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Ein Tag im Leben des gläsernen Bürgers

06. Aug 2007 10:07
Sehen gut, aber nicht gut aus: Kameras zur Überwachung auf der Computermesse Cebit
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Auch ohne die Speicherung von Daten auf Vorrat und Online-Durchsuchungen: Der fiktive Tagesablauf eines Bürgers zeigt, wie weit die staatliche und private Überwachung schon reicht.

Ob zu Hause oder in der Öffentlichkeit, bei der Benutzung des Computers, der Kreditkarte oder der S-Bahn: Der moderne Mensch hinterlässt vielfältige Datenspuren. Diese Informationen wecken Begehrlichkeiten bei Staat und Wirtschaft. Der fiktive Tagesablauf eines unbescholtenen Durchschnittsbürgers zeigt, wie weit die Überwachung schon reicht - auch ohne noch diskutierte Maßnahmen wie die Online-Durchsuchung von Computern oder die vorsorgliche Vorratsspeicherung von Telefon- und E-Mail-Daten.

Mehr in der Netzeitung:
7.30 Uhr: Aufstehen, Duschen, Kaffee trinken - Bad und Küche sind ein unbeobachteter Bereich. Doch wer zum Telefon greift oder auf dem Weg zur Arbeit schon Mal zum Handy, hinterlässt bereits Spuren. «Die Netzbetreiber speichern alle Verkehrsdaten», sagt Nils Bergemann von Landeszentrum für Datenschutz Schleswig-Holstein - also wer wen wann und von wo aus anruft oder mit einer SMS bedenkt.

Öffentliche und private Kameras

Ob Handy, Festnetz oder Internet - zu Abrechnungszwecken dürfen die Telekommunikationsanbieter die Verkehrsdaten bis zu sechs Monate aufbewahren; bei Pauschalbezahlung (Flatrate) allerdings nicht. Polizei und Justiz können beim Verdacht auf «Straftaten erheblicher Bedeutung» Einblick verlangen. «Schon Diebstähle können unter Umständen dazugehören», sagt Bergemann.

8.15 Uhr: Auf dem Weg zur Arbeit gibt es vielerorts in S-Bahn oder Bus keine unbeobachteten Momente. Tausende Kameras sind im ganzen Land installiert. Wie viele genau, weiß niemand. In den jeweiligen Landesgesetzen ist geregelt, wo die Polizei die Geräte aufstellen darf - meist an sogenannten Kriminalitätsschwerpunkten. Hinzu kommen Kameras von Unternehmen oder Privatpersonen, etwa in Einkaufszentren, Bahnhöfen oder an Villen. Oft sind die Linsen auch auf die angrenzenden Bürgersteige gerichtet. Die Bilder werden unterschiedlich lange gespeichert: einen Tag oder auch einen Monat.

Funktionierende Systeme zur automatischen Erkennung von Personen in einer Menschenmenge mittels biometrischer Merkmale etwa des Gesichts gibt es noch nicht. Ein im Januar abgeschlossenes Experiment des Bundeskriminalamts war technisch eine Pleite. Der Mitbegründer des Arbeitskreises Videoüberwachung und Bürgerrechte, Peter Bittner, fürchtet für die Zukunft dennoch ein erhebliches Überwachungspotenzial. Immerhin werden in den neuen Reisepässen biometrische Daten gespeichert. Bei unmittelbarer Gefahr darf die Polizei vom 1. November an auf die Datenbanken der Passbehörden zugreifen.

Kredit- und Kundenkarten

13.30 Uhr: Beim Einkauf in der Mittagspause - natürlich unter Videobeobachtung - zieht die Verkäuferin die Kreditkarte und die Kundenkarte durchs Lesegerät. Der Käufer bekommt seine Ware und die Bonuspunkte, die beteiligten Unternehmen erhalten detaillierte Informationen über seine Konsumgewohnheiten: Was mag er? Wie viel Geld gibt er aus? Kauft er nur für sich oder Produkte für eine Familie? Damit lässt sich Werbung gezielt an Frau und Mann bringen - aber auch die Zahlungsfähigkeit des Kunden einschätzen.

Hintergrund:
17.10 Uhr: Rückfahrt von der Arbeit im Auto des Kollegen. Zumindest in einigen Bundesländern könnte die Polizei auf der Suche nach Gesetzesbrechern am Straßenrand eine Kamera aufgebaut haben, die die Kfz-Kennzeichen registriert und mit Fahndungsdaten abgleicht. Leicht gerät so der Unbescholtene in Ermittlungsverfahren hinein.

17.45 Uhr: Schnell noch zur Bank, Geld holen. Hoffentlich war mit der Steuererklärung alles in Ordnung, sonst dürfte die Finanzbehörde - ebenso wie Sozialverwaltung oder Justiz - bei einem Verdacht heimlich abfragen, wie viele Konten die Bank für den Kunden führt.

Suchmaschinen

20.30 Uhr: Zeit, im Internet den Urlaub zu buchen. Die Suchmaschine wirft tolle Angebote aus - und speichert für anderthalb Jahre lang Suchbegriffe und die IP-Adresse des Computers. Unbemerkt entsteht ein Profil, das alles über das Surfverhalten und damit viel über die Person verrät. «Die amerikanischen Suchmaschinen müssen über angefragte Personen Auskunft geben, wenn die Behörden es verlangen», warnt der Kaiserslauterer Informatikprofessor Hendrik Speck. Und die meisten Anbieter haben ihre Server in den USA.

Mehr im Internet:
Eigentlich sollte es nach New York gehen. Aber die Fluggesellschaften müssen die USA nicht nur über Namen, Reiseweg, Gepäck und Essensgewohnheiten informieren, sondern etwa auch über frühere Buchungen. 15 Jahre bleiben die Daten gespeichert - für die Bekämpfung von Terror und Kriminalität und «andere gesetzliche Erfordernisse». Will man das? Datenschützer Nils Bergemann fürchtet: «Wer sich überwacht fühlt, verzichtet darauf, seine Freiheitsrechte auszuüben.» (Christof Kerkmann/ dpa)
 
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