29.08.2007
Herausgeber: netzeitung.de
Was Archäologen hier wohl in 5000 Jahren finden? Ebay-Zentrale in Kalifornien
Foto: AP
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Deutsche Ebay-Seiten haben sich zum internationalen Basar für archäologische Funde aus Raubgrabungen entwickelt. Das liegt an der unzulänglichen Gesetzgebung, berichtet Nico Nissen .
Auf den Seiten des Internet- Auktionshauses Ebay werden ständig Funde aus Raubgrabungen in Südosteuropa angeboten. Ebay verstößt damit gegen das Unesco-Abkommen zum Schutz von Kulturgut und seine eigene Richtlinie, nach der archäologische Funde nicht ohne den Nachweis des rechtmäßigen Erwerbs angeboten werden dürfen.
Zusätzlich gefördert wird diese Entwicklung durch unzulängliche deutsche Gesetze. Zwar erwartet Ebay entsprechend der deutschen Gesetzgebung von den Händlern, dass sie den rechtmäßigen Erwerb ihres Handelsgutes nachweisen können. Aber weder Ebay noch die Behörden überprüfen diese Nachweise.
Zudem liegt die Beweislast nicht beim Verkäufer. Die Justiz müsste dem Händler nachweisen, dass seine Handelswaren aus illegalen Grabungen stammen. Das ist nach Ansicht von Experten so gut wie unmöglich, da Raubgräber ihre Funde nicht dokumentieren.
Verantwortung nicht delegierbarIm Gespräch mit
Netzeitung.de verweist Ebay darauf, dass die Überwachung des Antiquitätenhandels allein den zuständigen Behörden obliege, da nur sie über ausreichende Sanktions- und Ermittlungsbefugnisse verfügten.
Aber weder Polizei noch Landesdenkmalämter wissen etwas von der Aufgabe, die Ebay ihnen überlässt. «Die Verantwortung für die Inhalte der Webseiten von Ebay ist natürlich nicht delegierbar», meint Christoph Heiermann vom Sächsischen Landesamt für Archäologie. Er hat die Ebay-Richtlinie zum Verkauf archäologischer Funde mit ausgearbeitet, nachdem auf den Seiten des Internet-Auktionshauses gestohlene Artefakte aus sächsischen Museumsbeständen entdeckt wurden.
Richtlinien und GrundsätzeDer Sinn der damals neuen Richtlinie war, den Ebay-Nutzern die gesetzlichen Rahmenbedingungen zu vermitteln und ihr Bewusstsein für dieses Problem zu schärfen. Dieses Problembewusstsein der Nutzer kann sich aber nicht positiv auswirken, weil Ebay Hinweisen von Privatpersonen kaum nachgeht. Nach Auffassung des Internet-Auktionshauses haben nur Behörden die notwendige Kompetenz, Hinweise auf verdächtige Angebote zu geben.
Von allen Bundesländern hat aber nur Hessen eine Kommission gegen Raubgrabungen eingerichtet, die ebensowenig eine Überwachung des Ebay-Angebots gewährleisten kann wie die Landesdenkmalämter. Zudem betont Ebay in Bezug auf seine Richtlinie, dass die Entscheidung, ob Angebote mit ihren Grundsätzen im Einklang stehen, allein beim Unternehmen selbst liege.
Ebay verdient mit jedem Verkauf, der über seine Seite getätigt wird ganz gleich, ob die Ware legal oder illegal in die Hände des Verkäufers gelangt ist. Derzeit stellt Ebay fünf Prozent Provision auf den Verkaufspreis in Rechnung. Das Internet-Auktionshaus sieht sich nur als Dienstanbieter, der Käufern und Verkäufern einen Marktplatz im Internet anbietet, aber nicht dazu verpflichtet ist, die Angebote auf Rechtsverstöße zu prüfen.
«Alchemistische Amulette»Dabei sind sich die Händler der Illegalität ihres Tuns durchaus bewusst. Einer von ihnen meint, dass mit großen Wertsteigerungen zu rechnen sei, wenn die Raubgrabungen in Südosteuropa und dem Irak weiterhin zur einer rasanten Verknappung von antiken Münzen führen würden. Ein anderer schreibt in seinem Angebot von «südosteuropäischen Zulieferern».
Da Archäologen ihre Funde nicht verkaufen, sondern erforschen, und sich in den Ländern des Balkans das organisierte Verbrechen regelrecht auf Raubgrabungen spezialisiert hat, liegt es auf der Hand, dass es sich hier nur um Artefakte aus Raubgrabungen handeln kann. Einige der Funde werden sogar «ungewaschen» angeboten. Zudem wird die Ebay-Richtlinie oft dadurch umgangen, dass eigentlich unzulässige Artikel in benachbarten Kategorien unter falschen Bezeichnungen angeboten werden. So verwandeln sich antike Münzen in «alchemistische Amulette» - und verkaufen sich dennoch gut.
Zwei Verkäufer konnten in gebrochenem Englisch den genauen Fundort nennen: Viminatium in Serbien. In dieser Stadt der römischen Kaiserzeit rückten Anfang 2003 professionelle Raubgräber mit schwerem Räumgerät an und plünderten mehrere Tage lang die Bodendenkmäler. Dabei wurden wertvolle archäologische Quellen und Teile eines antiken Theaters zerstört. Ein großer Teil der Geschichte Viminatiums wird für immer im Dunkeln bleiben.
BewertungenDas Bewertungssystem Ebays wirft ein Licht auf den Kundenkreis. Bei den verdächtigen Händlern finden sich Bewertungen in vielen unterschiedlichen Sprachen. Offenbar werden einzelne Funde nicht nur aus den für die Wissenschaft wichtigen Zusammenhängen gerissen, sondern noch dazu in alle Welt verstreut.
«In diesem kriminellen Sumpf spielt Ebay eine prominente Rolle», sagte auf Netzeitung.de der Archäologe Michael Müller-Karpe, der sich seit den großen Plünderungen antiker Stätten im Irak gezwungenermaßen zum Experten für den internationalen Handel mit Artefakten aus Raubgrabungen entwickelt hat.
Erforschung von GeschichteNach seiner Ansicht mangele es in Deutschland zum einen am Bewusstsein für die Schädlichkeit dieser Straftaten und am Willen, einschlägige Gesetze anzuwenden. «Zum anderen unterhalten Sammler und Dealer dieser Hehlerantiken vielfach beste Beziehungen zu den oberen Etagen von Behörden und Politik». Dabei stehe die volkswirtschaftliche Bedeutung des Handels mit Antikem in keinem Verhältnis zu den Schäden, die der Erforschung der Geschichte daraus entstanden seien.
Ebay hat das Problem inzwischen selbst erkannt und prüft seit geraumer Zeit, ob eine Verbesserung der bestehenden Richtlinie notwendig ist. Bis dahin wird es für viele Stätten des historischen Erbes zu spät sein. Ganze Kulturepochen werden unerforscht bleiben, weil die archäologischen Quellen zerstört und ihre Reste in alle Welt verstreut sind.