02.05.2007
Herausgeber: netzeitung.de
Wenn Frauen bloggen
Sie geben sich so kuriose Namen wie Frau Klugscheisser oder Madame Modeste. Und die besten unter ihnen haben einen ganz eigenen Stil gefunden. Kathrin Klette über Deutschlands Bloggerinnen.
Ich lese ja lieber Weblogs von Frauen als von Männern. Frauen erzählen die interessanteren Geschichten, finde ich, ganz ehrlich: Artikel über Internetsicherheit oder Linux-Software – klassische Themen der Männer – haben mich noch nie interessiert. Unter den Weblogs, die ich regelmäßig lese, werden 14 von Frauen und sieben von Männern geschrieben – das entspricht ungefähr dem derzeitigen Geschlechterverhältnis in der deutschen Bloggerszene.
Einer Studie der Ruhr-Universität Bochum zufolge waren zwei Drittel der 464 dafür im Internet befragten Blogger Frauen. Den größten Anteil stellten demnach die weiblichen Teenager bis 18 Jahre, die allein 40 Prozent aller Blogger ausmachen.
Bei den erwachsenen Bloggern sieht es dagegen anders aus: «Fast ausgewogen» sei das Geschlechterverhältnis hier, so die Bochumer Studie. Sieht man sich die Ranglisten der bekanntesten und beliebtesten Weblogs an, die «Deutschen Blogcharts» oder «Blogscout» etwa, dominieren auf den vorderen Plätzen jedoch die Männer: In den «Deutschen Blogcharts» vom 21. März 2007 ist Anke Gröner mit ihrem Blog auf Platz 40 als erste Frau vertreten, «Blogscout» listet am 20. März Monis Weblog «Gedankenträger» als das erste einer Frau auf Platz 36 auf.
Dabei hat die Blogosphäre schon einigen Frau zu einem Karrieresprung verholfen: Die 34-jährige Katharina Borchert, die durch ihr Weblog «Lyssas Lounge» bekannt wurde, ist seit August 2006 Online-Chefredakteurin der «Westdeutschen Allgemeinen Zeitung», und «Ehrensenf», eine kommentierende Video-Show um die Moderatorin Katrin Bauerfeind, wurde 2006 mit dem Grimme-Award Online ausgezeichnet.
Food and moreEines meiner Lieblingsblogs ist «Melancholie Modeste». Ich entdeckte die Autorin, Madame Modeste, vor zwei Jahren bei einer Lesung in einer Berliner Kneipe. Damals trug sie den Text «Verlorene Paradiese» vor, der von den kalten und fettigen Platten handelte, die es bei unseren Großeltern zu Zeiten des Wirtschaftswunders gab.
Wunderbar sinnlich beschreibt Madame Modeste, die auch schon in der inzwischen eingestellten Zeitschrift «Der Freund» veröffentlicht hat, das Schälen einer Orange. Auch sonst geht es in ihrem Weblog viel ums Essen: volle Sahnebecher werden in einem Zug gelehrt, alte Damen essen üppige Sahnetorten und junge Männer rammen ihre Zähne in fettige Schweinshaxn. Wer wissen möchte, warum sich ein Mann, der beim ersten Date mit seiner Angebeteten eine solche Schweinshaxn bestellt, als künftiger Partner disqualifiziert, sei Madame Modestes Geschichte «Der Haxnfresser» empfohlen.
Das sind Madame Modestes amüsanteren Geschichten, aber meist sind die Erzählungen in ihrem Weblog melancholisch. Die Traurigkeit fließt langsam durch ihren Blog, wenn sie über den Verfall, die Träume und die Nacht schreibt. Das ist wunderbar, ärgerlich finde ich nur, dass Madame Modeste zu selten schreibt.
Zuviel FrivolitätWie viele andere Blogger und Bloggerinnen will Madame Modeste im Web anonym bleiben. Viele geben sich äußerst kuriose Namen, nennen sich «die Klugscheisserin», «das Nuf», «Miagolare» oder eben «Madame Modeste». Dennoch unterhält man sich irgendwann über sie wie über entfernte Bekannte: «Hast du schon den neuen Text der Klugscheisserin gelesen?»
Eine Autorin, die ihr Weblog zunächst auch anonym führte, ist Katharina Borchert. «Lyssas Lounge» heißt ihr Weblog, in dem sie seit 2002 Geschichten aus ihrem Alltag erzählt. Als das Blog immer bekannter wurde, erhielt Borchert das Angebot, eine Kolumne zu schreiben. «Stadtgeflysster» handelte von den Beziehungen zwischen Männern und Frauen, dem Single-Dasein und Sex-Abenteuern und erschien fortan auf dem Internet-Stadtportal «Brainstorms».
Doch «Stadtgeflysster» hat mir nie so gut gefallen. Im Vorbeigehen erzählte Lyssa von einem Unfall im Bett mit Stöckelschuhen, und erklärte, dass ein Mann, wenn er ein guter Liebhaber sein will, die Klitoris finden muss. Mir war das zu bemühte, frivole Intimität, von der ich nichts wissen wollte. Ihr Weblog gefiel mir besser, doch gepackt hat es mich nie so richtig. Wegen ihres neuen Jobs schreibt Lyssa inzwischen seltener, ab und an schaue ich aber immer noch in «Lyssas Lounge» vorbei.
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