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Ein Filter ist mir lieber als ein Avatar

24. Apr 2007 13:03, ergänzt 16:21
Parallelwelt 'Second Life'
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Neal Stephenson gilt als Erfinder des Begriffs «Avatar» und geistiger Vater virtueller 3-D-Welten wie «Second Life». Bodo Mrozek sprach mit dem US-Schriftsteller über seine Utopien.

Netzeitung.de: Herr Stephenson, wie gefällt Ihnen die Online-Welt Second Life?

Neal Stephenson: Ich bin noch nie dort gewesen, darum weiß ich nicht viel darüber.

Netzeitung.de: Das ist schwer zu glauben. In Ihrem Roman «Snow Crash» haben Sie 1992 diese virtuelle Welt praktisch erfunden.

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  • Stephenson: Ein Freund von mir drückt es gerne so aus: Wir haben nur 30.000 Tage zu leben. Ich habe bereits mehr als 17.000 davon verbraucht. Ein räumliches Internet ist eine interessante Idee, aber es gibt andere spannende Möglichkeiten meine verbleibenden 13.000 Tage zu nutzen. In dieser Zeit könnte ich großartige Menschen treffen, Zeit mit meinen Lieben verbringen, gute Bücher lesen oder schöne Teile der Erde besuchen. Wenn ich auf meinem Totenbett liege, werde ich kaum sagen: Ich wünschte, ich hätte mehr Zeit damit verbracht, auf meinem Arsch zu sitzen und auf Pixel zu starren.

    Netzeitung.de: Interessiert es Sie denn gar nicht, wie Ihre Vision umgesetzt wird? Sie gelten immerhin als Vordenker, wenn nicht sogar als geistiger Vater von Second Life.

    Hält das Internet für verkatert: Neal Stephenson
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    Stephenson: Die Anerkennung für die Entwicklung sollte wohl eher den Programmierern von «Second Life» zuteil werden. Ja, ich bin neugierig darauf, wie es umgesetzt wurde. Aber es wird vielleicht noch eine Weile existieren und sich entwickeln. Wenn jemand 1993 zu mir gekommen wäre und gesagt hätte: Da ist ein neues Ding, das heißt World Wide Web, es ist fantastisch, Sie müssen es sich ansehen, hätte ich es mir ansehen können. Aber ich kann es mir auch im Jahr 2007 noch ansehen, wenn es besser funktioniert und mehr interessante Inhalte bereit hält.

    Netzeitung.de: Ihr Roman «Snow Crash» etablierte den Begriff Avatar für virtuelle Figuren. Wie kamen Sie gerade auf auf dieses ursprüngliche Hindu-Wort?

    Stephenson: Ich brauchte ein einfaches, möglichst cool klingendes Wort um den «Körper» eines Nutzers in der virtuellen Welt zu benennen. Ich begann im Umfeld der Idee der Inkarnation zu suchen. Das führte mich schnell zum Begriff Avatar, der die naheliegende Wahl war. Später fand ich heraus, dass andere es bereits vor mir benutzt hatten. Die Entwickler Chip Morningstar, Randy Farmer und Doug Crockford verwandten das Wort in ihrem Online-Projekt «Habitat».

    Netzeitung.de: In einem Interview sagten Sie, «Snow Crash» sei zwar Science-Fiction-Literatur, habe aber als prophetische Vision versagt, da sich niemand ernsthaft für 3-D interessiere. Das war vor vier Jahren. Inzwischen sind 3-D Animationen im Internet ein großes Thema. Würden Sie Ihren Roman heute anders beurteilen?

    Stephenson: Ich meinte damals Interfaces wie Helme oder Masken, die man sich über das Gesicht zieht und die den Ort bestimmen, an dem man sich im realen Raum bewegt. Solche Visionen waren eine Marotte der frühen Neunziger, die heute absurd erscheint.

    Mehr im Internet:
    Vieles, was jetzt als 3-D verkauft wird, ist in Wahrheit 2-D. Weil alles, was auf einem flachen Monitor erscheint, nun mal nicht räumlich ist, selbst wenn es so wirken soll. Und es sieht nicht so aus, als würde sich das in naher Zukunft ändern.

