16.10.2007
Herausgeber: netzeitung.de
Ganz schön löchrig: Logo von Wikipedia
Foto: wikipedia.org
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Blogger ärgern sich über die Online-Enzyklopädie Wikipedia. Außerdem: Formulare, die das Leben erleichtern und seltsame Polizisten in England. Der Blogblick.
Über lange Zeit war unter Bloggern nichts Schlechtes über sie zu hören. Warum auch? Sie ist dem Internet nicht von Megakonzernen aufgepfropft worden, geht zurückhaltend mit Werbung um, lässt viele mitmachen, liefert
Ergebnisse, die jedem zugänglich sind und das auch noch umsonst: die Rede ist von der Online-Enzyklopädie Wikipedia.
Doch in jüngster Zeit gerät sie unter Bloggern immer mehr in Verruf. Schon länger war ein Grummeln über Fehler, schlecht geschriebene Passagen, mangelndes Fachwissen und die in der Praxis oft
seltsame Mitwirkung von Einzelpersonen, Unternehmen und Organisationen
an Enzyklopädie-Einträgen zu vernehmen. In den letzten Tagen aber wurde aus dem Grummeln offene Kritik. Einen
Artikel auf «Spiegel-Online» über
stagnierende Nutzerzahlen und mangelnde Aktivität von Mitgliedern nahm die Blog-Community zum willkommenen Anlass, dem Ärger über Wikipedia mal so richtig Luft zu machen. Als eines der ersten Blogs
reagierte Dein Bär. Es berichtete über den Versuch, einen eigenen Artikel über eine bestimmte Software auf Wikipedia zu platzieren. Noch in Arbeit, wurde der Entwurf «zu meiner Überraschung mit einem Löschantrag beglückt« - begründet mit Zweifeln an der Relevanz.
Außerdem kann sich der Autor «an Beschwerden von Admins erinnern, wo mir vorgeworfen wurde, dass ich in kurzer Zeit zuviele Edits machen würde.» Er schließt: «Ich finde die Wikipedia nach wie vor bemerkenswert, aber einige der Admins kann man meiner Meinung nach ruhig zum Mond schießen. Wenn sie sich nicht besinnen, wird es halt zu einer Neugründung kommen. Wir würden dann sehen,
welches Wikipediamodell (restriktiv vs. offen) für den Nutzer wertvoller ist.»
Robert Basic, Basic Thinking, schaut erstmal zurück: «Als Blogger habe ich die Wikipedia schon etwas länger nicht mehr so lieb,
seitdem man auf Blog-Links als weitere Infoquellen verzichtet, wo mitunter dreimal mehr Inhaltliches steht als in dem bescheidenen Wiki-Artikel.» Er wendet sich dann umso vehementer der Gegenwart, sprich: «der Zunahme von Regularien» auf den Seiten des Online-Lexikons zu. Sein Fazit
lautet: «Wer eben das Pareto-Prinzip verlässt und eine supersaubere Wikipedia haben möchte, muss nun einmal mit einer Entseelung rechnen.»
Im Blog
Lostfocus erinnert man sich zuerst an ein älteres, «albernes» Posting zum Thema Löschung des Wikipedia-Artikels «Quadratlatschen», gibt dann aber
Basic Thinking Recht.
Bei der Wikipedia setze sich «wohl mehr und mehr der Vereins- und Bünzligeist durch». Bünzli ist, so erfährt man via Link, ein schweizerisches Synonym für den Spießbürger. Und wohin führt der Link? Natürlich
zur Wikipedia.
Aslex vom
Netgestalter Blog wertet gründlich Statistiken aus, bevor er
befindet: «Vielleicht sollte Wikipedia endlich mal wieder sozialer werden
Administratoren sollten öfters gewählt werden, bei genug Beschwerden abgesetzt werden und Artikel sollten nicht sofort gelöscht werden, sondern in eine Sandbox wandern. Für die Masse scheinen sicherlich einige Artikel belanglos zu sein, jedoch gibt es genug Experten/Freaks, die gerne über ganz bestimmten Themen schreiben.»
Das Weblog
Handelskraft analysiert: «Zum Beispiel schreibt man gerne Beiträge auf Wikipedia und hat Eigenwerbung im Hinterkopf. Auf diesen Trichter kamen wohl immer mehr User und bescherten den Wiki-Admins einen Haufen Arbeit. Wie ein Artikel dort aufgestellt sein muss, passt aber igendwie nicht dazu, das sich andere Plattformen immer weiter öffnen.
Sicher stoßen wir hier gerade an eine Grenze der Kostenlos-Mentalität.» Auf
Brandkraft schließlich
berichtet ein Autor, der seit einem Jahr bei Wikipedia angemeldet ist, über seine
persönlichen Erfahrungen: «Nach ein wenig Textarbeit, Recherche in Wikipedia selbst über das Schreiben von Artikeln, stelle ich also den Artikel ein. Fünf Minuten später ist er gelöscht. Begründung im Logbuch: Kürzel, die nicht einmal in Wikipedia beschrieben werden, verstecken die Aussagen. Das Gleiche passiert noch zweimal.»
Genervt bekennt der Autor: «Schade um die Mühen. Ärgerlich sind auch die Versuche zur Kontaktaufnahme verlaufen. Drei Mails habe ich verschickt, null Antwort. Das Wikipedia-Modell sollte überarbeitet werden.»
Und was macht die Wikipedia sonst so?
Philip, Frischegarantie, verweist auf «ein ambitioniertes
Projekt von Dialekt-Fans mit dem Ziel, die
Wikipedia-Beiträge auf Bairisch abzufassen.» Nun denn.
Musik: Kettcars «48 Stunden» hat
Andreas Matthies offensichtlich
beeindruckt; nicht minder
staunt Herr Punkt Markus, blog.argwohnheim, über immer kleiner werdende Kinder, die immer kleiner werdende Handys mit MP3-Lautsprechern tragen. +++
Film: «Rollender Verkehr und Video-Encodierung mögen sich nicht, das habe ich am Samstagnachmittag auch begriffen», meint
Fabian Mohr, Iso 800, und zeigt das
Ergebnis.Jens, Pottblog,
war «im neuen Pixar-Film 'Ratatouille'», hat aber «die Stimme Tim Mälzers, der eine Rolle dort synchronisiert hatte, nicht gehört».
Johannes Schott, Kommunalpolitik.org,
freut sich, dass das Metropol-Kino in Bonn «weiterhin ein Denkmal bleibt». +++
Schönes:
Philipp Wildberger präsentiert in seiner Reihe «Formulare, die das Leben erleichtern» diesmal ein besonders schönes Exemplar;
Desideria hat es angesichts eines neuen Nachbars fast die Sprache
verschlagen.+++
Aus aller Welt:
Der Rüdnitzer berichtet vom westlichen Kap Spaniens in Finisterra in Wort und Bild;
Inside Gigalinux zeigt ein interessantes Wärmebild von der «IdeenExpo»; der Lokführerstreik hat für
Smithee, Köln-Blog, üble Folgen
gehabt;Krischi ist vom Verhalten der englischen Polizei nach einem Auto-Einbruch
irritiert.Für das Web ediert von
Maik Söhler