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Myspace: «With Love from Teheran»

02. Aug 2007 07:21
Freunde finden: Internet-Café in Teheran
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Sie suchen die Liebe oder einfach nur Freunde - iranische Frauen, die online gehen. Eine von ihnen ist Selma aus Teheran. Stefan Wirner stellt sie vor. Teil 2 des Artikels über Nutzerinnen von Myspace im Iran.

Wenn man Selmas Seite auf Myspace aufschlägt, wird man ziemlich schnell überrascht. Zum Beispiel wenn man liest, welche Religion die junge Iranerin in ihrem Profil angibt. Sie sei «Atheistin», bekennt sie freimütig. Atheistin im Iran? Kann es so etwas geben? Offenbar ja!

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Und zu ihren Lieblingsbüchern zählt Selma die Werke von Oriana Fallaci. Auch das hat es in sich. Die italienische Schriftstellerin und Journalistin, die im vergangenen Jahr im Alter von 77 Jahren starb, wurde mit ihren Kriegsberichten, etwa aus Vietnam, bekannt.

Aber auch mit Kritik am Islam hielt sie sich nicht zurück. Als sie einmal ein Gespräch mit dem damaligen geistig-religiösen Oberhaupt des Iran, Ayatollah Chomeini, führte, riss sie sich den Tschador herunter und bezeichnete ihn als «dummen Lappen». Manche ihrer Äußerungen führten dazu, dass sie von Kritikern in Europa als «anti-islamisch» bezeichnet wurde.

Vorbild Fallaci

«Natürlich war Fallaci anti-islamisch», sagt Selma dazu. «Aber sie war eine großartige Journalistin. Erzählen wir nicht alle irgendwann mal Quatsch?» Für Selma ist Fallaci «ein Vorbild» als Journalistin, vor allem wegen ihrer kritischen Reportagen. «Ich schätze ihre Humanität und ihren Blick auf das Böse im Menschen», sagt sie. «Zuerst las ich ihr Buch über Vietnam, dann verschlang ich alle anderen, die ich bekommen konnte.»

Selma studiert an der Universität in Teheran und arbeitet nebenher als selbstständige Übersetzerin und Autorin. Myspace nutzt sie vor allem, um ihre Texte zu verbreiten. «Ich brauche das Feedback», sagt sie. Ein Freund aus den USA half ihr, sich anzumelden und die Filter, mithilfe derer die iranische Regierung die Seite blockiert, zu umgehen.

«Das Internet öffnete mir die Augen», erzählt sie. «Ich verstand plötzlich, wie viele Vorurteile in der Welt existieren. Die Regierungen haben kein Interesse daran, dass sich die Menschen untereinander verstehen. Deshalb müssen wir uns selbst darum kümmern.»

Ehrlich berichten

In ihren Texten, die sie auch in einem Blog veröffentlicht, setzt sie sich kritisch mit den Religionen auseinander. «Was man heute in der Welt sieht, ist nicht der echte Islam oder das echte Christentum. Es ist nicht mal wirklich religiös», meint sie. Die Religionen seien nur dazu da, die Leute von einander getrennt zu halten. Menschen, die andere ausstoßen, nur weil sie nicht ihrer Religion oder ihrer Nation angehören, «verabscheut» sie.

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Selma versucht in ihren Texten, dem Leser den Alltag im Iran näherzubringen. Sie weiß, dass ein Risiko darin besteht, «wenn du Dinge schreibst, die offen politisch sind oder die Regierung herausfordern». Dennoch lässt sie sich nicht davon abhalten, ihre Texte auf Myspace zu veröffentlichen.

«Die durchschnittliche Person im Westen weiß nichts über uns. Der Informationsfluss geht nur in eine Richtung, und ich will dazu beitragen, das zu ändern.» Die Iranerinnen trügen selbst eine Mitschuld an der Situation. «Aus unserem falschen Nationalstolz heraus warten wir darauf, entdeckt zu werden. Wir müssen ehrlich und offen über uns berichten.»

Viele Zuschriften

Auch Selma bekam, wie andere Iranerinnen auf Myspace, neben den vielen positiven Zuschriften auch schon Hass-E-Mails zugesandt. «Das waren feindlich gesinnte, rüde Briefe. Das war sehr verstörend und brach mir das Herz, zum Beispiel, wenn jemand mich für die Politik meines Landes verantwortlich machte und schrieb, ich sei eine Antisemitin und Terroristin und der Iran gehöre sich atomar ausgelöscht.»

Damit konnte sie anfangs nicht so gut umgehen, räumt sie ein. Inzwischen beantwortet sie solche Mails. «Vielleicht bin ich manchmal zu optimistisch», sagt sie. «Aber die Zahl der gut gesinnten Zuschriften überwiegt die der hässlichen bei weitem.»

Acht Stunden online

Das Internet ist für Selma eine durch und durch alltägliche Sache. Sie stammt aus einer Akademikerfamilie, ihre Mutter und ihr Vater nutzen das Netz täglich privat und in der Arbeit. Sie selbst ist praktisch immer online, «acht Stunden am Tag», wie sie erzählt. Außer Myspace nutzt sie auch den Yahoo-Messenger und viele andere Seiten. Ihre Freunde bezeichnen sie als «Nerd».

So präsentiert sich Selma auf ihrer Myspace-Seite
«Das Internet ist eine wunderbare Sache!» schwärmt sie. Im Iran sei es inzwischen völlig normal, dass Frauen das Netz nutzten. Sie würden online gehen, um Freundschaften zu schließen, zum Dating, zum Online-Shopping, um sich Informationen zu beschaffen und sich auszutauschen. «Ich glaube, das ist nicht anders als in Berlin.» Sie schätzt die Anzahl der iranischen Blogs auf rund 80000. Offizielle Zahlen gehen vom Zehnfachen aus.

So viele Freunde

Am Wichtigsten ist Selma der Austausch mit den vielen verschiedenen Menschen, die sie über Myspace erreichen kann. «Ich könnte es mir nie leisten, all die Freunde zu besuchen, die ich inzwischen gewonnen habe. Das Fliegen wäre viel zu teuer. Aber durch das Netz kann ich billig reisen. Lol!» sagt sie ironisch. «Alles, was ich beschreibe, ist nur mein Blick auf die Welt. Ich würde nie beanspruchen, dass das die alleinige Wahrheit ist. Ich lerne nur, wenn ich verschiedenartige Meinungen höre. Ich bin offen für alle Ideen», sagte Selma.

Sie schließt mit dem Gruß, der das Motto ihres Blogs, aber auch der ihres derzeitigen Lebens ist: «With love from Teheran».

 
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