    Netzeitung.de: Dennoch wird derzeit mit viel Kraft versucht, die Illusion der Dreidimensionalität auf 2-D-Bildschirmen zu erwecken. Unternehmen eröffnen Repräsentanzen im Second Life, ganze Städte werden räumlich und detailliert im Internet nachgebildet. Können Sie sich vorstellen, dass das Internet als «Flat World» aus Texten und Fotos bald Vergangenheit sein könnte?

    Stephenson: Der Schlüssel zur Beantwortung dieser Frage liegt in sehr viel Energie und Geld. Hauptgrund für den Erfolg des Netzes ist aber, dass es beides nicht unbedingt verlangt. Leute ohne technischen Sachverstand können Websites heute leicht gestalten und verwalten. Ich kann ein Foto mit meinem Telefon knipsen, es über Bluetooth auf meinen Computer laden und in zwei Minuten auf einer Wiki-Seite veröffentlichen. Mir ist bewusst, dass ein großer Teil der Popularität von Second Life darauf beruht, dass seine Nutzer personalisierte Avatare und dreidimensionale Landschaften erstellen können.

    Netzeitung.de: Wird dies die Zukunft im Netz sein?

    Stephenson: In vielen Fällen ist 3-D nicht sinnvoll. Die meisten Inhalte des Internets basieren auf Dokumenten wie Texten, Fotos, Videos und Audio. Die sind extrem benutzerfreundlich, so wie sie sind. Die Frage ist: Was kann eine 3-D-Landschaft anbieten, das den hohen Aufwand rechtfertigen würde? Zwei Antworten sind: Eine naturalistische soziale Interaktion und die Möglichkeit, die Warenwelt aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Andere Lösungen werden mit der Zeit sicher kommen. Aber Text, Fotos, Video und Audio werden daneben bleiben.

    Netzeitung.de: Ihren Roman «Snow Crash» kann man auch als Warnung vor dem Internet interpretieren. Wie etliche Cyberpunk-Geschichten hat er Aspekte einer Dystopie, also einer negativen Utopie: Das Internet ist gefährlich und kann zur Droge werden. Heute ist die allgemeine Sicht auf das Netz eher euphorisch. Unter dem Begriff Web 2.0 erhoffen viele eine große Kommerzialisierung. Was für eine Entwicklung erwarten Sie?

    Stephenson: Ich denke, das Internet hat einen Kater. Es gibt zuviel Mist da draußen, zu viel Gift im System, der gefiltert und entsorgt werden müsste. Ein guter Mikrokosmos im großen Netz ist Wikipedia. Sein Wachstum ist ein kleines Wunder, aber es kann nur besser werden mit Filtern, die schlechte Inhalte abhalten. Die Entwicklung solcher Filter, die schon im Gange ist, wird einigen Ärger stiften. Aber die Qualität danach wird sich entscheidend verbessern.

    Netzeitung.de: Nach Ihrem Cyberpunk-Roman sind Sie als Schriftsteller in die Vergangenheit abgetaucht. Ihre Romane haben sich mit der Kryptologie im Zweiten Weltkrieg und den Naturwissenschaften des 17. Jahrhunderts beschäftigt. Welche historische Epoche ist für Sie die technologisch innovativste?

    Stephenson: Innovationen geschehen wenn viele normale Menschen Zugang zu den nötigen Werkzeugen und Ressourcen erhalten. Während der kopernikanischen Revolution hat sich die Gangart etwas beschleunigt, aber die Innovation war immer noch auf wenige eher vermögende und gebildete Menschen beschränkt. Ich glaube, das goldene Zeitalter der Innovationen begann 1714, zu dem Zeitpunkt, an dem mein Barock-Zyklus endet. Diese Ära dauerte vielleicht 300 Jahre, Höhepunkte waren die Erfindungen von Nikolas Tesla und Thomas Edison. Das späte 20. Jahrhundert war vergleichsweise weniger innovativ, obwohl durch die Entwicklung des Computers eine gewisse Revitalisierung einsetzte.

    Netzeitung.de: Und diese Entwicklung ist jetzt zu Ende?

    Stephenson: Das Problem heute ist, dass die Werkzeuge, die man braucht, um neue Technologien zu entwickeln für normale Menschen zu teuer und zu kompliziert sind. Deshalb stehen sie nur großen Firmen zur Verfügung. Gleichzeitig sind Technologien so kompliziert geworden, dass es für Individuen schwer ist, Neues zu erschaffen. Stattdessen ist ein großes Team von Ingenieuren notwendig. Das erfordert Kapital. Doch diejenigen, die eine Firma leiten, gehen meist nur widerwillig Risiken ein.

