netzeitung.deStudiVZ und die Macht der User

 Herausgeber: netzeitung.de

Lupe StudiVZ und die Macht der User

Deutschlands größtes soziales Netzwerk gibt sich ein neues Regelwerk, den Nutzern missfällt es - und schon rudert StudiVZ zurück. Außerdem: DNS-Datenbanken, Scientology & Jahresrückblicke. Der Blogblick.

StudiVZ, Deutschland größtes soziales Netzwerk, und die Blogger - irgendwie will das einfach nicht zusammengehen. Und das nicht erst, seit Ende der vergangenen Woche bekannt wurde, dass das zu Holtzbrinck gehörende ehemalige Studentenportal nun mit den Daten seiner User so richtig Geld verdienen will.
Geschäftsführer Marcus Rieke hatte am Freitag bekannt gegeben, künftig «einfacher auf die Daten der User zugreifen» zu wollen und somit Werbung besser auf den einzelnen Nutzer zuzuschneiden. Deshalb würden am 9. Januar die Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) geändert. Wer sie nicht akzeptiere, verliere seinen Zugang.

Wie üblich, wenn ein großes Portal
des so genannten Web 2.0 etwas mit seinen Usern ohne deren Wissen veranstalten will, ließen Proteste, Kritik, Entrüstung und angedrohte oder tatsächlicheLöschungen der Accounts nicht auf sich warten. Der Social Bookmark-Dienst Digg und das US-Portal Facebook haben bereits ähnliche Erfahrungen gemacht.

Und auch hier kam es, wie es kommen musste: StudiVZ gab nach, bzw., wie es das Weblog Blogzwonull.de formuliert: «In einer Mail am Samstag wurde angekündigt, dass man SMS- und Instant-Messenger-Werbung künftig doch nicht verkaufen will. Des Weiteren werden Nutzerdaten im Zweifel nur noch an Ermittlungsbehörden weitergegeben, nicht mehr an Anzeigenkunden, heißt es. Darüber hinaus sollen Mitglieder nun doch nicht sofort rausfliegen, wenn sie den neuen Geschäftsbedingungen nicht bis zum 9. Januar zustimmen. 'Bis zum 31. März 2008 bleiben eure Profile für alle anderen Mitglieder sichtbar', so StudiVZ. Dagegen sollen Beiträge von Aussteigern aus dem Netzwerk jetzt sofort gelöscht werden.»

Das klingt so, als sei hier jemand mächtig erschüttert worden, und es klingt auch ein wenig anders als noch am Freitag, als die Tageszeitung «Die Welt» berichtete, StudiVZ plane, Nutzerdaten an werbetreibende Unternehmen zu verkaufen. Zwar dürften demnächst auf den Seiten des Netzwerkes personalisierte Werbebanner - zugeschnitten auf Wohn- und Studienort, Studienfach, Alter und Geschlecht des Nutzers - platziert werden. Aber: «StudiVZ hat noch nie Nutzerdaten an Dritte verkauft und wird dies auch niemals tun.» Das kann man seit Samstag auf der Startseite des Unternehmens lesen.

Was aber ist genau passiert in jenen gut 24 Stunden, die zwischen einer vollmundigen Ankündigung und einer vorsichtigen nachgeschobenen «Ergänzung» liegen? Passiert sind Dinge, die StudiVZ richtig weh getan haben müssen - etwa dieser Beitrag im FritzBlog des Berliner Radiosenders «Fritz»: «Alles, was ihr also bei Studi-Vz stehen habt, oder euren Freunden schreibt, in welchen Gruppen ihr seid, an welcher Uni ihr was studiert ... einfach alles wird am dem 9. Januar zu Werbezwecken gebraucht. Oder ihr könnt euer Profil abmelden. Das ist die einzige Alternative.» Und das von einem Radiosender, dessen Hörerschaft weitgehend dem Zielpublikum des Online-Portals entsprechen dürfte.

