«Backup»: Selbst im Tod noch online sein30. Nov 2007 07:56  |  Ob man dort leben und sterben kann? Die Galaxie "Zwicky 18" | Foto: AP Photo/NASA |
|
Cory Doctorow schließt da an, wo William Gibson und Neal Stephenson aufgehört haben. Sein Roman «Backup» ist endlich mal wieder richtig große Science Fiction, findet Maik Söhler.
Die literarische Form des Science Fiction bietet den großen Vorteil, Welten zu erschaffen, die die Armut, das Elend, die Kriege und die Gewalt der Gegenwart rechts liegen lassen können. Sie muss sich weder um fiese Diktatoren noch um den intriganten Arbeitskollegen kümmern. Denn in der Zukunft wird ja wohl alles besser sein - sozial, technologisch, medizinisch, ach was: überhaupt.
Gute SF-Romane zeichnen sich dadurch aus, dass sie trotzdem keine Paradiese schaffen, sondern um den Fortbestand des Menschen und damit auch um den Fortbestand menschlicher Schwächen und Fehler wissen und ihnen genug Platz einräumen.
Diese Tradition zieht sich quer durch die Klassiker des Genres - von Stanislaw Lem («Solaris») über Philip K. Dick («Irrgarten des Todes») bis zu den so genannten Cyberpunks William Gibson («Neoromancer») und Neal Stephenson («Snow Crash»).In diesem Sinne ist auch das neue Buch «Backup» des kanadischen Schriftstellers Cory Doctorow ein sehr guter SF-Roman und in jedem anderen Sinne auch. Worum geht es? Irgendwann in der Zukunft ist die Menschheit soweit, dass sie den Tod überwunden hat. Wo der alte Körper nicht mehr mitmachen will, lädt man sein Bewusstsein per Computer in einen neuen. Das geht ganz einfach, dauert nicht lange und damit auch bloß kein Gedanke oder Gefühl verloren geht, muss man vorher nur in gewisser Regelmäßigkeit Backups vom eigenen Ich machen.
Kein Geld, kein Staat In jener Welt existiert das Geld, das uns Heutige so umtreibt, nicht mehr. An seine Stelle ist das so genannte Woppel-System getreten, ein System, das persönliches Ansehen in Form von virtuellem Kapital anhäuft. Je mehr Woppel einer hat, desto einfacher ist für ihn der Zugang zu materiellen und virtuellen Gütern. Jeder kann die Woppel des anderen online ablesen, sozialer Druck ist also kein schnödes Phänomen der Gegenwart. Sowieso sind alle ständig online, und das auch noch ohne externe Technik wie Computer oder Handy. Die gesamte Technologie befindet sich in den Körpern selbst.Staaten, Regierungen und Verwaltungen sind abgetreten, Ad-hoc-kratien - lokal gewachsene, mehr oder weniger basisdemokratische Gruppen - organisieren den Alltag. So bleiben die Hierarchien flach, die Kommunikationswege kurz, wird Bürokratie vermieden; die ganze Welt funktioniert nach dem Start-Up-Prinzip. Aber will man das wirklich? Die meisten Woppel-Inhaber sind begeistert, und wem das alles nicht gefällt, der lässt sich in einen Kälteschlaf versetzen und nimmt vielleicht 500 Jahre später wieder am aktuellen Geschehen teil.
Forever Young Doctorows Ich-Erzähler heißt Julius. Er steckt seit mehr als 100 Jahren in jugendlichen Körpern, und nachdem er sich in der Musik und Wissenschaft genug Ansehen verschafft hat, verschlägt es ihn nach Disneyland. Ein Freund besucht ihn und kurz danach wird Julius ermordet. Kein Problem, sollte man mit Julius denken: «Ich war doch keiner dieser Blödmänner, die den Tod ernst nahmen.»
 |  Autor Cory Doctorow | Foto: AP Photo/Peter Dejong |
|
Aber es wird anders kommen, und am Ende begreift man, dass es auch in der literarischen Zukunft, der total vernetzten, hyperlebendigen Online-Welt in «Backup», Armut, Elend, Korruption, Gewalt, Karrieristen, Betrüger, falsche Freunde und Mistkerle gibt. Dass Fortschritt manchmal auch dann über Leichen geht, wenn sie einen Tag später wieder auferstehen. Dass Naivität zu jenen menschlichen Eigenschaften gehört, die wohl nicht aussterben werden. Kurz: Dass Gut und Böse keine rein historischen Kategorien sind.
Doch anders als im realen Leben kann man sich in «Backup» der ganzen Misere nicht mal mehr im Tod entziehen. Das ist es, was Cory Doctorows Roman so grausam macht. Und damit so gut. Er ist das beste Science Fiction-Buch der letzten zehn Jahre.Cory Doctorow: Backup. Übersetzt von Michael Iwoleit. Heyne, München 2007. 288 S., 7,95 Euro.
|