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Nerds in der Natur: Andy Reinboth und Thomas Schneider beim Geocaching (Foto: Caroline Benzel/nz<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Nerds in der Natur: Andy Reinboth und Thomas Schneider beim Geocaching
Foto: Caroline Benzel/nz
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Ein neuer Trend schafft das, woran Mütter und Freundinnen oftmals scheitern: Geocaching lockt Nerds raus ins Freie. Caroline Benzel war mit ihnen auf Schatzsuche.

Ein sonniger Tag an der S-Bahn Lichterfelde Süd in Berlin. Hier ist der geheime Treffpunkt. Ich bin unterwegs auf einer Mission, als Jägerin verborgener Schätze, ausgerüstet mit Turnschuhen, Jeans und einem Regenschirm. Ich werde alleine mit zwei unbekannten Männern durch die Gegend fahren, durch Gebüsche kriechen und mit suchendem Blick durch die Gegend wandern. Mein Freund weiß Bescheid.

Schnitzeljagd mit GPS
Falls ich nicht mehr auftauchen sollte, kennt er ihre Namen: Thomas Schneider (40) und Andy Reinboth (31) heißen die beiden Geocacher, die mich mit auf Schatzsuche nehmen. Geocaching ist eine moderne Form der Schnitzeljagd. Nur folgen die Jäger keinen Kreidezeichen oder handgeschriebenen Zetteln, sondern ihrem GPS-Gerät. Im Internet veröffentlichen Gleichgesinnte auf Websites wie www.geocaching.com die Koordinaten von Verstecken oder stellen Rätselaufgaben, deren Lösung zur Zielkoordinate führt.

Wie nicht anders zu erwarten, sind Thomas und Andy wesentlich professioneller ausgestattet als ich: Rucksack, Regenjacke, GPS-Geräte, Laptop und Digitalkamera gehören zu ihrer Ausrüstung. Andy trägt einen abenteuergerechten Vollbart, Thomas einen Ohrring. Zum Glück sehen die beiden ganz harmlos aus.

Erst die Technik, dann das Vergnügen
Um mir die Freuden des Geocachings näher zu bringen, haben sie verschiedene Caches, was man wohl am Treffendsten mit «geheime Lager» übersetzt, ausgesucht, nach denen wir gemeinsam suchen. Der erste verbirgt sich am Teltow-Kanal, einer beliebten Berliner Jogging-Strecke. Als wir das Auto geparkt haben, laufen wir immer schön dem kleinen Pfeil auf dem GPS-Gerät hinterher. 600 Euro kostet das Gerät von Thomas, günstigere sind ab 150 Euro zu haben.

Kein Wunder, dass die beiden mit teuren Geräten aufwarten können – bei ihnen kam erst die Technik, dann das Hobby. «Wir wollten sehen, was mit GPS noch alles geht», sagt Thomas, der freiberuflich als IT-Berater arbeitet. Auch Andy interessiert sich von Berufs wegen für technische Errungenschaften. Er arbeitet als Kommunikations-Elektroniker.

Trotz hoher Technik-Affinität, teueren Geräts und guten Kartenmaterials erleben wir kurz darauf die erste Enttäuschung – eine Sackgasse. Unbefugtes Betreten ist verboten, heißt es auf einem Schild, das an einem rostigen Tor mit scharfen Spitzen hängt. Halb hatte ich damit gerechnet, dass wir trotzdem über den Zaun klettern, doch weit gefehlt. «Man muss sich schon an Regeln halten», sagt Thomas. «Vor kurzem ist ein ganzes Kamerateam in einem Geocaching-Beitrag über ein Vordach geklettert – echte Geocacher würden das nie tun.»

Ab durch die Büsche
Wir drehen also um, und nehmen eine andere Strecke, kämpfen uns durchs Gebüsch und müssen sogar ein wenig klettern. Den Cache zu finden ist eigentlich ganz leicht. Der Schatz besteht aus einer kleinen Filmdose, in der Zettelchen verborgen sind, auf denen sich die glücklichen Finder eintragen. Im Anschluss können sie ihren Fund auch im Internet loggen, also ins Logbuch eintragen. Andy hat in den drei Jahren, in denen er Geocaching betreibt, schon über 900 Funde registriert, Thomas verzichtet auf eine Dokumentation seiner Ruhmestaten. Bundesweit sind rund 30.000 Caches versteckt, weltweit 350.000.

