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Es regenet Geld, aber leider ist es nicht echt: Aktion der Gewerkschaft Verdi (Foto: Klaus-Dietmar Gabbert dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Es regenet Geld, aber leider ist es nicht echt: Aktion der Gewerkschaft Verdi
Foto: Klaus-Dietmar Gabbert dpa
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Ob Bahnstreik oder Börsenkrise: Auf offene Wirtschaftsfragen bieten bloggende Experten im Internet viele Antworten. Sabine Pamperrien hat sich einige Wirtschaftsblogs angesehen.

«Wie lese ich den Wirtschaftsteil einer Zeitung?» lautete jahrelang ein Seminarangebot für angehende Juristen an der Freien Universität Berlin. Die Beschäftigung mit der trockenen Materie galt als uncool, entsprechend gering war die Beteiligung.

Wer bei dieser Gelegenheit über den Tellerrand des eigenen Fachs schaute, fand sich zunächst dabei wieder, auf den Wirtschaftsseiten großer Zeitungen unbekannte Fachausdrücke zu unterstreichen. Und das waren viele. Irgendwann krönte dann die Unterfrage «Wie lese ich eine Bilanz?» die praxisnahe Lehre. Die vermittelte Wirtschaftskompetenz reichte gerade einmal, Unternehmensnachrichten halbwegs richtig zu interpretieren und eventuell selbstständig Vermögensanlageformen beurteilen zu können.

Obwohl das Schlagwort Wirtschaft zunehmend die politische Diskussion dominiert und «die Wirtschaft» längst zum Dreh- und Angelpunkt von fast allem politischen Handeln geworden ist, herrscht bei diesem Thema immer noch weitgehend tiefe Ahnungslosigkeit vor. Die aktuelle Finanzkrise ist ein weiteres Beispiel einer langen Liste von Ereignissen, deren Ursachen und mögliche Folgen für Durchschnittsbürger schwer durchschaubar sind.

Bloggende Wirtschaftsjournalisten
Eine Klärung vieler Fragen verspricht wie immer das Internet. Was machen die Notenbanken? Wer bekommt die vielen Milliarden? Bloggende Journalisten sind in ihrem Element, wo es um die schnelle Vermittlung entsprechenden Hintergrundwissens geht. Das Problem dabei ist allerdings, dass die flott vorgetragenen redaktionellen Texte oft wenig mit der Realität zu tun haben.

Clemens Wergin vom Berliner «Tagesspiegel», eigentlich mit Außenpolitik befasst, soll in seinem Weblog Flatworld mal eben erklären, «was die Welt zusammen hält». Der etwas gönnerhafte Anspruch wird im Stil des Liberalismus-Genießers vorgetragen und erstreckt sich selbstverständlich auf wirtschaftliche Zusammenhänge. Doch bei der Analyse hapert es mächtig. Wergin meint kritisieren zu müssen, dass durch das Eingreifen der Notenbanken das Risiko der amerikanischen Hypothekenkrise vergesellschaftet worden sei.

Wie Millionen anderer empörter Wirtschaftslaien geht der Kritiker offenbar davon aus, dass die Notenbanken den Verursachern der Krise Geld schenkten. In seiner Logik vom sich selbst bereinigenden Markt gehören dann Notenbanken eigentlich gleich abgeschafft.

Makroökonomie
Wo also soll sich der interessierte Laie schlau machen? Vielleicht da, wo über Experten wie Wergin gefrotzelt wird. «Wer mit dem geistigen Rüstzeug der Tauschwirtschaft die Geldwirtschaft analysiert, kommt zu den falschen Schlüssen», heißt es im Weblog Herdentrieb auf «Zeit.de». Dort werden auch all die makroökonischem Aspekte von «Wirtschaft» diskutiert, die vom Mainstream außer Acht gelassen werden.

