren Account. Zum Beispiel Heinz Eggert, der für die CDU im sächsischen Landtag sitzt: «Moin, ich habe Xing schon gekündigt. Ich möchte mindestens mein Einverständnis zu der Werbung auf meiner Seite geben. Mir mißfällt bei Xing der mangelnde Respekt vor den eigenen Kunden. Gruss an alle netten Menschen, die ich hier kennengelernt habe.» Es gibt auch andere Reaktionen, doch selbst einige der Wohlwollendsten bemängeln, vorher nicht über die neue Werbepraxis informiert worden zu sein. Die schlechte Stimmung ist nicht zu übersehen.

Und so musste denn auch schnell der Xing-Vorstandsvorsitzende Lars Hinrichs einschreiten. Am Donnerstagabend breitete er im Forum seine Sicht der Dinge aus. Von einem «offenen und konstruktiven Feedback» der User war da zu lesen, von «unterschiedlichen Reaktionen», von der Notwendigkeit der Werbung, «um ihnen weitere Features und Services anzubieten, die Sie begeistern», aber auch von «Befürchtungen» und «Beunruhigungen». Das nehme man ernst und deshalb werde man noch am Freitagnachmittag den Premium-Mitgliedern «die Möglichkeit geben, Werbeeinblendungen auf Ihrer Profilseite abzustellen.»

Schweigen

Die Pressestelle von Xing bestätigt auf Anfrage von Netzeitung.de diese Opt-Out Funktion – «also die Möglichkeit für Premium-Mitglieder, Werbung auf Ihren Profilseiten auszuschalten». Sie werde den Mitgliedern noch am Freitagnachmittag zur Verfügung stehen. Ansonsten gibt man sich dort sehr bedeckt und verweist auf das schon bekannte Statement von Lars Hinrichs.

Kein Wort dazu, warum Premium-Kunden etwas abbestellen müssen, was sie nie gewollt haben oder warum sie nicht einfach ganz von Werbung verschont bleiben können. Auch kein Wort zu den von der Community kritisierten kommunikativen Mängeln. Und erst recht kein Wort zur Mehrheit der Xing-Nutzer - also den einfachen Mitgliedern.

Die große Ruhe um Xing, die die letzten Monate prägte, konnte Xing, das wie jede Online-Plattform einen Teil seines Auskommens aus der Aufmerksamkeitsökonomie bezieht, nicht recht sein. Nun ist es erstmal vorbei mit der Ruhe. Aber auch das dürfte den Betreibern nicht passen.


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