Der nächste Cache führt uns zu einem alten Eisenbahngelände mit Dampfloks und Gleisanlage. Schon der zweite interessante Ort in Berlin, den ich vorher nicht kannte. Und genau das mache den Reiz dieses Hobbies aus, meinen Andy und Thomas. Die Suchenden finden neue schöne Orte zum Entdecken und wer einen Cache versteckt, zeigt einen Teil seiner Welt. Andy tüftelt schon seit Monaten aus, wie er andere Geocacher am besten zu einem auf Rügen verborgenen Mini-Schatz führt.

Bei so viel Liebe zum Detail ärgern die beiden sich über den Medien-Hype, der sich gerade zum Thema entfaltet und dazu führt, dass rasend schnell neue Caches von zweifelhafter Qualität entstehen. «Es ist einfach ärgerlich, wenn man ein Versteck wochenlang austüftelt und jemand anderes dann einfach seinen Cache abwirft, ohne Rätsel und ohne besondere Mühe», sagt Andy.

Chiffrier-Maschine und Schwarzlicht
Denn für viele Geocacher ist es nicht nur wichtig, draußen in der Natur zu sein, sie reizt auch die geistige Herausforderung und das Abenteuer. Um den Cache «Enigma - S 47» zu lösen, muss man die Chiffrier-Maschine Enigma der deutschen Wehrmacht nachbauen oder am Computer simulieren. Wieder andere Verstecke lassen sich nur nachts finden, weil spezielle Reflektoren den Weg weisen. In anderen Fällen brauchen die Schatzsucher Schwarzlicht, um Geheimbotschaften lesen zu können. Manche Verstecke befinden sich gar unter Wasser. Andys liebster Nachtcache versteckte sich in einer lebensechten Gummi-Ratte.

Bei so viel konspirativer Energie ist es kein Wunder, dass manchmal die Polizei den Suchern in die Quere kommt. «Fast jeder, der aktiv beim Geocaching ist, wurde schon einmal von der Polizei angehalten», sagt Andy. «Bei mir waren die Beamten ganz enttäuscht, dass in der Filmdose keine Drogen, sondern nur Papier und Bleistift waren. Warum wir uns dort rumgetrieben haben, weiß die Polizei bis heute nicht.»

Hauptsache geheim
Wie wichtig die Geheimhaltung für Geocacher ist, erfahre ich bei der nächsten Suche. «Am schwarzen Grund» sollen wir nach einer Gedenktafel suchen und die Koordinaten der nächsten Station errechnen. Diesmal machen wir einen so genannten Multi-Cache, also eine Schatzsuche, die sich über mehrere Stationen erstreckt. Nachdem wir die Koordinaten errechnet haben, müssen wir uns in die Büsche schlagen. Und zwar heimlich. Uneingeweihte sollen nicht auf unser konspiratives Treiben aufmerksam werden, damit sie nicht den Cache entwenden.

Ich würde im Zweifelsfall ja einfach behaupten, mein entlaufenes Haustier zu suchen, aber die Jungs bleiben lieber ehrlich und suchen heimlich. Diesmal dauert die Suche länger, und einige Müllansammlungen lenken vom Wesentlichen ab. Am Ende weist uns der Pinguin den Weg. Kleiner Scherz. Die Auflösung einer Suche detailliert zu beschreiben, wäre ebenso frevelhaft wie das Ende des letzten Harry-Potter-Bandes zu verraten.

Kinderschatz gehoben
Mehrere Büsche, Bäume und Panikattacken vor Zecken weiter werden wir schließlich fündig und bergen eine kleine Tupperdose voller Kinder-Schätze: Wachsmalkreiden, Figürchen und dem wichtigen Logbuch. Andy tauscht einen Travelbug aus. Das sind Souvenirs, die von Geocache zu Geocache reisen, nachdem sie vorher mittels einer Metallplakette im Internet registriert wurden.

Eine solche Reise kann weit gehen. Auf www.geocaching.com sind Verstecke auf der ganzen Welt verzeichnet, von Afghanistan über Brasilien bis nach Zimbabwe. Geocaching ist eine interessante Möglichkeit, im Urlaub ungewöhnliche Orte zu entdecken. Auch ich rechne für meine nächste Reise fest mit den Freuden des Geocachings. Während ich entspannt am Strand liege, verwandelt mein Freund sich in einen Jäger verlorener Schätze. Das hört sich so viel besser an als: Geh spielen!