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Im Chat mit dem Phantomgirl

03. Okt 2007 11:25
Sie ist echt: Myspace- und Youtube-Star Chris Crocker
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Internet-Foren wie Myspace sind voller Fake-Seiten. Manche sind witzig, andere bemüht komisch. Sie können einen privaten Hintergrund haben, aber auch einen kommerziellen, weiß Stefan Wirner.

Haben Sie Lust, mit Helmut Kohl Kontakt aufzunehmen? Auf Myspace ist das kein Problem. Das Profil des ehemaligen Bundeskanzlers, das auf dem Portal zu finden ist, ist in Schwarz-Rot-Gold gehalten.

Aber spätestens, wenn der Besucher der Seite die Interessen des Ex-Kanzlers liest, dürften Zweifel aufkommen. «Allgemein: Saumagen!» erfährt man da. Unter der Rubrik «Musik» gibt der frühere Staatsmann an: «Musikcorps der Bundeswehr der Bundesrepublik Deutschland, Horst Wessel, Hoffmann und Hoffmann, die Puhdys, und da gibt es noch ein Lied, das geht immer 'tam ta dam ta tam', aber leider ist das Lied in englischer Sprache.»

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  • Selbstverständlich handelt es sich um ein Fake-Profil. Der Nutzer, der es erstellt hat, scheint nicht allzu viel von Kohl zu halten. Der Witz, mit dem er ihn lächerlich machen will, funktioniert aber nicht richtig. Wenn unter «Filme» angegeben wird: «Der Untergang» oder «Die fetten Jahre sind vorbei», kann man vielleicht noch schmunzeln. Abgegriffen jedoch wirken die Anspielungen auf Kohls schlechtes Englisch: «Hi, you international young people, she can say you to me!»

    Dreimal falsche Merkel

    Politiker werden auf Myspace allgemein gerne aufs Korn genommen. Angela Merkel ist sogar mit drei Fake-Profilen vertreten. Sie sind rasch als solche zu erkennen. Das erste zeigt die Kanzlerin in Dessous, auf den Brüsten sind Hammer und Sichel abgebildet. Es wirkt ziemlich plump, ebenso wie das zweite. «Ich liebe es, mich in einen schicken Fummel zu schmeißen und mit meinem Liebsten in Bayreuth einen draufzumachen», verkündet die falsche Merkel dort.

    Das dritte Profil versucht es mit etwas subtilerem Humor. «Ich interessiere mich sehr für die neuen Kommunikationstechnologien und –wege im Internet», schreibt die virtuelle Kanzlerin. Auf der Seite ist ein Podcast der echten Merkel hochgeladen. Im Blog ist zu lesen: «Das war ein harter Tag heute. Müntefering hat mich die ganze Zeit nur schadenfroh angegrinst, weil die Wahl in Berlin so gut gelaufen ist für die SPD. Idiot!» Die drei Seiten folgen alles in allem dem gleichen Prinzip: Merkel soll als peinliche Zeitgenossin dargestellt werden.

    Stoibers Versprecher

    Ein anderes Profil würdigt Edmund Stoiber. Als Motto dient ein typisches Zitat von ihm: «Wir müssen den Kindern mehr Deutsch lernen.» Ausgiebig macht man sich über seine schlechte Rhetorik lustig. Das gelingt vor allem mit den Videomitschnitten, in denen man sich die Versprecher anhören kann, die Stoiber in seinen Reden über den «Problembär Bruno», zum Transrapid oder in einer Sendung von Sabine Christiansen über das Asylrecht von sich gegeben hat: «D.h. also Absenkung des, des, des, des Alters des Kinders, des Nachzugalters».

    Amüsant ist es auch, wenn sich die verschiedenen Fake-Profile gegenseitig adden. Kohl etwa nennt u.a. Willy Brandt, Erich Honecker und Ronald Reagan seine «Freunde». An den Letztgenannten schreibt er: «Ronald, my dear friend, vhere has dis vorld gone to?»

    Show & Sport

    Sehr verbreitet sind auch Fake-Seiten von Showstars. Manche Profile, wie etwa zu Madonna oder Sean Connery, sind so gut gemacht, dass nur vermutet wird, sie stammten nicht von den Stars selbst.

