netzeitung.deDer «Spiegel» schreibt Geschich.de

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Per Klick zum Rückblick: Startseite von 'einestages' (Foto: Screenshot: nz<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Per Klick zum Rückblick: Startseite von 'einestages'
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Das Verlagshaus des «Spiegel» betreibt nun auch ein eigenes Internetportal zur Zeitgeschichte. Es heißt «einestages», mitmachen soll jeder können. Maik Söhler hat sich eingeloggt.

«Einestages» also. Seltsamer Name. Da steckt viel drin. Zukunft erstmal. «Irgendwann», «in kommenden Zeiten», «eines Tages». Das passt zum Internet, diesem Medium, das an der Vergangenheit, zumal der eigenen, so wenig interessiert scheint. An der Gegenwart und der Zukunft dafür umso mehr. «Eines Tages» ist aber auch eine dieser typischen Märchenwendungen: «Eines Tages, mein Sohn, wird das alles dir gehören.»

Diese Doppeldeutigkeit ergibt Sinn. Denn was der «Spiegel» seit Montag auf «einestages» präsentiert, das ist Geschichte zum Mitmachen. Geschichte online - Geschich.de. Geschichte, das was gestern und vorgestern war, trifft auf Interaktion - auf das also, was große Teile des Netzes heute ausmacht und vermutlich auch morgen immer noch prägen wird.

Das Topthema am Montagvormittag ist die Frage, wie es am 9. Oktober 1989 in Leipzig war. «Die wahren Helden von Leipzig waren Bürger, die sich von den Kommunisten nicht mehr knechten lassen wollten», schreibt der Theologe und Soziologe Ehrhart Neubert. Der Beitrag wurde von der Redaktion bereitgestellt, ist also nicht der erste von einem Leser erstellte Artikel.

Andere Texte befassen sich mit Anne Franks bester Freundin, dem Atari 2600 oder dem Verbot der polnischen Gewerkschaft Solidarnosc vor genau 25 Jahren. Die ersten beiden Artikel sind schon auf «Spiegel-Online» erschienen, der letzte stammt aus dem Fundus der «Deutschen Welle» und wird in der Rubrik Kalenderblatt publiziert.

Qualität vor Quantität
Von «Spiegel-Online» Chefredakteur Mathias Müller von Blumencron vollmundig als «kollektives Gedächtnis unserer Gesellschaft» angekündigt, soll «einestages» Beiträge von Historikern und interessierten Laien genauso versammeln wie flott geschriebene Artikel von Journalisten oder holprige subjektive Erinnerungen von Zeitzeugen.

Dabei gilt, wie es auf der Seite heißt, «Qualität ist wichtiger als Geschwindigkeit. Die Redaktion entscheidet in jedem Einzelfall, ob ein Zeitzeugenbericht, ein Foto oder ein Hinweis zu einem Dokument erscheinen wird oder nicht. Ein Anspruch der einestages-Mitglieder auf eine Veröffentlichung ihrer Beiträge und Fotos besteht nicht.»

Drei Redakteure sollen aus der erwarteten Flut von eingesandten Texten, Bildern, Erinnerungen und Meinungen einen kontrollierten Strom der Erinnerung machen. Als Partner hat die Redaktion u.a. das Bundesarchiv, das Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz und das Militärgeschichtliche Forschungsamt der Bundeswehr gewonnen.

«Spiegel» zum Mitmachen
Nutzer des Portals können aber nicht nur eigene Beiträge erstellen. Sie sollen sich auch - wie im Mitmachnetz üblich - mit anderen Beiträgen auseinandersetzen, d.h. sie kommentieren, über sie diskutieren und sie bewerten. Davon ist bisher noch nicht viel zu sehen, aber das muss einen nicht wundern, denn das Portal ist ja gerade mal ein paar Stunden online. Es bleibt zu hoffen, dass sich die Mitwirkung der User nicht erst «eines Tages» einstellen wird.

Das Mitmachen ist einfach. Wer will, legt ein Profil an, dazu wird nur der Name und eine Mailadresse benötigt. Von dort aus kann der User Texte, Fotos und Kommentare hochladen, die aber vor der Freischaltung von der Redaktion geprüft werden. Leider fehlen die aus den sozialen Netzwerk bekannten und bei vielen Nutzern beliebten Kategorien wie «Meine Freunde» oder «Zum Chat einladen». Aber gut, es geht um Geschichte und da müssen die Unterhaltungs- und Netzwerkfaktoren eben hinter die Seriosität zurücktreten.

Netz-Historie
Das alles klingt nach einer guten Idee. Nur: Bisher hat sich die Historie im Netz alles andere als hervorgetan. Außer in einigen Fachportalen für Geschichtsforscher und -studenten gehört die Vergangenheit nicht gerade zu den Top Ten der Internet-User. Historie wird offensichtlich immer noch dem Medium Buch zugeordnet, während das eigene Medium sich begierig durch alle Erscheinungsformen der Gegenwart fräst.

Von den großen Communities wagt allein Miomi.com, ein erst vor kurzem gestartetes soziales Netzwerk, einen systematischen Ansatz, der auch der Geschichte zu ihrem Recht verhelfen will. Über Zeitleisten können sich die User gegenseitig Rückblicke und Erinnerungen mitteilen.

Dem regelmäßigen «Spiegel»-Leser dagegen ist Geschichte vertraut. Sein Medium kreist ständig um Themen wie Nationalsozialismus, DDR-Vergangenheit, «Deutscher Herbst», «Sputnik-Schock» usf. Oder, im aktuellen Heft, um den Tod Uwe Barschels. Es scheint, als habe der Verlag genau diese Leserschicht vor Augen gehabt, als er sich an die Entwicklung von «einestages» machte. Hier findet der Magazin-Leser sein Online-Zuhause. Die Lieblingszielgruppe im Netz, die 16- bis 35-Jährigen, wird damit allerdings nicht direkt angesprochen.

Risiken und Nebenwirkungen
Schwierig könnte sich auch der Umgang mit Kommentaren und Diskussionsbeiträgen zur Vergangenheit gestalten. Das im Netz so beliebte Open Posting kann für eine Redaktion, die eine seriöse und sachliche Auseinandersetzung wünscht, kaum in Frage kommen - die Anzahl von Nazi-Trollen in einschlägigen Foren ist unverändert hoch. Wer aber zu wenige User-Beiträge zulässt, hat schnell das Image des Zensors weg.

Hinzu kommen die Grenzen, die das Strafrecht setzt. Als «Spiegel-Online» vor einigen Monaten seine Zusammenarbeit mit dem Musiktauschdienst «Last.fm» verkündete und zum Mitmachen einlud, musste nur kurze Zeit später die Kooperation vorübergehend in eine Ruhephase eintreten. Hörer hatten jugendgefährdende Beiträge entdeckt, ein zuverlässiges Filtersystem musste nachträglich eingebaut werden.

Dabei ging es «nur» um Musik, auf «einestages» aber dürfte - wie so oft im «Spiegel» - nicht selten Adolf Hitler im Mittelpunkt stehen. Mit der Geschichte in die Zukunft zu gehen, das ist ein mutiger Schritt. Ob er auch Erfolg hat, muss sich zeigen - «eines Tages».