Die ChiPods kommen
28. Jun 2007 13:40
 |  Das Original: der iPod - hier als Führung Orientierungshilfe auf der "documenta 12" | Foto: Uwe Zucchi dpa |
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Chinesische iPod-Imitate drängen derzeit auf den europäischen und us-amerikanischen Markt. Sind sie ein großer Nepp oder eine preiswerte Alternative zum Original?
Edgar Klüsener hat sie getestet.
Das Angebot klingt zu gut, um wahr zu sein. Ein MP4-Player mit acht GB steht da zur Versteigerung. Das derzeit höchste Angebot liegt bei 99 Pence, umgerechnet ein Euro 50. Das Foto zeigt einen eleganten schwarzen iPod Nano-Klon, über dessen farbigen LCD-Schirm ein Video zu flimmern scheint. Die Produktbeschreibung verspricht acht Gigabyte Speicher für Musik, Fotos und Videos. Außerdem FM-Radio, Spiele und noch einiges mehr. Einen Markennamen sucht man in der Beschreibung allerdings vergeblich.
Die Versteigerung endet viereinhalb Minuten später, das Gerät geht für ein Pfund an einen Bieter aus Großbritannien. Der Verkäufer firmiert unter dem Namen «maryclassic» und berechnet für den Versand von Hongkong nach Europa das zwanzigfache der Versteigerungssumme. 21 Pfund, also rund 31 Euro, zahlt am Ende der erfolgreiche Bieter an «maryclassic».
Er ist nicht der einzige Käufer, ein Blick auf die Ebay-Feedbacks zeigt, dass «maryclassic» in den letzten Tagen hunderte MP4-Spieler abgesetzt hat. Die meisten gingen nach Großbritannien und in die USA, zunehmend aber finden sich auch Kunden aus Deutschland, Österreich und anderen europäischen Ländern.
Schnelle Lieferung
Das Geschäft mit den iPod-Klonen scheint zu boomen. «Maryclassic» ist nur einer von vielen Verkäufern. Fast alle sitzen in Hongkong, manche auch in Shanghai oder in anderen chinesischen Metropolen. Alle aber betreiben ihr Geschäft beinahe ausschließlich über Ebay. Die Geräte werden in der Regel schnell geliefert, nur selten dauert der Versand von Hongkong nach Europa länger als sieben bis zehn Tage. Zum Lieferumfang gehören neben dem iPod-Klon ein Handbuch in so schlechtem Deutsch oder Englisch, dass es beinahe unbrauchbar ist, eine CD mit Software, Kopfhörer, ein USB-Kabel, eine Schutzhülle und ein Adapter zum Aufladen.
Soweit in Ordnung. Der erste Hinweis darauf, dass vielleicht doch nicht alles so toll ist, kommt einige Tage später. Dann nämlich, wenn der Käufer den Speicher mit Musik, Fotos oder Filmen aufzufüllen beginnt. Zwar zeigen Windows, MacOs und Linux brav die angegebene Speicherkapazität an – je nach Gerät zwei, vier oder acht GB, in manchen Fällen sogar schon 16 GB oder 32 GB.
Bits und Bytes
Auch die Datenübertragung auf das Imitat stellt kein Problem dar. Nur: Die Daten sind nicht weiter verwertbar. Denn außer einem simplen Eintrag im Index des Players ist von den Daten in Wahrheit nichts im Gerät angekommen. Außerdem versagt das Gerät auch noch jeden weiteren Dienst. Des Rätsels Lösung ist einfach. Die vorgeblichen Speichergiganten entpuppen sich als biedere MP3-Zwerge, deren Firmware gehackt worden ist. Das Formatieren des eingebauten Flashspeichers entlarvt einen angeblichen acht GB-Player als simplen ein GB-Spieler. Wenn man Glück hat.
Es kann auch vorkommen, dass am Ende von den erträumten Gigabytes nur noch 128 MB an tatsächlichem Speicher übrig bleiben. Die Hersteller der Speicherchips, vornehmlich Samsung, trifft keine Schuld. Sie deklarieren ihre Ware aufrichtig als ein, zwei, vier oder acht Gigabit-Chips. Das aus den Gigabit in der Ebay-Beschreibung Gigabyte werden, dafür tragen die Fälscher die Verantwortung.
Der Unterschied zwischen einem «i» und einem «y» ist beträchtlich: Ein Gigabit entspricht 128 Megabyte, zwei Gigabit entsprechen 256 Megabyte usw. Acht Gigabit sind demnach gerade mal ein Gigabyte. Auf eine schlichte Verwechslung von Gigabit mit Gigabyte aber können sich die Händler nicht herausreden. Denn die Geräte sind so manipuliert, dass sie nicht vorhandene Gigabyte einfach nur vorspiegeln.
Zehntausende Geschädigte
Weltweit geht die Zahl der Geschädigten mittlerweile in die Zehntausende. Allein auf der amerikanischen Website MyMPxPlayer.org haben sich rund 15.000 Geprellte organisiert. Und hier findet man auch hilfreiche Tipps und Tricks zum Umgang mit dem Gerät.Wenn der gefälschte MP3/MP4-Player wegen Überladung seinen Geist aufgibt, hilft nur noch eins: neu formatieren, am besten mit MP3-Tools, die im Netz zum freien Download angeboten werden. Einmal formatiert, sind die ChiPods zwar um einiges an Speicherplatz ärmer, funktionieren aber zumindest und bereiten sogar ein wenig Spaß.
Denn im direkten Vergleich mit Apples iPod-Nanos schneiden die kleinen ChiPods gar nicht so schlecht ab. Sie können außer iTunes-Files auch reine MP3s, Ogg-Dateien, WAVs und WMA-Dateien abspielen und verfügen zudem über ein funktionsfähiges FM-Radio. Dank des eingebauten Mikrofons kann man sie auch als Aufnahmegerät verwenden, sie spielen Videos ab, zeigen Fotos, sind mit simplen Spielen ausgestattet, speichern Adressen oder lassen sich als USB-Speicherstick verwenden. Die extrem schwache Batterie aber trübt die Freude nachhaltig. Die ChiPods sind sicher nicht das erhoffte Schnäppchen. Als Totalausfall aber kann man sie auch nicht bezeichnen.