netzeitung.deEin Riss in der Realität

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Der erste virtueller Penner ist schon da. (Foto: Screenshot/NewBerlin<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Der erste virtueller Penner ist schon da.
Foto: Screenshot/NewBerlin
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Im Second Life soll die deutsche Hauptstadt als New Berlin auferstehen. Noch gibt es nicht viele Gebäude, doch der erste Bettler ist schon da: Bodo Mrozek war beim Ortstermin.

Wenn auf den Alexanderplatz die Sonne scheint, dann wirft das Wahrzeichen der Stadt, der schlanke Fernsehturm mit seiner dicken runden Kugel einen Schatten wie eine Sonnenuhr. Mittlerweile kann er beinahe als Denkmal einer Epoche gelten, die gerade ausläuft: des Fernsehzeitalters. Eine Internet-Initiative hat hier zum Ortstermin geladen. Fast hätte man zwischen fundamentalistischen Wanderpredigern, Punks und den Aktivisten der «Aktion Tier» die kleine Gruppe übersehen, die sich auf den Bänken unter dem Turm niedergelassen hat. Wären da nicht die Laptops, die in der prallen Sonne etwas deplatziert wirken.

Gastgeber im Freien ist die Second-Life-Vertretung Berlin, die ausnahmsweise mal die echte Welt vorzieht. Tobias Neisecke und Jan Northoff residieren provisorisch auf ein paar grünen Bänken und erklären den mäßig interessierten Passanten ihren Plan. Nach eigener Aussage wollen sie «die Mauer zwischen virtueller und realer Welt durch ein System von Verknüpfungen niederreißen». Und welcher Ort eignet sich besser zum Niederreißen von Mauern als die deutsche Hauptstadt?

Deutsche Gründlichkeit
Als ersten Schritt zum eher metaphysischen Fernziel haben die Start-Up-Unternehmer erst mal selbst ein paar Mauern aufgebaut: virtuelle, versteht sich. In der Online-Sphäre Second Life errichten die beiden «Botschafter virtueller Welten» derzeit die Stadt Berlin. Anders als Amsterdam oder Venice Beach, die im Netz bereits existieren, soll die deutsche Hauptstadt mit deutscher Gründlichkeit simuliert werden: Ziel ist eine maßstabsgetreue Umsetzung.

Um diese wirklichkeitsnahe Illusion zu erzeugen wurde der Boden abfotografiert und die Fotos auf 65.000 Quadratmetern als virtuelle Bodenplatten verlegt.«Ein Meter in der Realität entspricht einem Meter in Second Life», erklärt Tobias Neisecke stolz, der sich als «Headhunter im Real Life» vorstellt. Für sein Projekt wirbt er vielversprechende Talente wie den jungen Mann neben ihm mit dem klingenden Namen RazorT Ratite.

Virtueller Knetgummi
Ein Nickname natürlich, im Real-Life, also außerhalb des Monitors, heißt er Tim Ebermann. RazorT ist Gründer des ersten Arbeitsamtes im Second Life, das es zu internationaler Bekanntheit gebracht hat. Für die «Second Life Vertretung Berlin» arbeitet er als Head-Builder, was soviel wie Chefdesigner heißt. Die Skylounge in der Kugel des Fernsehturmes dreht sich bereits, auch die ersten Möbel stehen schon drin. Die grünen Alt-Berliner Holzbänke hat RazorT aus jeweils 36 Prims zusammengesetzt, so bezeichnet man hier die Gestaltungseinheiten.

Leider ist bei dem grellen Sonnenlicht auf den Notebooks wenig zu erkennen. Jan Northoff, Künstler, Systemdesigner und Gründer von NewBerlin, fährt mit dem Touchscreen durch das virtuelle Berlin. Der Keller der Volksbühne ist schon fertig mitsamt der Bar des Künstlers Jonathan Meese. Mit dem verhandelt man gerade über ein «doppelt reales» Theaterstück. Nur die Volksbühne selbst ist noch nicht da, darum befindet sich der Volksbühnenkeller provisorisch jetzt unter dem Fernsehturm. Das soll sich ändern.

Northoff redet sich in Rage. Diese doppelte Reality, das sei super, irgendwie «funky», so wie «ein Riss im Raum-Zeitkontinuum»: «Voll krass, aber wir wollen gerade das Krasse.» Auf dem Bildschirm erscheint jetzt er selbst, noch etwas eckig, aber erkennbar nach Digitalfotos gestaltet. Die breiten orangefarbenen Schnürsenkel seiner Turnschuhe sehen aus wie in echt.

Currywurst mit Pixeln
Manche Second-Life-Nutzer wie RazorT, sagt er, zögen jeden Morgen ihre Avatare so an wie sich selbst. Abends wechseln sie dann die Kleidung. Er selbst sei da noch etwas schlampig, obwohl: «Ich will als ich vertreten sein.» Die Zukunft sehen die Macher rosig: Bald werde jeder nicht nur einen, sondern mehrere Avatare steuern. Für Menschen, die schon Mühe haben, ihren ersten Körper durch alle Termine des Real-Life zu steuern, nicht unbedingt eine verlockende Aussicht. Und was das für RazorTs Kleiderordnung bedeutet, mag man sich gar nicht erst vorstellen.

Allmählich geraten im Gespräch erste und zweite Welt immer öfter durcheinander und müssen wieder getrennt werden. Sieht so der Riss im Raum-Zeit-Kontinuum aus? Man starrt auf einen Monitor, wo man Menschen sieht, die neben sich selbst stehen. Philosophisch gesehen ist dies vielleicht ein großer, ein historischer Moment. Gerne würde man noch bleiben und RazorT dabei zusehen, wie er aus einem so genannten Prim, der virtuellen Knetmasse des Second Life, in Echtzeit eine Currywurst skriptet. Andererseits gibt es nebenan echte Currywürste und die Sonne brennt jetzt warm.

In diesem Moment meldet sich das erste Leben in Gestalt eines piepsenden Handys. Den NewBerlinern bleibt nur noch eine Viertelstunde, dann müssen sie ins «Headquarter». Der Regionalsender TV-Berlin und das ZDF wollen dort drehen, nächste Woche eröffnet der Kulturbahnhof im SL, es müssen Sponsoren gefunden werden, die das Projekt finanzieren wollen und überhaupt gibt es noch viel zu tun.

6,5 Hektar Berlin stehen schon im Netz. Es bleiben noch 89.167,5 Hektar übrig. Der erste Besucher auf dem virtuellen Alexanderplatz war übrigens ein Bettler, der es sich mit einem Schild auf der Bank bequem machte. Das war dann fast zu realistisch. Andererseits: Berlin bleibt doch Berlin.