Powerpoint-Karaoke: «Einer labert, alles lacht»
19.10.2007
Herausgeber: netzeitung.de
Jetzt kann es losgehen. Die Karaoke-Redner lassen sich einfach von den Folien anregen und stellen sich der Aufgabe, mit einem möglichst interessanten Vortrag ihr Publikum zu begeistern - auch wenn sie überhaupt keine Ahnung vom Thema haben. Besonders groß ist natürlich die Freude, wenn die Folien vor einem größeren Publikum an die Wand geworfen werden.
Die Flut von Präsentationen hat ihre Gründe. «Es ist inzwischen schwer, ohne Powerpoint aufzutreten», sagt der Berliner Soziologe Frederik Pötzsch. Er hat mit Kollegen drei Jahre lang über Powerpoint geforscht. Mehr als 800 Präsentationen haben die Wissenschaftler untersucht und ausgewertet - auch beim Powerpoint-Karaoke.
Die Zentrale Intelligenz Agentur (ZIA) in Berlin, ein Netzwerk aus Künstlern, Wissenschaftlern und Journalisten, hat Powerpoint-Karaoke gar zum Wettbewerb gemacht. In der Agentur entstand auch zuerst die Idee zum Karaoke der anderen Art, sagt Holm Friebe von der ZIA: «Bei Recherchen im Internet sind wir immer wieder über Präsentationen gestolpert.» Man habe sich einfach gefragt, was passiere, «wenn man die Präsentationen in einen anderen Kontext wie einen Club oder eine Kneipe setzt und Leute sie halten lässt, die keine Ahnung davon haben».
Die Antwort: eine ganze Menge. Die Kandidaten kennen nur den Titel der Präsentation, die Anzahl der Folien, eine vorher festgelegte Schwierigkeitsstufe von 1 bis 10 und eine Kurzbeschreibung in einem Satz. Dort heißt es beispielsweise «Unterirdisch nichts sagende Angeberpräsentation direkt aus der Bullshithölle» oder «Kurzes und konsternierendes Kurzreferat».
«Sehr dankbar sind Präsentationen, bei denen jedes Bild schon ein Lacher ist», sagt Friebe. Schwieriger seien dagegen text- und formellastige Folien. Manche Teilnehmer präsentierten so überzeugend, dass man ihnen das Gesagte abkaufe, hat Friebe beobachtet: «Es ist erstaunlich, wie weit die Kulturtechnik des Bluffens in die Gesellschaft eingesickert ist.»
Inzwischen hat sich der Karaoke-Wettbewerb der anderen Art etabliert und findet in unregelmäßigen Abständen statt. Außer in Berlin war die Veranstaltung schon in Hamburg, Bremen und Zürich zu Gast. Und inzwischen gibt es auch schon zahlreiche Nachahmer. So hat jetzt auch die Münchener PR-Agentur Maisberger Whiteoaks für November zum Powerpoint-Karaoke eingeladen. Das Motto lautet: «Einer labert, alles lacht!» (Benjamin Schulz/AP)