    Netzeitung.de: Sehen Sie Parallelen zwischen den barocken Wissenschaften und dem heutigen Informationszeitalter?

    Stephenson: Zur Zeit der frühen Royal Society und zu Beginn der digitalen Revolution waren die Bedingungen so, dass wenige Menschen mit großen Ideen die Welt verändern konnten. Manche von ihnen wurden berühmt und vermögend, andere arm und einsam. Der Unterschied ist, dass zu Zeiten der Royal Society wissenschaftliche Erkenntnisse produziert wurden, in der digitalen Revolution dagegen Software.

    Zur Person:
    Neal Stephenson, 1959 geboren, ist einer der wichtigsten Verteter des literarischen Cyberpunk. In seinem Roman "Snow Crash" (1992) werden erstmals Avatare beschrieben, virtuelle Charaktere in einem dreidimensionalen Netz, dem Vorbild für "Second Life". Zuletzt arbeitete er an einem Barock-Zyklus. Die ersten Bände("Confusion", "Quicksilver")sind im Goldmann-Verlag erschienen.
    Die Wissenschaft hat über hunderte von Jahren Bestand, die Software dagegen kann schon in ein paar Monaten überholt sein. Interessant vom humanistischen Standpunkt aus ist das Aufblühen von Individualität - im Guten wie im Schlechten.

    Netzeitung.de: In Ihren jüngsten Romanen haben Sie sich intensiv mit den Naturwissenschaften beschäftigt, etwa mit Isaac Newton. Der erfolgreichste deutsche Roman des vergangenen Jahres, «Die Vermessung der Welt» von Daniel Kehlmann, setzt ebenfalls auf Gelehrte als literarische Helden: den Naturforscher Alexander von Humboldt und den Mathematiker Carl Friedrich Gauss. Welcher Wissenschaftler unserer Zeit ist für Sie der wichtigste?

    Stephenson: Ich halte Roger Penrose für einen der wichtigsten Wissenschaftler unserer Epoche. Seine Arbeit als Mathematiker und Physiker wird von Fachleuten sehr geschätzt. Er versucht verschiedene Perspektiven in einem Bild zu vereinen. Einige Aspekte seiner Arbeit sind, milde ausgedrückt, kontrovers. Aber genau das macht sie so wichtig.

    Netzeitung.de: In seinem Buch «Computerdenken» behandelt Roger Penrose die Frage, ob Maschinen ein Bewusstsein erreichen können. Ist dies noch eine aktuelle Frage?

    Stephenson: Auf einer gewissen Ebene ist es eine triviale Frage. Wenn wir eine Maschine bauen können, die in jeder Hinsicht dem menschlichen Gehirn ähnelte, würde sie Bewusstsein zum gleichen Zweck erlangen wie wir. Die eigentliche Frage ist, ob die Computer, die wir jetzt haben, Bewusstsein entwickeln können. Wenn man diese Frage stellt, tauchen Probleme auf, die Philosophen bereits in den zwanziger Jahren im Wiener Kreis diskutierten; und von da rückwärts bis zu den Platonikern und Sophisten. Das ist faszinierend, wenn man sich für Philosophie und Metaphysik interessiert, aber ich halte es nicht für das zentrale Problem unserer Zukunft.

    Netzeitung.de: Die Epoche des Cyberpunk gilt als beendet. Dieser Tage wird sie als Retro-Phänomen wiederbelebt. Es scheint, als würden die Computer-Freaks und Comic-Nerds der Achtziger mit ihrer Begeisterung für Science Fiction heute den Mainstream prägen. Können Sie sich vorstellen, wieder Science Fiction zu schreiben?

    Stephenson: Ja. Ich tue es gerade.

    Netzeitung.de: Verraten Sie, woran genau Sie schreiben? In Deutschland warten wir noch auf den letzten Band der Barock-Trilogie.

    Stephenson: Es ist noch zu früh, darüber zu reden. Aber einige der in unserem Gespräch behandelten Fragen werden womöglich darin auftauchen.



     
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