Interessant sind auch die vielen Einzelbeiträge von Bloggern, die für sich genommen wenig bewirken, in der Summe aber das Image eines großen Netzwerkes drastisch geschädigt haben: «StudiVZ stinkt», «schlechte Manager», «Vom StalkerVZ zum StasiVZ», «StudiVz am Arsch» usw.

Es ist nicht nur die schiere Masse an solchen Postings (mit Worten oder ohne), die die Betreiber eines nach eigenen Angaben vier Millionen User umfassenden Netzwerks nachdenklich stimmen dürfte, sondern es sind auch die Beiträge von Bloggern, die sich bisher bei StudiVZ sehr wohl gefühlt haben.

Im Blog Informationsschaum etwa heißt es: «Für mich ist das der Tropfen, der das Fass wohl zum Überlaufen bringen wird. Schade! Denn die Funktionen von StudiVZ sind echt gut. Das merkt man erst, wenn man mal nach einer Altenative sucht.» Ähnliche Blogeinträge fanden sich in den letzten Tagen en masse.

Zum anderen ließ die knappe Ankündigungspolitik von StudiVZ viel Spielraum für Interpretationen. So wies der wohl bekannteste Kritiker von StudiVZ, der Watschn-Blogger Don Alphonso, in der Blogbar darauf hin, dass die neuen AGB selbst nach dem Löschen eines Accounts die Daten der dann ausgetrenenen Nutzer «bis ans Ende aller Tage behalten - und verwerten können». Wo einmal Misstrauen erweckt wurde, da hat StudiVZ ein großes Problem. Denn nur furchtlose User sind zufriedene User - Angst essen Netzwerk auf.

Im Blog Internetboom steht ein anderer Aspekt im Vordergrund, nämlich dass «Communties ein sehr schlechtes Werbeumfeld» sind. «Das wissen wir nicht erst seit gestern. Wenn User in einer Community unterwegs sind, interessieren sie sich nicht für kommerzielle Angebote.» Das Weblog Handelskraft meint sogar: «Ausserdem ist es gar nicht schlimm, wenn StudiVZ mit der Brechstange vorgeht – Facebook kommt nun eh nach Deutschland und Europa. Sicher wird Facebook auch diese Erfahrungen mit einkaufen.» Ja, zumal es sie auch schon selbst gemacht hat.

Jörg Kantel, Schockwellenreiter, schließlich meint kurz und knapp: «Zu StudiVZ fällt mir auch nichts mehr ein.» Schade, denn die nächste Runde in der Auseinandersetzung zwischen StudiVZ und den Bloggern kommt bestimmt.

Anhang

Neu: Mit Blogage steht seit Montag ein neuer Bloganbieter bereit. Nach Angaben der Anbieter zeichnet er sich vor allem durch «einfache Benutzbarkeit», Web 2.0-Kompatibilität und strengen Datenschutz aus. Unabhängige Testberichte stehen bisher noch nicht zur Verfügung. +++ Sammlungen: Nils Zurawski, Surveillance Studies, hat zum Thema DNS-Datenbanken drei interessante Artikel aus England zusammengestellt.Auf Sebastian Kochs Goerlipark.de finden sich einige Links zu Filmen, Texten und Informationen über Scientology, eine «Organisation, die den Boden freier und demokratischer Gesellschaften längst verlassen hat.» Die BooCompany präsentiert einen hübsch selbstrefrenziellen Jahresrückblick mit wahnsinnig vielen Links. Marco Kitzmanns Jahresrückblick fällt ebenfalls subjektiv, aber doch um einiges sachlicher aus. +++ Zweitblog: Jacqueline Godany bloggt nun auch für «Der Westen»: im Gegenlicht. Wer ihr nicht auf dieses Portal der WAZ-Mediengruppe folgen mag, liest weiterhin in ihrem alten Blog Verflixt und zugenewst.

Für das Web ediert von Maik Söhler