    Vor allem Sportler-Fakes sind beliebt. Das Profil von Franz Beckenbauer etwa ist eine Hommage. «Ich bin Fan und liebe den Fußballer Franz Beckenbauer und habe jede Menge Spaß damit», schreibt der unbekannte Gestalter auf Anfrage an Netzeitung.de. Derjenige, der das Profil von Günther Netzer eingerichtet hat, scheint hingegen kein Fan zu sein. «Hello, I am Günter and I am famous. I got money and I got girls and I want more», ist da zu lesen. Sein Lieblingsfilm: «Aus der Tiefe des Raums».

    Die gefakten Seiten der Sportler und Politiker haben eins gemeinsam: Sie wirken zumeist, als wollten sie Satire wie etwa von der Zeitschrift «Titanic» nachahmen, scheitern aber dabei.

    Private Fakes

    In manchen Ländern sorgen sie dennoch für Empörung. Der australische Parlamentsabgeordnete Stewart McArthur erzwang im August die Schließung eines Profils, das ihn als bösartigen Schwulenhasser zeigte. «Wenn Myspace den Schutz der individuellen Identität und des persönlichen Rufs nicht effektiver gewährleisten kann, dann sollte es für den Inhalt der Seite verantwortlich gemacht werden», sagte er. Die Diskussion darüber dürfte sich in Zukunft verschärfen.

    Neben den Parodien auf Prominente gibt es aber auch viele private Fake-Seiten. Ihre Zahl ist nicht abzuschätzen, weil die Ersteller der Profile es darauf anlegen, unerkannt zu bleiben. Die 20-jährige Anja aus Berlin hat so eine Seite eingerichtet. Zu diesem Zweck hat sie eine völlig neue Person erfunden, die 23-jährige Gwen, die angeblich in Maryland lebt, gerne Rob Thomas hört und Bücher von Nora Roberts liest. Die Bilder hat Anja von einem anderen Profil geklaut.

    «Mein Freund war Amerikaner und ging zurück zu seiner Ex-Freundin in die USA. Also hab ich die Seite gebaut, sie angeschrieben und mich adden lassen. So bin ich jederzeit im Bilde, was die treibt.» Alle ihre Bekannten hätten solche Fake-Seiten, um «stalken» zu können, erzählt Anja. 80 Freunde hat Gwen mittlerweile – obwohl sie gar nicht existiert.

    Die Nigeria-Connection

    Der 37-jährige Markus hingegen ist auf einen Fake hereingefallen. «Mich hat eine Frau aus Florida angeschrieben. Wir haben fast täglich über den Myspace-Messenger gechattet. Dann meinte sie, sie müsse geschäftlich nach Nigeria. Ein paar Tage später schrieb sie, sie sei in Lagos beraubt worden. Sie fragte, ob ich ihr Geld überweisen könnte. Da habe ich mir ihre Fotos noch einmal näher angesehen. Auf einem war eine Internetadresse angegeben. Es stellte sich heraus, dass sie ihre angeblichen Privatfotos von der Seite eines Models heruntergeladen hatte.»

    Es sei ein eigenartiges Gefühl, mit einem Phantom gechattet zu haben, das wahrscheinlich in Lagos am Computer sitzt, Fake-Profile erstellt und dann versucht, an Europäer und ihr Geld ranzukommen, meint Markus.

    Mehr im Internet:
    Aber nichts ist sicher in Foren wie Myspace, das wissen die Nutzer. Denn es ist fast jedem schon mal passiert, dass er im E-Mail-Account eine Botschaft fand wie: «Julia will Deine Freundin werden.» Klickt man die Seite von «Julia» an, heißt es: «Ich bin ganz heiß drauf, Dich kennenzulernen, besuche mich doch auf meiner Homepage.» Und hinter dieser verbirgt sich dann eine kommerzielle Sex-Seite. Oder der Zugang zu einem Chat-Forum, das kostenpflichtig ist.

    Freunde?

    Dem 30jährigen Philipp ist etwas anderes passiert. «Ich habe mit einer Frau aus Kanada gechattet. Wir hatten einen netten Austausch, bis sie eines Tages eine wutentbrannte Mail schickte und behauptete, ich sei ein Fake! Ich schrieb sie mehrfach an, doch sie hat nie wieder geantwortet. Keine Ahnung, was ich falsch gemacht habe.»

    Aber eine schlechte Erfahrung kann schnell wieder überwunden werden. Denn schließlich gibt es auch Leute auf Myspace, die wirklich auf der Suche nach Kommunikation und Austausch sind. Zum Glück sind nicht alle so schroff wie der virtuelle Günter Netzer, der sagt: «Ich habe keine Freunde und ich brauche auch keine!»

     
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