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Wo bitte geht es hier zur Welt? Internet-Café in Teheran (Foto: AP<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Wo bitte geht es hier zur Welt? Internet-Café in Teheran
Foto: AP
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

«Internet im Iran? Gibt’s nicht!» Wer so denkt, irrt. Das Netz ist in Teheran so verbreitet wie in Berlin. Iranische Frauen mögen vor allem Myspace, wie Stefan Wirner erfahren hat.

Die iranischen Mullahs haben ein Problem: das Internet. Zwar lassen sich Presse und Fernsehen überwachen und zensieren, aber das Internet ist noch immer ein Medium, das sich nicht so leicht kontrollieren lässt.

Immer wieder hört man Berichte darüber, wie sehr die iranische Führungsschicht bemüht ist, die Freiheit im Netz einzuschränken. So trat Anfang des Jahres ein Gesetz in Kraft, dass es allen Betreibern von Internetseiten im Iran vorschreibt, sich bei den Behörden registrieren zu lassen. Im vorigen Jahr befahl das Regime den Providern, ihre Brandbreite auf maximal 128 Kilobit pro Sekunde zu senken, wodurch das Herunterladen von bestimmten Inhalten aus dem Ausland erschwert werden sollte. Die Organisation «Reporter ohne Grenzen» zählt den Iran zu den 13 «größten Feinden des Internet».

Aber all das hält viele Iranerinnen und Iraner nicht davon ab, im Internet zu surfen. Vor allem die junge urbane Bevölkerung lässt es sich nicht nehmen, einen Blick in die restliche und das heißt auch westliche Welt zu wagen. Für viele iranische Frauen ist das Internet eine Möglichkeit, Einschränkungen im Alltag zu vergessen. Tausende haben sich etwa bei der Plattform Myspace angemeldet. Sie wollen sich unzensierte Informationen beschaffen und sich austauschen.

Netzwerke, Freunde, Dating
Sucht man auf Myspace unter der Funktion «Treffpunkt» einen E-Mail-Wechsel mit iranischen Frauen zwischen 20 und 40 Jahren, so erhält man derzeit 2382 Treffer. Das sind zwar weniger als in den westeuropäischen Staaten, aber mehr als etwa in Marokko (1983), im Libanon (1890) oder Libyen (209).

Es sind vor allem junge Frauen aus Teheran, die sich auf Myspace anmelden. Sucht man nur 20-jährige Frauen, so findet man 319 registrierte Iranerinnen. 30-jährige gibt es schon weniger, nämlich 65, und unter den 40-jährigen sind es gerade mal 13. Die meisten geben an, auf der Suche nach «Netzwerken» zu sein, viele halten Ausschau nach «Freunden» und sind hier wegen «Dating»

Setareh zum Beispiel ist 25 Jahre alt und lebt in Teheran. Mit 43 Freunden ist sie verlinkt, sie stammen aus der ganzen Welt. Ihr Profil auf Myspace zeigt als Hintergrundbild den Film «Fluch der Karibik», Johnny Depp in seiner Rolle als Pirat. Ihn würde sie gerne mal kennenlernen, verrät Setareh über sich. Sie liebt Hollywood-Filme wie «Das Leben des David Gale» mit Kate Winslet und Kevin Spacey, in dem es um die Todesstrafe in den USA geht, oder den Mafia-Thriller «The Departed».

«Ohne Krieg und Feinde»
Das Fernsehen hingegen «hasst» sie. Sie hört Musik von James Blunt, Christina Aguilera, aber auch iranische Interpreten wie Siavash Ghomeishi und Ebi Shajaria. In der Kategorie «Meine Helden» gibt sie u.a. Reza Khan an, den Vater des letzten Schahs von Persien, Schah Reza Pahlevi, der im Jahr 1979 gestürzt wurde.

Setareh sucht auf MySpace nach «Netzwerken», «Dating», «Ernsten Beziehungen» und «Freunden», wie sie angibt. «Eine Freundin hat mir Myspace gezeigt», erzählt sie. «Ich fand es sofort interessant.» Die meisten anderen Dating-Seiten sind ihr zu «billig und abgeschmackt». Myspace hingegen lade zur Kreativität ein: «Du kannst deine eigene Seite gestalten, deine Musik uploaden und deinen Ideen freien Lauf lassen. Das finde ich gut.»

