netzeitung.deDer coole Opa, der Youtube revolutionierte

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Geriatric1927 (Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Geriatric1927
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Bei Youtube ist er ein Superstar, nun hat der 79-Jährige auch noch eine Band gegründet. Sabine Pamperrien porträtiert Peter Oakley.

Am 5. August 2006 veröffentlichte Oakley unter dem Pseudonym «geriatric1927» sein erstes Video in dem Portal, das als legitimer Nachfolger von MTV gilt: Schnell, laut, vergesslich. «First Try» beginnt mit der Einspielung einer uralten Blues-Aufnahme. Der Ton ist so übersteuert, dass Mundharmonika und Gitarre die Lautsprecher zum Scheppern bringen:

«Hallo Youtubers! Ich bin Youtube verfallen. Es ist so faszinierend, all die wundervollen Videos zu sehen, die ihr jungen Leute produziert. Ich fand, ich sollte selbst auch einmal eines machen.» Er hoffe auf Reaktionen und möchte auf die Kommentare gern in weiteren Videos eingehen. Die Reaktionen, die Oakleys Clip dann auslöste, waren überwältigend.

Ein Scherz, zum Glück.
Nach einer Woche galt geriatric1927 als neuer Star von Youtube. Nie zuvor erhielt ein Video mehr als 100 Video-Antworten. Geriatric1927 inspirierte 400, von den zahllosen Text-Postings ganz zu schweigen.

Kurzfristig erreichte der Blues- und Motorradfan, der in seinem Online-Profil betont, keine Piercings und Tätowierungen zu haben und der als Lieblingslektüre «alles, was mit zwischenmenschlichen Beziehungen zu tun hat» angibt, die Nr. 1 der Youtube-Charts. Inzwischen haben sich seine Videos als Nummer 9 der Alltime-Bestenliste etabliert – und keiner seiner im Durchschnitt 60 Jahre jüngeren «Konkurrenten» ist kürzer dabei als er. Er hat mehr als 40.000 Abonnenten und fast drei Millionen Besucher angezogen. Als er nach nur zwei Wochen seine Produktion aus gesundheitlichen Gründen einstellen wollte, wurde er so bestürmt, dass er weiter machte. Ende 2006 musste er seine Fans darüber aufklären, dass die Nachricht von seinem Tod ein übler Scherz war. Die Erleichterung war riesengroß.

In seiner Video-Serie «Telling it all» berichtet er in lockerer Chronologie von den Stationen seines Lebens und reflektiert die Unterschiede zwischen einst und jetzt. Gekonnt und berührend erzählt er über Kriegserlebnisse, erläutert die Vorzüge der Klassengesellschaft, räsonniert über Bildung, Politik und Religion, berichtet aber auch von seinen Nöten als allein lebender Witwer, der «Essen auf vier Rädern» geliefert bekommt und mit der Mikrowelle nicht umgehen kann.

Seine Erinnerung an die eigene sexuelle Aufklärung lässt in neun Minuten ein ganzes Zeitalter wieder auferstehen. Es gab einmal Geheimnisse! Das Gesicht des alten Herrn leuchtet auf, als er «Enter Althea» sagt und von den investigativen Interessen eines beherzten Mädchens berichtet, mit dem die zwölfjährigen Jungs «Doctors and Nurses» spielten. Wer von seinen Fans heute kann sich noch vorstellen, dass Gefängnis riskierte, wer laut Wörter wie «Fotze» sagte?

Silver Surfer
Vermutlich ist es gerade seine Fähigkeit zu ungläubigem Staunen, die Peter Oakley bei seinen Fans aus der Generation Internet so beliebt machen. Und bestimmt auch sein Mut, sich einfach hinzusetzen, und von einem gelebten Leben zu erzählen. Inzwischen hat er zahlreiche Nachahmer gefunden, die, nein, ihn nicht kopieren, sondern durch ihn den Mut gefunden haben, selbst diese Art der Kommunikation zu suchen. Plötzlich gilt auch ein unspektakuläres Leben als kostbar.

Obwohl er innerhalb so kurzer Zeit zum Medienstar avancierte, verweigerte er sich jeder Einvernahme und versicherte immer wieder, sein einziger Ort, sich zu äußern, bleibe YouTube. Als er dann doch der BBC ein Interview gab, entschuldigte er sich bei seiner Community. Er sei zu diesem Interview geradezu genötigt worden. Grinsend berichtete er, beim Besuch des BBC-Teams habe der Regisseur eine blendend aussehende junge Frau auf seinem Sofa platziert, von der ihm bis heute nicht klar sei, welche Funktion sie hatte...

In seinen jüngsten Videos bat er um Verzeihung dafür, nur noch so wenig Zeit für seine YouTubers zu haben. Er sei mit einem Projekt beschäftigt, über das er nicht sprechen dürfe. Es habe mit Silver Surfing zu tun. Ostern nun gab er in einem neuen Video sein Geheimnis Preis. Geriatric1927 rockt! Auf Anregung der BBC nahm eine Gruppe von Rentnern um Peter in den legendären Abbey Road Studios eine professionell produzierte CD auf. «I hope I die before I get old», singt der 90jährige Leadsänger Alf Caretta.


Die Cover-Version von «My Generation» ist vom 14. Mai an für 79 Cent bei iTunes erhältlich. Die CD kommt am 28. Mai in den Handel. Man will die Charts stürmen, um auf die Situation der Alten in der Gesellschaft aufmerksam zu machen; «new old age happening» heißt die Aktion. Die YouTubers reagierten begeistert: «Today YouTube and MySpace, tomorrow the World!»