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«9 to 5»: Es ist harte Arbeit

24. Aug 2007 15:18
Schön anzusehen: Das Berliner Radialsystem bei einer Sommerfeier
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Mehrsprachig, technisch anspruchsvoll und etwas seltsam präsentiert sich die digitale Bohème beim «9 to 5»-Kongress in Berlin. Was da so leicht daherkommt, ist ein schwerer Brocken, meint Maik Söhler.

Kongress

Hier geht es schon los. Die Macher sprechen gar nicht von einem Kongress, sondern von einem Festival-Camp. Es wird drei Tage lang um Arbeit, ihre Organisation, Verteilung und vor allem um Jobs jenseits der Festanstellung gehen. Aber im Programm sind die einzelnen Kongresstage den Unterpunkten «Burning Money», «Getting Things Done» und «Weltverbesserung» zugeordnet.

Harte Begriffe werden systematisch von weichen, wohlklingenden ersetzt. Seminare sind Praxisberatungen, Diskussionsrunden heißen Workshops, Selbständigkeit wird in den einführenden Worten des Mitveranstalters Holm Friebe zu «Arbeit für Leute mit stärkerem Freiheitsdrang». Wir kennen das aus der Managersprache. Was flockig-unverbindlich daherkommt, kann einen irgendwann knallhart treffen.

Lage

Das Radialsystem ist für diesen Anlass genau die richtige Adresse. Im Dreieck Mitte-Kreuzberg-Friedrichshain und somit im Zentrum Berlins gelegen, bringt es das Yuppiehafte von Mitte, das Alternative aus Kreuzberg und den Hauch von modernisiertem Patchwork-Ost-Charme aus Friedrichshain zusammen.

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Gegenüber ragt die Verdi-Zentrale auf. Dort hänge Transparente wie «Würde hat ihren Wert. Arbeit hat ihren Preis. Gesetzlicher Mindestlohn» und «Arm trotz Arbeit. Kein Lohn unter 7,50». Wenn die Windrichtung stimmt, meint man gar, den Schweiß harter Lohnarbeit riechen zu können. Das kann aber täuschen. Auch der sonst so lockeren digitalen Bohème haben Vorbereitung und Durchführung des Kongresses einige Schweißperlen auf die Stirn getrieben.

Links

Nicht weit von hier ist auch die Köpi zu finden – ein legendärer selbstverwalteter Punkladen, in dem immer eine krude Mischung aus hübscher Autonomie und hässlicher Unfreundlichkeit vorherrscht.

Wenn man will, lassen sich alle drei Gebäude – Köpi, Verdi-Zentrale, Radialsystem – im weitesten Sinne der politischen Linken zuordnen. Dann wären auf engstem Raum radikale Linke, Sozialdemokraten/Sozialisten sowie Pop- und Kulturlinke beieinander. So etwas ist noch nie gut gegangen, wenn es keinen gemeinsamen Gegner gab. Und selbst dann nicht immer.

Doch der Köpi droht die polizeiliche Räumung, und mit dem «1A Hardcore-Punk Abend mit Vaseline Children (Kroatien) + Mladina Kina (Slowenien)» sowie der «Köpi- Sommersause» hat man schon ein Gegenprogramm zur «9 to 5»-Sause parat. Das Radialsystem und die Verdi-Festung wiederum werden vom Spreekanal getrennt. Er hebt die Spannung zwischen den beiden Welten auf, größere Gewässer beruhigen ja immer.

Früher war dafür auch der «Planet» zuständig, der Berlins Rave-Kultur mitprägte, als es noch eine gab, und der heute genauso verschwunden ist wie die Industrieanlage auf der anderen Kanalseite, von deren Existenz nur noch ein Riesenschornstein zeugt. Man sieht außerdem einige Chrom-Essen von Vattenfall. Die sozialistische Jugendorganisation «Die Falken» feiert gerade um die Ecke ein großes Fest. Es sind einfach zu viele Symbole aus der Arbeitswelt, die sich hier versammeln. Wenden wir uns etwas anderem zu.

Müßiggang

Zum Glück ist da noch Tom Hodgkinson. Der Brite referiert im Radialsystem zum Thema «How to be free». So heißt auch sein neues Buch. Das letzte trug den Titel «How to be idle» (dt.: Anleitung zum Müßiggang). Er hat in London die Zeitschrift «The Idler» herausgegeben, trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift «Work kills» und Hodgkinson sagt auch gleich wie viele es sind, die durch Arbeit zu Tode kommen: zwei Millionen Menschen pro Jahr – mehr als durch Alkohol und Drogen zusammen.

Was er sonst noch sagt, ist weniger faktenreich. Es geht darum, ein besserer Mensch zu werden, jenseits von Lohnarbeit, Einkommen, Status und Geld. Seine Rezepte bestehen aus einer Mischung aus Aussteiger- und Hippietum, Underground und Gegenöffentlichkeit. Selbst Mitveranstalter Holm Friebe sieht sich gezwungen, vor Hodgkinsons Thesen über Stadtflucht und Technikfeindlichkeit zu warnen. Romantischer Idealismus ist hier nicht jedermanns Sache. Zumal dann nicht, wenn er in hohem Sprechtempo bei breitestem Londoner Akzent und ohne Übersetzung daherkommt.

