Netzeitung Logo
 
DruckenVersenden
 

«Overclocked»: PC-Spiel der Verzweiflung

28. Nov 2007 07:07
Düster: Szene aus 'Overclocked'
Bild vergrößern
Mit «Overclocked» liegt nun ein Computerspiel vor, dass sich nicht recht entscheiden kann, ob es Film oder Game sein will. Macht nichts, findet Klaus Ungerer.

Immer regnet's. Man wohnt in einem Hotelzimmer in New York, man hat dunkle Augenringe und die narkoleptische Ausstrahlung eines Fox Mulder, und der einzige Mensch, der einen nicht gar zu offensichtlich als unerwünscht behandelt, ist der Empfangschef im Hotel.

Mehr in der Netzeitung:
Man wechselt ein paar Worte, und dann geht's raus in den Regen. Seit einer Woche regnet's in New York, und wenn es nicht regnet, dann pladdert's. Die Straßen sind geboten ungemütlich, und so kann man sich sogar ein wenig auf die Klapsmühle freuen, in der man zur Zeit seiner Arbeit als Psychiater und Traumaspezialist nachgeht: Dort drinnen ist es warm und trocken, so dass man vor Glück kurz vergessen kann, welch eine schäbige alte Baracke dieses Spital doch ist; wie fies man hier von den boshaften Kollegen gemobbt wird - was einem andererseits auch ein wenig Ablenkung verschafft von der Ehe in Trümmern und den verstörenden Erinnerungen unserer Patienten.

Nass kommt man abends ins Hotel zurück, um der neuesten Ausgabe der eigenen Alpträume entgegenzusehen, oder aber man schmeißt spontan noch mit ein paar Gegenständen um sich, auf dass im Hotelzimmer ein Spiegel zu Bruch gehe - aufgemerkt! Gesprungene Spiegel, das weiß jeder Filmfan, sind immer der deutlichste Fingerzeig dafür, dass dem Besitzer des Spiegelbilds nicht recht zu trauen ist.

Adventure

Mehr als alle anderen Computerspielgenres befindet sich das Adventure seit jeher in einem Zwiespalt, der jedes Mal neu überbrückt werden muss: Will es dem Spieler ein abwechslungsreiches Gekniffel vorsetzen? Oder will es eine atmosphärisch dichte Spielwelt schaffen, eine Handlung, die uns in den Sessel drückt wie ein guter Film? Beides zusammen ist nicht drin: Jedes zu schwierige Rätsel zerstört den Schwung der Handlung, jedes zu leichte enttäuscht den Spieler in uns.

Wie um das Problem auf die Spitze zu treiben, hat die Bremer Spieleschmiede «House of Tales» (vor allem bekannt durch «The Moment of Silence») nun ihr neues Adventure «Overclocked» vorgelegt, eine Geschichte, die sich vor allem an Psychothrillern aus dem Kintopp orientiert: Fünf junge Menschen sind, unabhängig voneinander, orientierungslos in New York aufgegriffen worden, ihre Fälle scheinen zusammenzuhängen, doch bei allen fünfen streikt die Erinnerung.

Daher landen sie in jener verlassenen, auf äußerste Ungemütlichkeit getrimmten Anstalt, und um sie zu befragen, wird ausgerechnet eine gebrochene Gestalt wie der Psychiater David McNamara hinzugerufen, der vor Jahren aus dem Armeedienst ausschied, weil er die Arbeit mit den Traumaopfern nicht mehr ertrug.

Dämonen der Vergangenheit

Von Zelle zu Zelle pendelt er, um bei den apathischen Patienten nach und nach verschüttete Erinnerungen freizuschalten, in denen man dann die einzelnen Charaktere kurz übernimmt. Wenn Feierabend ist, hat David noch ein bisschen Zeit, um sich an irgendeiner Theke oder im Hotelzimmer von den Dämonen seiner Vergangenheit heimsuchen zu lassen. Als Filmheld wäre er damit State of the Art. Im Adventure watet er knietief durch Probleme.

Die Grafik etwa ist durchwachsen. Sind zwar die Schauplätze hübsch düster und schäbig, so wirkt McNamara selbst doch oft ein wenig zu klotzig. Wenn er sich betrinkt, ohne das Glas wirklich in der Hand zu halten, ist man sehr schnell raus aus der Atmo, und auch gelegentliche Kampfhandlungen gemahnen eher an die Augsburger Puppenkiste denn an Blade Runner.

