08.05.2007
Herausgeber: netzeitung.de
Platz ist genügend da fürs Studium im Netz...
Foto: screenshot nz
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Laptop statt überfüllter Hörsaal, Live-Chat statt Treffen - digitales Lernen macht das Leben leichter. Caroline Benzel über Unis in Second Life, Online-Kurse in Brandenburg und den Einfluss des Web 2.0.
Studenten sitzen auf den grauen Bänken des Amphitheaters und unterhalten sich angeregt. In der Mitte des Platzes steht eine Leinwand, der Dozent kommt angeflogen. Dabei handelt es sich nicht um die Phantasie eines bekifften Studenten, sondern um eine Unterrichtsstunden des kanadischen Royalist College in der Online-Welt von Second Life.
Einmal pro Woche treffen sich die eingeschriebenen Journalistik-Studenten, um die Lehrinhalte in der virtuellen Welt zu diskutieren. Zwei Unterrichtsstunden finden zusätzlich im wirklichen Leben statt. Die Studentin Briar Bright ist mit dem virtuellen Unterricht, der seit Januar 2007 stattfindet, sehr zufrieden. «Mir macht das unheimlich viel Spaß. Außerdem traue ich mich hier eher, meine Ideen zu formulieren und Fragen zu stellen.»
Begrenzte MöglichkeitenDie Möglichkeiten von Second Life als Lern-Plattform sind derzeit allerdings begrenzt. Maximal 60 Teilnehmer können sich gleichzeitig an einem Ort aufhalten, sonst bricht das Programm zusammen. Kommuniziert wir per Chat, und Lehrmaterialien müssen auf externen Websites abgerufen werden.
Trotzdem liegt Second Life im Trend: Neben der Rheinischen Fachhochschule Köln bieten zahlreiche amerikanische Universitäten, unter ihnen die renommierte Harvard-Universität Unterricht in der Online-Welt an.
Experten skeptischDeutsche E-Learning-Experten stehen Second Life als Lern-Plattform allerdings eher skeptisch gegenüber. «Wenn man ehrlich ist, ist das doch eher ein Gag», sagt Michael Kerres, Professor für Mediendidaktik an der Universität Duisburg im Gespräch mit Netzeitung.de. «Das Programm bietet keine neuen Möglichkeiten und die Benutzer-Oberfläche würde einem Usability-Test nicht standhalten.»
Jürgen Handke von der Universität Marburg gibt ihm Recht. «Ein Live-Chat ist völlig unnötig, wenn die Inhalte selbsterklärend sind.» Handke hat bereits 2003 die virtuelle Welt «Black Sun» getestet und das Erstellen von 3D-Avataren für die wissenschaftliche Lehre als überflüssig befunden. «Die Studenten wollen so viel Wirbel gar nicht.»
Interaktive InhalteHandke und seine Kollegen haben 2002 mit Geldern des Bundesministeriums für Bildung und Forschung den «Virtual Linguistic Campus» entwickelt. Heute besuchen Studenten aus der ganzen Welt die auf Englisch gehaltenen Online-Vorlesungen im Internet. 900 Studenten sind derzeit angemeldet, die Hälfte der Studenten kommen von außerhalb. Kein Wunder schließlich verkauft die Universität Marburg ihre E-Learning-Inhalte auch an andere Hochschulen.
«Die Inhalte sind alle interaktiv. Es reicht nicht, einfach einen Text zu lesen, die Studenten müssen auch etwas tun», erklärt Handke. Während des regulären Unterrichts werden keine Inhalte mehr vermittelt, die Präsenzstunden dienen allein der Übung.
Umdenken beim E-LearningIm Kurs «Varietäten des Englischen» können die Studenten sich Hörbeispiele aus unterschiedlichen englischsprachigen Ländern anhören. Über die angebotenen Texte wird das Gehörte eingeordnet, mit einem Arbeitsblatt das Gelernte abgefragt. Wird das Papier an den Dozenten gesandt, kriegt der Student eine Lösung zugemailt. Die abschließenden Prüfungen finden ebenfalls online statt. Bis 2008 will Handke ein komplettes Linguistik-Studium online anbieten, nur rechtliche Belange und die Höhe des Studien-Entgelts müssen noch geklärt werden.
Verschiedene Hochschulen bieten Kursinhalte online an, doch gehen die wenigsten derart konsequent vor wie die Universität Marburg. In den meisten Fällen werden einfach Präsentationen oder Texte ins Internet gestellt, ohne dass die Studenten aktiv partizipieren können. Hier findet allerdings ein Umdenken statt.
Trend Web 2.0Der neue Trend im E-Learning heißt Web 2.0. «Die bisherigen Lehrangebote nutzen die spezifischen Möglichkeiten der digitalen Medien häufig nicht», sagt Michael Kerres. Durch Weblogs, Wikis und Podcasts könne man kooperative Lehrszenarien erschaffen und die Studenten in ein soziales Netzwerk einbinden.
Woran man ein gutes E-Learning-Angebot erkennt, kann Kerres jedoch nicht sagen. «Jeder hat beim Lernen andere Bedürfnisse. Eigentlich hilft da nur Ausprobieren.» Die meisten E-Learning-Angebote richten sich derzeit an Berufstätige, die sich weiterbilden wollen und keine Zeit haben, tagsüber einen Kurs zu besuchen.
Zeit, aber keine Lehrer haben dagegen viele Schüler in Brandenburg. Die Potsdamer Lenné-Gesamtschule hat deshalb ein eigenes E-Learning-Projekt entwickelt. Das Fach Recht wird hier von einer Lehrerin unterrichtet, die in Cottbus vor dem Bildschirm sitzt.