Wlan

Wlan, klar. Wer hier ein Computerkabel auspackt, ist selber schuld und steht unter Festanstellungsverdacht. Man loggt sich einfach über das offene «9 to 5»-Wlan-Netzwerk ein. Die Konfiguration ist idiotensicher, das Netzwerk aber nicht. Hier kann der geübte User so einfach in Funkwellen fischen wie ein Angler im angrenzenden Spreekanal. Der eine fängt Passwörter, der andere dagegen nur kleine Fische.

Tim Pritlove vom Chaos Computer Club gibt denn auch – aber nicht nur deswegen – im Raum «Bremen» Nachhilfe zur «Sicherheit (nicht nur) in Wlan-Netzen». Im April hatte er in der Konferenz-Zeitung des Blogger-Treffens «Re:Publica» noch geschrieben: «Was ich hier in den paar Stunden bereits an Pop3-Passwörtern aus dem Netz gefischt habe ist unglaublich». Diesmal wurden in der Computerecke vorsorglich Gebrauchsanweisungen zur Sicherung von Pop3-Passwörtern aufgehängt.

So kann sich Pritlove schnell anderen Fragen zuwenden, etwa der, was die Formel Risiko = Eintrittswahrscheinlichkeit x Schadenshöhe bedeutet. Oder der, warum man nicht nur jede Woche ein Backup seiner Daten machen, sondern es auch auf Fehler überprüfen sollte.

Andere Technik

Es gibt ein paar frei zugängliche Computerterminals, aber sie werden nicht so häufig genutzt. Die Tonanlage funktioniert prima, einige Lichtinstallationen tanzen müde vor sich hin, andere Strahler sorgen am Ufer für Moskito-Alarm. Eine Band wird spontan gegründet, eine erste Single aufgenommen. Joachim Lottmann hat sich auf das Experiment Live-Bloggen eingelassen. Sein «taz»-Blog füllt sich langsam vor den Augen der Zuschauer. Er hofft außerdem auf Aufmerksamkeit in Neuseeland und Australien.

Leute

Etwa 400 Besucher sind am ersten Abend gekommen, ein Achtel davon sieht nach Presse aus. Bis auf die Medienvertreter geben sich alle sehr entspannt und diskussionsbereit, die meisten sind mehrsprachig und gut angezogen. Es handelt sich um Nachteulen, der Kongress geht ja schließlich von neun Uhr abends bis um fünf Uhr in der Früh.

Da braucht man Durchhaltevermögen - ein Kaffee um zwei Uhr nachts hilft weiter. Wer dagegen schon um 22 Uhr zum ersten Bier greift, sieht sich schrägen Seitenblicken ausgesetzt. Es mangelt an Zigarettenautomaten und deswegen auch an Zigaretten. Gespräche kreisen um Kapital und Arbeit, Kunst und Firma, Projekte und Anekdoten. Einig ist man sich bei der Ablehnung aller Formen von Festanstellung, gestritten wird darüber, wie man mit dem Alltag im Kapitalismus umgeht.

Mehr im Internet:
Ein Mann sagt: «Früher, als es noch richtige Kapitalisten gab, da war der Kapitalismus nur schwer zu ertragen. Aber heute? Schau dir meinen Bruder an, der ...» Die meisten haben ihren Frieden mit den Verhältnissen gemacht, ein besserer und digitalerer Kapitalismus ist möglich. Einem «9 to 5»-Sponsor kam das alles trotzdem verdächtig vor - er kündigte kurz vor dem Kongress seine Unterstützung wegen «antikapitalistischer» Sätze im Kongressreader auf. Zum Glück sprang der Senat ein.

Deck

Und dann gibt es noch das Deck. Ähnlich wie auf einem Kreuzfahrtschiff sind hier Liegestühle mit Blick auf den Spreekanal platziert. Es gibt einen Kicker, das Ganze hat eine sehr entspannte Lounge-Atmosphäre. Viele der luftigen Blasen und Phrasen über das Glück des Freiberuflertums und die Freiheit jenseits von Festanstellung und klassischer Lohnarbeit dringen auch hierhin vor.

In den diversen Veranstaltungen kommt einem das Gemisch aus Angebertum, hübschen Anekdoten, Vernetzungsversuchen, Charme und mangelndem Biss seltsam vor. Mal reagiert man verwundert, mal ärgert oder langweilt man sich, hier und da ist es auch sehr unterhaltsam. Am Deck aber lässt man sich mit einem Drink in einen Liegestuhl sinken, merkt, wie erschöpft man nach alledem ist, was für harte Arbeit so ein Kongressbesuch doch ist und dass man sich die noch folgenden zwei Nächte wohl besser schenken wird. Man liegt einfach da und träumt von der eigenen Festanstellung.

 
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