05.06.2007
Herausgeber: netzeitung.de
Ihren Protest drücken sie auch online aus: Anti-G8-Demonstranten
Foto: dpa
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Wo im Netz informieren sich die Gegner des G8-Gipfels? Wie tauschen sie sich aus? Was treibt sie um? Maik Söhler hat sich einige Protest-Webseiten genauer angesehen.
Zumindest einmal hat der Protest über die Staatsgewalt gesiegt. Vorerst. Und auch nur in einem sehr eingegrenzten Bereich. Nämlich online.
Am Montag waren zwei Webseiten namhafter G8-Kontrahenten eine ganze Zeit lang offline. Das Portal G8-Xtra konnte man bis zum frühen Nachmittag nicht erreichen. Danach ging es wieder online - ohne einen Kommentar zur zwischenzeitlichen Störung abzugeben.
Bei der Internetseite der Polizeisondereinheit Kavala für den G8-Gipfel dauerte es eine Stunde länger, bis man dort wieder Hinweise an die Bürger nachlesen oder Anzeige erstatten konnte. Ein Polizeisprecher deutete den Teilausfall des Servers als Zeichen von Überlastung, über einen Hackerangriff lägen keine Informationen vor.
Seither kann man auf der einen wie auf der anderen Seite wieder Informationen abrufen. Zumindest gelegentlich - so richtig belastbar sind beide immer noch nicht. Wobei G8-Xtra derzeit deutlich besser zu ereichen ist als die Polizeiwebsite.
G8XtraG8Xtra gehört nicht zu den Seiten, die durchlaufende Nachrichten produzieren und so das scheinbar riesige Informationsbedürfnis der Demonstranten befriedigen. Eine gleichnamige Zeitung und eigene Newsletter standen bisher nur unregelmäßig und mit größeren Abständen zur Verfügung. Das Portal ist vielmehr eine Plattform für Protest-Service.
Von der Anreise per Bahn über Internetcafés und Camps bis hin zu Gefangenensammelstellen und Polizeiwachen listet die Seite all das akribisch auf, was rund um Heiligendamm in den vergangenen Tagen ein Thema war und auch in den nächsten Tagen noch nützlich sein könnte.
IndymediaWer sich umfassend, zeitnah und fernab der etablierten Medien über den Stand der Dinge oder über die Anti-G8-Bewegung informieren will, kommt an Indymedia nicht vorbei. Hier gibt es einen eigenen G8-Ticker, der fast halbstündlich neue Nachrichten produziert. Man kann ihn problemlos einen «Schikane-Ticker» nennen.
Gestern zum Beispiel las er sich so: «11:00: Die Polizei greift einzelne Personen aus der Menge in Lichtenhagen heraus, nachdem sie diese vorher überwacht und gefilmt hat. +++ 12:00: Ein Bus mit AktivistInnen wurde am Holbeinplatz angehalten und durchsucht. Die Polizei gibt Suche nach Waffen und Gegenständen als Grund an. +++ 12:30: AktivistInnen aus dem Camp Reddelich wurden am Bahnhof Thierfelder Str. (Rostock) von der Polizei aufgehalten. +++ 15:00: Die Migrationsdemo wird am Losgehen gehindert. Begruendung der Polizei: 500 Militante seien darunter.»
Außerdem werden Protestteilnehmer gebeten, eigene Erlebnisse zu schildern und als Beiträge zu veröffentlichen. Der so genannte Open Posting-Bereich versammelt entsprechend täglich zig Einträge - auf deutsch, englisch, französisch, spanisch und italienisch.
MultimediaIndymedia ist aber längst mehr als das, was Kritiker oft in ihr gesehen haben: eine Text-, Parolen- und Phrasenabwurfstelle im Internet. Die Macher verteilen fast täglich gedruckte Ausgaben der Handzeitung «offline. Indymedia Print Special G8 Heiligendamm». Sie ist vierseitig, mehrsprachig und bebildert.