Ein erstes Aha-Erlebnis vermittelt auf «Herdentrieb» der Eindruck, dass es außer der Marktwirtschaftsrethorik noch eine ganze Reihe anderer Wirtschaftstheorien gibt, die längst nicht alle widerlegt sind. Die Diskussion ist vielmehr so komplex, dass selbst Experten selten zu übereinstimmenden Ergebnissen kommen. Das Stichwort der Stunde ist der Begriff Heterodoxie. Einigkeit herrscht dagegen über den einseitigen Mainstream in den Medien, der den aktuellen Forschungsstand völlig unberücksichtigt lässt. Die aktuelle Finanzkrise bietet vielleicht erstmals die Möglichkeit, am konkreten, noch dazu globalen Beispiel, einem größeren Publikum Geldmarktpolitik zu erklären.

Andere Länder, andere Experten
In den USA gibt es nicht nur zahlreiche Blogs ausgewiesener Wirtschaftsexperten, sondern auch breit gefächerte und in den Medien viel diskutierte wissenschaftliche Schulen. In Deutschland dagegen bleiben selbst die Spezialisten-Blogs der großen Wirtschaftsmedien blass. Bloggende Professoren waren auf die Schnelle gar nicht zu ermitteln.

Eine umfassende Polemik gegen den wirtschaftspolitischen Mainstream bieten auf den Nachdenkseiten die Beiträge von Albrecht Müller. Müller, ehemals einflussreicher Chefstratege unter Helmut Schmidt, fokussiert die dubiose Interessenlage der aktuellen deutschen Meinungsbildner, lässt dabei aber Zukunftsperspektiven außer acht.

Die so genannten Wirtschaftsexperten aus der neoklassischen Mainstream-Abteilung haben dagegen oft ein Darstellungsproblem. Eigentlich dürften sie all ihre Analysen nur im Konjunktiv abfassen. Im Blog Boom & Bust der «Wirtschaftswoche» sah Rolf Ackermann jüngst in den Tarif-Forderungen der Lokomotivführer ein erhebliches Gefährdungspotenzial für die gegenwärtig so gute deutsche Konjunktur.

Belegt wurde das mit Zahlenmaterial zu den immer noch im internationalen Vergleich extrem hohen Lohnkosten in Deutschland, begründet mit der Gefährdung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit. Ackermann trug seine Analyse im Ton eherner Unanfechtbarkeit vor: Wen diese Fakten nicht überzeugen, dem ist ohnehin nicht mehr zu helfen.

Herausforderung Wirtschaft
Aber kommt der andere Blick zu besseren Ergebnissen? In einer seiner Wetten im «Zeit»-Herdentrieb legt sich Robert von Heusinger fest: Französische und italienische Gewerkschaften demonstrieren im Jahr 2007 in Berlin für höhere Löhne in Deutschland. Was für ein kompletter Blödsinn? Vielleicht auch nicht.

Heusinger begründet seine Prophezeiung. «In der Währungsunion fällt den Löhnen die Rolle des abgeschafften Wechselkurses zu. Und die Lohnzurückhaltung in Deutschland ist so stark ausgeprägt gewesen, dass jede weitere Abwertung gegenüber Frankreich oder Italien unakzeptabel ist. Das wäre schlicht beggar-my-neighbour vom Feinsten. Die Lohnerhöhungen müssen 2007 zumindest verteilungsneutral ausfallen. Bleiben sie weiter hinter Produktivität und Inflation zurück, müssen die Löhne in den nächsten Jahren in Frankreich und Italien sinken – oder den Euro reißt es auseinander.»

Aber die Lokomotivführer wollen schlappe 31 Prozent mehr Gehalt? Wo soll die Produktivitätsentwicklung herkommen? So eine Dreistigkeit? Nun ja: die deutschen Lokomotivführer möchten genauso viel verdienen wie ihre französischen Kollegen. Eines sollte klar sein: die Herausforderung, Wirtschaftskompetenz zu erlangen, möchte jetzt gern angenommen werden.