Beziehungsfalle Internet: Vorsicht im Kuschelweb
27.03.2007
Herausgeber: netzeitung.de
Die Braut schreitet mit ihrem Bräutigam zum Altar, der Hochzeitsmarsch erklingt, der Brautvater fliegt herbei. Herzen und Sterne schweben durch die Luft. Eine surreale Hochzeitszene, wie es sie nur in einer Online-Welt gibt. In der virtuellen Welt Second Life etwa treiben sich nicht nur Gründer und Geschäftemacher herum. Viele Menschen suchen hier eine Beziehung. Und auch im Internet werden solche Beziehungen zunehmend mit dem Bund fürs Leben besiegelt: mit einer Hochzeit.
Doch der Trend zum Kuschelnetz hat seine Schattenseiten. Selbst Cyber-Beziehungen sind nicht immer rosarot, schon organisieren sich Selbsthilfegruppen. Psychologen und bieten virtuelle Hilfe gegen reales Geld an und auch die ersten Beziehungs-Diskussionrunden finden rege Beteiligung.
Einsam im Sex-BettAnnMarie Silvera ist eine adrette junge Frau mit einem schönen virtuellen Körper. An der Veranstaltung nehme sie Teil, weil sie frustriert über ihre Cyber-Beziehung sei, sagt sie. Ihr Online-Freund verbringe nicht mehr genug Zeit mit ihr, obwohl sie extra ein virtuelles Sex-Bett angeschafft habe. Männer seien im zweiten Leben eben genauso schlimm wie in der Realität.
Im wahren Leben, so erklärt AnnMarie auf Nachfrage, ist sie mehr als 60 Jahre als, entwirft Schmuck und ist seit 42,5 Jahren verheiratet. Warum sie im Second Life eine Beziehung sucht? Ihr Mann habe aus Krankheitsgründen kein Interesse mehr an Sex. Da hole sie sich ihre Befriedigung eben in der virtuellen Welt. Das Problem dabei: «Als Methodistin fühle ich mich schuldig, meinen Mann auf diese Weise zu betrügen.»
Geschichten, die das Netz schriebEine ganz normale Geschichte aus dem Internet. Die Idee, Menschen übers Internet kennen zu lernen, ist nicht neu. Zahlreiche Websites laden ein, den passenden Partner für Ehe oder Seitensprung zu finden. Mal hinterlassen die Nutzer ein Profil, in anderen Fällen loggen sie sich einfach in einen Chat ein und finden schreibend Gleichgesinnte.
John Suler, Psychologie-Dozent der amerikanischen Rider Universität in Lawrenceville, New Jersey, untersucht schon seit mehr als zehn Jahren die Arten von Beziehungen, die im Cyberspace entstehen. Das aufregende an Text-Beziehungen, also Beziehungen, die via Chatroom oder E-Mail entstehen, sei die Unsicherheit bezüglich der Aussagen des Gegenübers. Ohne eine menschliche Stimme falle es schwerer, Aussagen richtig einzuordnen, Feinheiten festzustellen das mache die Interpretation von Cyberbeziehungen spannend.
Vor den Traualtar gechattetWer nicht im Chatroom, sondern per E-Mail kommuniziere, habe die Möglichkeit seine Sätze abzuwägen, genauer zu formulieren. Diese Zeit zum Formulieren helfe vielen Menschen, sich richtig auszudrücken. Der Psychologe warnt aber auch vor den Gefahren: «Manche Menschen geben vor jemand zu sein, der sie gar nicht sind. Nicht immer haben sie dabei gute Absichten.»
Das Besondere an Online-Welten wie Second Life sieht Suler in der Möglichkeit, Text-Kommunikation mit visuellen Botschaften zu verbinden. «Avatare verraten immer etwas über ihre Schöpfer. Sie sind Ausdruck der eigenen Interessen, Vorlieben, der Identität», sagt Suler.
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