Wem das Lesen allein zu langweilig ist, für den gibt es weitere Medienformate. Audiobeiträge, wiederum in diversen Sprachen, sind als Podcasts abrufbar. Und mit G8-TV wird auf einen Videosender verlinkt, der jeden Abend einen 20minütigen Beitrag bereithält. Weitere Kurzvideos finden sich auf der Indymedia-Seite.
SpreeblickDas Berliner Weblog Spreeblick hat vor ein paar Tagen die Unterseite «Spree8 - Nachrichten vom Zaun» freigeschaltet. Sie gibt Beobachtern des G8-Gipfeltreffens die Möglichkeit, Kurzberichte per SMS oder Telefonanruf zu veröffentlichen. Schon im Vorspann heißt es: «Bitte für alle Berichte und Kommentare unbedingt beachten: Hetze, Aufrufe zur Gewalt sowie Links zu illegalen Inhalten sind zu unterlassen, juristisch zweifelhafte Inhalte werden gelöscht.»
Stattdessen soll die Seite, die wie ein Weblog aufgebaut ist, von Kurznachrichten bis zu unabhängigen Reportagen alles enthalten, was Demonstranten und andere Meck-Pomm-Besucher zu berichten haben. Nachrichten können als Mail oder SMS abgesetzt werden. Aber auch Telefonanrufe werden aufgezeichnet und kommen als MP3s auf die Seite. Hinzu kommen reichlich Bilder. Alle Beiträge können kommentiert werden.
Die GewaltfrageImmer wieder geht es auf Indymedia und Spreeblick derzeit um die richtigen Protestmittel, sprich: die Gewaltfrage. Typisch sind Einträge wie dieser: «Wer gewalttätig und mit Steinen bewaffnet demonstriert, muss sich über das harte Vorgehen der Polizei nicht wundern! Friedliche Demos führen nicht zu sowas!»
Es folgen endlose Postings darüber, was zuerst da war, Huhn oder Ei, die Gewalt der Demonstranten oder die der Polizei. Besonders bei Spreeblick nehmen die Debatten häufig einen erstaunlich differenzierten Charakter an. Es scheint, als schrecke ein gut besuchtes Weblog die ärgsten Trolle ab. Oder aber ihre Kommentare werden schlicht und einfach gelöscht.
Echte und falsche BlogsHunderte Blogs berichten momentan sporadisch aus und über Mecklenburg-Vorpommern. Die linke Tageszeitung «Junge Welt» hat ein eigenes Blog zum Thema eingerichtet. Zahlreiche Stiftungen und Verbände mochten da nicht zurückstehen. Es handelt sich dabei überwiegend um Blog-Fakes, da oft nur Agenturmeldungen oder offizielle Stellungnahmen gepostet werden und Kommentare nicht vorgesehen sind.
In vielen anderen Blogs gibt es nichts, was es nicht gibt. Seien es wie der Klimawandel oder die Entwicklungshilfe die politischen Themen des Gipfels selbst oder sei es die ganze Bandbreite des Protests - alles wird analysiert, kommentiert, bebildert, verfilmt, vertont und wechselseitig verlinkt.
Einfach mal abschalten Einen interessanten Umgang mit dem G8-Gipfel und den Protesten hat das RA-Blog gefunden. Thomas Klotz schreibt dort: «Ich werde über das unbedeutende Schaulaufen in Heiligendamm nicht mehr berichten. Dieser Gipfel der angeblichen Globalisierungsgestalter erlangt erst durch Medienpräsenz an Bedeutung, wobei das Ereignis diese Beachtung tatsächlich überhaupt nicht verdient hat.»
Klotz schlägt vor, in den «Ignore-Modus» zu wechseln und rät jedem friedlichen und militanten G8-Gegner von einer Reise nach Heiligendamm ab: «Lasst die paar Tausend Polizeibeamten doch einfach alleine am Zaun stehen.»