Adrian R. - Abiturent und Außenminister
05. Mai 2007 08:40
 |  Bei Miccro.de gibt es alles Neue aus den Micronations | Foto: nz screenshot |
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Schon gibt es den ersten toten Bürger in einer «Micronation» zu beklagen.
Frederic Schneider über den Trend zur Staatenbildung im Internet.
Erst Ebay, dann Youtube und StudiVZ, inzwischen bildet sich ein weiterer Trend im Mitmach- Internet, obwohl es bereits 1998 die ersten gab: so genannte «virtuelle Nationen», auch «Micronations» (Mikronationen) bezeichnet, entstehen in den Weiten des Internets. Noch fehlen die Teilnehmer, doch von organisierter Gewaltenteilung inklusive Verfassung, einem Wirtschaftssystem bis hin zur Simulation von Lebensabläufen gibt es alles, was eine funktionierende Welt so braucht. Die kleinen Web-Nationen erbauen sich eine Parallelwelt, die unserer Realität in wenigem nachsteht.
Bundesrepublik Bergen
Sven Kasubek, 20 Jahre alt, verantwortet die «Bundesrepublik Bergen», eine vergleichsweise aktive Micronation mit rund 20 Bürgerinnen und Bürgern, gegründet im Juni 2005. Im realen Leben geht er zur Schule. Im virtuellen ist er Finanz- und Wirtschaftsminister in einer Person, Bundespräsident war er auch schon. Der Juso-Politiker kam vor rund eineinhalb Jahren zu den Micronations, täglich verbringt er bis zu zwei Stunden damit. Virtuelle Nationen wie Bergen funktionieren ganz einfach: In einem Internetforum werden diverse Bereiche angelegt. Es gibt da welche für die Exekutive, für die Legislative, für die Judikative, für die Wirtschaft, sowie für die einzelnen Städte und Bundesländer. Bergen hat gleich drei Länder. Einzelne Diskussionsthemen bilden eine Simulation innerhalb der Micronation. Durch Beiträge kommunizieren die virtuellen Bürger. Dass die Begrüßung, das Anbieten eines Tees und das Hinsetzen dann mal zwei Stunden dauern kann, ist das kleinere Übel.
«Man erreicht damit einen Lerneffekt»
Es gründen sich auch politische Vereinigungen. Obwohl Kasubek normalerweise Anhänger der Sozialdemokratie ist, geht er für eine liberale Partei in Bergen auf Stimmenfang. «Ich vertrete Interessen, die ich im 'Real Life' niemals vertreten würde. Aber man erreicht damit einen Lerneffekt», sagt er. «Ich denke, dass Micronations zum Lernen und Partizipieren da sind.» Wie im echten Leben, führt Bergen diplomatischen Kontakt zu anderen Staaten. Botschafter werden ernannt, Protestnoten verteilt, und demokratische Wahlen beim befreundeten Staat spannend verfolgt. Eigens kümmert sich darum ein Außenministerium. Für die innere Sicherheit zeichnet sich ein Innenminister verantwortlich.
Adrian Richter, 17 Jahre alt
Der Justizminister hingegen ist auch vorübergehend Kanzler. Adrian Richter, 17 Jahre alt, steht eigentlich noch vor dem Abitur. Virtuell spielt er George W. Bush, Angela Merkel und Wladimir Putin – von jedem ein bisschen. Für den Staatsbürger ist die Ernennung zum Staatschef die größte Ehre: «Man hat richtig gemerkt, wie die investierte Arbeit nun belohnt wird.»
Frauen spielen in Micronations eine geringe Rolle. Laut Kasubek liegt es daran, dass sie sich mit virtuellen Nationen nicht so identifizieren können. Auf zehn Männer käme eine Frau, sagt er. Über Mode wird in Bergen nicht diskutiert. Hierbei hinkt die Simulation seinem Vorbild, die Realität, noch nach. Ein weiteres Problem ist, dass die Bürger im Virtuellen plötzlich mit Dingen konfrontiert werden, mit denen sie in der Realität noch nie zu tun gehabt hatten. In Bergen gab es einst eine Petition, die von juristisch Erfahrenen aufgrund von Formfehlern ablehnt wurde. Alle anderen haben die Fehler als nicht so wichtig angesehen, was zu Ärger unter der Bevölkerung führte. Adrian Richter meint, dass «manche erst dann beginnen, sich mit dem Thema auseinander zu setzen und dafür zu interessieren». Mit schrecklichen Moment haben die User der virtuellen Nation auch zu tun: Das schlimmste Erlebnis von Sven Kasubek war, so erzählt er, «die Simulation des Todes meines ersten virtuellen Charakters».