Chinesen stecken Internetsüchtige ins Boot-Camp
13.03.2007
Herausgeber: netzeitung.de
Etwa 1500 männliche Jugendliche im Alter zwischen 15 und 19 Jahren seien in dem Camp bei Peking umerzogen worden. Xu Leiting, Psychologe im chinesischen Boot-Camp, macht den steigenden Leistungsdruck und berufliche Konkurrenz in China für die zunehmende Internetsucht verantwortlich. Die angebliche Heilungsquote der Online-Süchtigen liege bei 70 Prozent, heißt es bei Sueddeutsche.de. Seit der Eröffnung des Camps vor drei Jahren seien dort 1500 Chinesen behandelt worden.
Boot-Camps sind vor allem in den USA eine umstrittene Erziehungsmethode. Dort gibt es staatliche und private Lager. Eltern, die an der Erziehung ihrer Kinder scheitern, stecken sie dort in quasi-militärisch geführte Umerziehungslager. Auch Straftäter werden in Boot-Camps eingewiesen um die Kosten für den Vollzug zu senken.
Ihren Namen verdanken die Boot-Camps dem englischen Wort für Stiefel oder Fußtritt. Immer wieder kam es zu Berichten über brutale Methoden und Sadismus der Erzieher, die oftmals aus Ex-Militärs rekrutiert werden. Psychologen und Erzieher betonen, dass blinder Gehorsam keine Tugend sei, die im zivilen Leben weiterhelfe - auch nicht bei Internetsucht.
Als Internetsucht wird landläufig das so genante «Mobile and Internet Dependency Syndrome» bezeichnet. Darunter versteht man den zwanghaften Drang, sich online zu betätigen. Eie spezifische Form ist der zwanghafte Konsum von Pornographie, der bei unkontrollierter Nutzung kommerzieller Angebote auch zu Schulden führen kann.
Schätzungen zufolge zeigen weltweit etwa sieben Prozent der Internet-Nutzer ein pathologisches Nutzer-Verhalten. Nach einer Studie der Caritas legten mehr als eine Million Internetnutzer in Deutschland Anzeichen einer Sucht an den Tag, warnte die Caritas im Januar. Demnach seien die Surf-Gewohnheiten bei drei bis vier Prozent der etwa 32 Millionen deutschen Internetnutzer wenigstens problematisch.
Ob jedoch Boot-Camps geeignet sind, ein Suchtverhalten wirksam zu bekämpfen, bezweifeln die Experten. Verständnis und eine psychologische Therapie seien die angemessene Behandlung, wird ein österreichischer Psychologe zitiert, der die Boot-Camps kritisiert. Und tödlich können Boot-Camps auch sein: 65 Jugendliche sind Berichten zufolge bereits in den Drill-Lagern gestorben. Die meisten von ihnen verübten Selbstmord. (nz)

