Plappern im Netz
20. Jun 2007 11:23
 |  Hier bitte einfach drauflos plappern, aber nicht mehr als 140 Zeichen: Plappadu.com | Screenshot: nz |
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Die Welt soll erfahren, was Sie gerade so treiben. Das ist die Idee von Webseiten wie Twitter.com und Texteln.de.
Caroline Benzel fragt: Will die Welt das wirklich wissen?
«Hab' meine Nachbarin im Supermarkt getroffen. Hat mich auf'n Eis eingeladen, weil ich mein letztes Geld an der Kasse gelassen hab». «Bin auf dem Konzert von Monrose. So ein Sch... Als Vorband war so was wie Lexington Bridge. Oh mein Gott.»
Thema: Twitter - ein Für und ein Wider |
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Die Ich-Show
Nein, das sind keine illegalen Handy-Mitschnitte, sondern im Internet veröffentlichte Live-Berichte aus dem Alltag, übertragen per SMS, Instant Message oder in eine Maske im Internet eingegeben. Mikro-Blogging heißt der Trend, der vor einiger Zeit von der US-amerikanischen Website Twitter.com ins Leben gerufen wurde.
«Was machst Du gerade?» lautet die Frage, die immer mehr Menschen aus der ganzen Welt unbedingt beantworten wollen. Auf Englisch, Niederländisch, Chinesisch, Spanisch, Arabisch, Russisch, Deutsch …
Während eine Amerikanerin sich über das Lob vom Chef freut, erzählt ein Mexikaner von seiner Prüfungsangst und ein Venezuelaner von einer Studentendemo. Glaubt man Twitter, so lauten die großen Themen der Welt: Schlafen, Essen, Fernsehen.
Nutzen? Egal!
Wen die Schlafgewohnheiten in New York nicht interessieren, kann sich wahlweise auch nur die Nachrichten seiner Freunde am Computer ansehen oder sogar aufs Handy schicken lassen. Mit Einträgen von bis zu 140 Zeichen gestalten die Teilnehmer so ihre eigene Reality-Show. Was das ganze soll und wie die Macher damit Geld verdienen können, wird nicht ganz klar. Aber die geschätzten 400.000 angemeldeten Twitter-Nutzer lassen die Branche aufhorchen. Kein Wunder, dass es bereits mehrere deutsche Twitter-Klone gibt: Plappadu, Wamadu, Texteln und Frazr fragen deutsche Internet-Nutzer, was sie gerade so treiben.
Späte Antworten
Nicht viel. «Schreibe gerade einen Artikel über deutsche Twitter-Klone. Frage mich, was die Faszination dieser Dienste ist, ob interessant oder Schwachsinn.» Leider interessiert das niemanden – zumindest antwortet keiner auf meine Nachricht, stundenlang.Die User, die schließlich doch noch antworten, wollen wissen, wo und wann der Artikel erscheint. Immerhin: Es ist ganz schön, während des Schreibens für die eigene Arbeit zu werben, auch wenn das Resultat nicht den Erwartungen der Fragenden entsprechen dürfte.
Essen, Schlafen, Langeweile
Die meisten fragen auch nicht, sondern erzählen lieber davon, dass sie Feierabend haben, im Job nichts tun oder essen. Das Leben der meisten Menschen scheint erschreckend langweilig zu sein, zumindest das Leben jener, die Zeit dafür haben, die Welt mit ihren Alltagshäppchen zu beglücken. Neue Nachrichten gibt es bei den deutschen Plapper-Diensten im 30-Minuten-Takt, die Nutzerzahlen sind noch zu gering, um eine sekundenschnelle Nachrichtenflut wie bei Twitter zu gewährleisten. Ist aber nicht weiter schlimm, denn wie sangen schon die Ärzte?: «Das sind alles Dinge, von denen ich gar nichts wissen will.»
Bürger- oder Politikerjournalismus?
Dass es voreilig ist, das Twitter-Rauschen komplett als schwachsinnigen Web 2.0-Hype für Selbstdarsteller abzutun, haben die Betreiber des Berliner Weblogs Spreeblick gezeigt. Auf der Unterseite «Spree8 – Nachrichten vom Zaun» konnten Gegner des G8-Gipfels aus Heiligendamm berichten, indem sie ihre Kurznachrichten per SMS einsandten oder bis zu 30 Sekunden auf einen Anrufbeantworter sprachen. Gleichzeitig liefen die Meldungen auch über Twitter. Nur: Diese Menschen hatten etwas Außergewöhnliches zu erzählen.Beliebt sind Twitter und Co auch als PR-Instrument bei Politikern. Ein gutes Beispiel ist John Edwards, der amerikanische Präsidentschaftskandidat, der seine Anhänger via Twitter über den Stand seiner Kampagnen und sein tägliches Leben informiert.
So kann sich Edwards ohne viel Aufwand von seiner privaten Seite zeigen, ohne dass lästige Journalisten seinen Auftritt bewerten: «Ich freue mich ja so mit Elisabeth und den Kindern in Iowa zu sein … ich arbeite mit den Bewohnern Iowas daran, unsere Truppen zu unterstützen und nach Hause zu holen.»
Politische Persiflage
Politisch nicht ganz korrekt sind dagegen die Twitter-Profile von Bill Clinton, Condoleeza Rice und George W. Bush: «Roter Alarm, Ihr Schlampen! John Edwards Twitter Account ist garantiert gefälscht», schreibt die Twitter-Condi, während der falsche Bill gegen Hillary Clinton hetzt.George W. Bush hat sogar Erleuchtungen: «Klar gibt es die Erderwärmung, aber das bedeutet nur längere Sommer. Und der Strand kommt näher an meine Ranch.»
Deutsche Prominenz fehlt
Einträge von Prominenten sucht man auf den deutschen Plapper-Seiten bislang vergeblich. Nur drei ehemalige Big Brother Bewohner lassen sich bei Texteln.de über ihren aufregenden Alltag nach dem Container aus.Vor allem Natasha überzeugt, nicht mit pikanten Details, sondern mit gewagter Rechtschreibung: «So jetzt schaue ich mir mein Videoklip, ist nämlich heute fertig geworden.» Außerdem muss die Arme «lestige Kundentelefonate führen» und stellt fest, «das Computer auch intelligent sein können».
Erfrischend auch die Charakterisierung von Christian, auch er war mal bei «Big Brother»: «Christian hat das BigBroter-Haus als pulsierende Persönlichkeit verlassen.» Und er hat «entlich das passende motorrad gefunden».
Kontakt zu Freunden
Jetzt hat endlich jemand auf meine Frage geantwortet, was das alles soll. Mavei schreibt auf Plappadu: «Schwierig zu beschreiben. Lockeres Beziehungsnetzwerk und kurze Texte. Dafür viele. Macht oft Spaß und hilft - manchmal».