Auch gerät der Handlungsflow gern mal ins Strudeln: Viel Zeit bringt man zu, von Zelle zu Zelle zu laufen, um jeweils Tonaufnahmen aus der Nebenzelle vorzuspielen (Ein großer Datenschützer ist er jedenfalls nicht, der Arzt McNamara). So wird dann der nächste Flashback getriggert, und wir erfahren wieder ein Häppchen der Vorgeschichte.

Film trifft Spiel

Andersherum ist es der filmische Anspruch, der manchem Hardcore-Adventurer die Freude am Spiel vergällen könnte. Dass man immer weiter in die Erinnerungen eintaucht, mag im Psychothriller spannend sein. Der Logik von Rätselspielen aber läuft es zuwider.

Steuert man etwa die Patienten durch die Erinnerung an ihren Ausbruch aus einer Gefangenschaft, ist ein Scheitern logisch unmöglich: Hätte der Ausbruch nicht geklappt, dann wären sie jetzt ja nicht hier. Entsprechend niedrig liegt die Latte. Zwar sind angeblich Verfolger zu hören, doch hat man ewig Zeit, um alle Gitter herauszubrechen, alle Steine wegzuschießen, und die Munition nimmt dabei kein Ende.

Doch sind das auch Geschmacksfragen. Längst nicht jeder ist erpicht auf Rätseleien, bis das Hirn qualmt; aus anderen Kulturkreisen hört man von Menschen, die im Adventure-Game eher einen Film sehen, welcher ab und an sanft vorangestupst wird vom Spieler. Was aber schon stört - wie so oft bei Adventures -, ist die Enge des Spiels und der Handlung: In den Laden kann man nicht hineingehen, wenn man ihn nicht wirklich braucht; ein Radio hingegen klaut man prophylaktisch, einfach weil es anklickbar ist und also sicher noch gebraucht wird.

Die Welt ist schlecht, das Wetter auch
Bild vergrößern

Düsternis

Hier sehnt man sich nach einer offeneren Spielwelt, so wie man auch nach einer Abwechslung in der Atmosphäre zu lechzen beginnt. Der Regen und die Düsternis sind ja legitime Bedürfnisse des Psychothrillerfreunds. Doch bedürfen sie des Kontrasts und der Entspannung.

In «Overclocked» sickert die Ödnis zeitweise in den Spielspaß ein, und manchmal schlägt die Redundanz der Tristesse in unfreiwillige Komik um: Wenn man an den immer gleichen Orten den immer gleichen Regen serviert bekommt und auf immer gleiche Weise von Zelle zu Zelle pendelt, um den malträtierten Seelen wieder ein Stück Tonaufnahme vorzuspielen, kommt man sich vor wie ein Zimmerservice der Verzweiflung.

So hat das Spiel seine Hänger, haben die Schattenzeiten ihre Schattenseiten. Dennoch freut man sich, dass dieses Spiel gewagt worden ist. Eine finstere Erzählung, schön gestaltete Orte, gute Sprecher und nicht zuletzt der Ohrwurm von Pianothema, irgendwo zwischen «Tatort» und «Das Boot», sorgen für viele Stunden überwiegenden Spielspaßes in den Abgründen anderer Seelen.

«Overclocked. Eine Geschichte über Gewalt» von «Anaconda» ist für den PC erschienen.

 
Drucken
VersendenSocial Bookmark Mister Wong Yigg Google del.icio.us Oneview Webnews
 
Zu weiteren Bildergalerien
Zu weiteren Bildergalerien
Zum Wissenstest

Alle Wissenstests

Zum Wissenstest
Sie müssen JavaScript aktiviert und Flash 8 installiert haben, um diese Seite in vollem Umfang nutzen zu können.
Zum Tarifrechner
Live Top 5
netzeitung.de auf Ihrer iGoogle-Seite
Immobiliensuche
Immobilien
immonet
Aus anderen Ressorts
Zur Autogazette

Geschäftsführer: Josef Depenbrock & Robert Rischke | Chefredakteurin: Domenika Ahlrichs | Impressum | Datenschutz
NZ Netzeitung GmbH · Karl-Liebknecht-Str. 29 · 10178 Berlin · Tel.: 030 23 27 6840 · Fax: 030 23 27 6874
Alle Rechte © 2008 NZ Netzeitung GmbH
 
Vermarktung: DZH Online Media Sales Group GmbH
 
IT & Security by Procado
 
[ai:ti]-Quotes&Charts: IT Future AG
Quellen der Börsendaten: IT Future AG, Standard&Poor's Comstock Inc. und weitere.