Myspace, so Allah will!
01.08.2007
Herausgeber: netzeitung.de
Aber all das hält viele Iranerinnen und Iraner nicht davon ab, im Internet zu surfen. Vor allem die junge urbane Bevölkerung lässt es sich nicht nehmen, einen Blick in die restliche und das heißt auch westliche Welt zu wagen. Für viele iranische Frauen ist das Internet eine Möglichkeit, Einschränkungen im Alltag zu vergessen. Tausende haben sich etwa bei der Plattform Myspace angemeldet. Sie wollen sich unzensierte Informationen beschaffen und sich austauschen.
Es sind vor allem junge Frauen aus Teheran, die sich auf Myspace anmelden. Sucht man nur 20-jährige Frauen, so findet man 319 registrierte Iranerinnen. 30-jährige gibt es schon weniger, nämlich 65, und unter den 40-jährigen sind es gerade mal 13. Die meisten geben an, auf der Suche nach «Netzwerken» zu sein, viele halten Ausschau nach «Freunden» und sind hier wegen «Dating»
Setareh zum Beispiel ist 25 Jahre alt und lebt in Teheran. Mit 43 Freunden ist sie verlinkt, sie stammen aus der ganzen Welt. Ihr Profil auf Myspace zeigt als Hintergrundbild den Film «Fluch der Karibik», Johnny Depp in seiner Rolle als Pirat. Ihn würde sie gerne mal kennenlernen, verrät Setareh über sich. Sie liebt Hollywood-Filme wie «Das Leben des David Gale» mit Kate Winslet und Kevin Spacey, in dem es um die Todesstrafe in den USA geht, oder den Mafia-Thriller «The Departed».
Setareh sucht auf MySpace nach «Netzwerken», «Dating», «Ernsten Beziehungen» und «Freunden», wie sie angibt. «Eine Freundin hat mir Myspace gezeigt», erzählt sie. «Ich fand es sofort interessant.» Die meisten anderen Dating-Seiten sind ihr zu «billig und abgeschmackt». Myspace hingegen lade zur Kreativität ein: «Du kannst deine eigene Seite gestalten, deine Musik uploaden und deinen Ideen freien Lauf lassen. Das finde ich gut.»
Sie schätzt es, dass sie über dieses Portal mit Menschen aus der ganzen Welt kommunizieren kann, «ohne Krieg und ohne Feinde». Außerdem ist sie begeistert davon, was sie durch Myspace lernen kann und dass sie mit vielen Akademikern in Kontakt kommt. «Ich kann Vorlesungen und Seminare nicht besuchen, aber ich kann von einem Professor auch etwas lernen, wenn ich seine Seite aufsuche und seine Blogs lese.»
Diese sieht so aus, dass viele sich Anti-Filter-Programme besorgen, sich über Freude in anderen Ländern anmelden oder die iranischen Server mit Proxy-Servern umgehen. Das bestätigt auch Mojgan. Sie ist 40 Jahre alt und arbeitet in Teheran in einer Bibliothek. Wie die meisten Teheranerinnen nutzt sie das Internet von zuhause aus. «Jeden Tag», wie sie gesteht. Sie wurde von einem Freund aus den USA auf Myspace aufmerksam gemacht.
Einmal habe sie eine E-Mail voller Ressentiments gegen den Iran und die Iraner erhalten, und zwar von einem Soldaten der US-Army in North Carolina. Daraufhin habe sie über das Internet die dortige Armeeführung kontaktiert und eine «sehr freundliche» Antwort erhalten.
Die 20jährige Bahar dagegen lebte vorübergehend in Schweden, aber vor lauter Heimweh hielt sie es dort nicht aus. «Ich liebe mein Land. Ich will nie wieder woanders leben.» Sie schätzt sogar die Politik des iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinejad. «Er hat viel für unser Land getan. Mädchen und Frauen sind im Iran frei, sie können tun, was sie wollen.»
Abschließend bedankt sie sich für das Interesse «im Namen aller Iranerinnen und Iraner».
Lesen Sie morgen im zweiten Teil, wie die politisch interessierte Bloggerin Selma aus Teheran Myspace nutzt.