Sie schätzt es, dass sie über dieses Portal mit Menschen aus der ganzen Welt kommunizieren kann, «ohne Krieg und ohne Feinde». Außerdem ist sie begeistert davon, was sie durch Myspace lernen kann und dass sie mit vielen Akademikern in Kontakt kommt. «Ich kann Vorlesungen und Seminare nicht besuchen, aber ich kann von einem Professor auch etwas lernen, wenn ich seine Seite aufsuche und seine Blogs lese.»

Filter und Umleitungen
Alles wäre also prima, gäbe es da nicht ein ärgerliches Problem. Die iranischen Behörden versuchen Myspace zu filtern. Wenn man die Seite im Iran öffnet, erscheint ein Banner, das darauf hinweist, dass auf der Seite «anti-islamische» Inhalte verbreitet würden. Meist kann man sich nicht einloggen. Für Setareh ist das «eine traurige Angelegenheit». Aber: «Wir Iraner geben niemals auf. Wir finden immer eine Lösung.»

Diese sieht so aus, dass viele sich Anti-Filter-Programme besorgen, sich über Freude in anderen Ländern anmelden oder die iranischen Server mit Proxy-Servern umgehen. Das bestätigt auch Mojgan. Sie ist 40 Jahre alt und arbeitet in Teheran in einer Bibliothek. Wie die meisten Teheranerinnen nutzt sie das Internet von zuhause aus. «Jeden Tag», wie sie gesteht. Sie wurde von einem Freund aus den USA auf Myspace aufmerksam gemacht.

Ressentiments und Freundlichkeit
Bei ihrem Kontakt mit Leuten aus aller Welt werden die iranischen Frauen auch immer wieder mit Vorurteilen konfrontiert. «Mein Gott, ich wurde schon gefragt: Stammst du wirklich aus Teheran?» berichtet Setareh. «Dann hieß es: 'Habt ihr dort Computer?'» Über so etwas ist sie zerknirscht: «Wie traurig, dass jemand so eine Frage stellen kann!»

Einmal habe sie eine E-Mail voller Ressentiments gegen den Iran und die Iraner erhalten, und zwar von einem Soldaten der US-Army in North Carolina. Daraufhin habe sie über das Internet die dortige Armeeführung kontaktiert und eine «sehr freundliche» Antwort erhalten.

«Mein Iran»
Wenn iranische Frauen sich auf Myspace anmelden, heißt das noch lange nicht, dass sie sich in der Opposition zum Regime befinden. Im Vordergrund stehen bei den allermeisten der Wunsch nach Freundschaften und Kommunikation. Die 27-jährige Physiotherapeutin Sepideh etwa ist auf Myspace, weil sie sich dort mit Menschen austauschen kann, die Französisch sprechen. «In meiner Heimatstadt Bushehr sprechen manche Leute Französisch, weil dort französische Ingenieure arbeiten. Ich liebe diese Sprache, und ich liebe französische Poesie.»

Die 20jährige Bahar dagegen lebte vorübergehend in Schweden, aber vor lauter Heimweh hielt sie es dort nicht aus. «Ich liebe mein Land. Ich will nie wieder woanders leben.» Sie schätzt sogar die Politik des iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinejad. «Er hat viel für unser Land getan. Mädchen und Frauen sind im Iran frei, sie können tun, was sie wollen.»

Die Johnny-Depp-Verehrerin Setareh hofft, dass Foren wie Myspace dazu beitragen, den Iran in der Welt besser bekanntzumachen. «Wir auf Myspace sind Menschen aus aller Welt, die die Botschaft der Liebe und des Friedens unter alle Ländern verbreiten wollen», sagt sie überzeugt. «Ich habe hier schon viel gelernt. Ich will dazu beitragen, dass die Leute auch etwas über andere Kulturen wie meine lernen. Das wäre eine schöne Sache.»

Abschließend bedankt sie sich für das Interesse «im Namen aller Iranerinnen und Iraner».

Lesen Sie morgen im zweiten Teil, wie die politisch interessierte Bloggerin Selma aus Teheran Myspace nutzt.