Second Life ohne Ende: 

netzeitung.deKein Oscar für Second Life

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Filmproduzent Kronos Kirkorian (Foto: Archiv<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Filmproduzent Kronos Kirkorian
Foto: Archiv
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Auch Hollywood hat «Second Life» entdeckt und soll den ersten Film drehen. Unsere Netzreporterin Caroline Benzel ist dem Gerücht nachgegangen.

Ein großes Hollywood-Studio sei gerade dabei, einen Film in «Second Life» zu drehen. Diese sensationelle Nachricht erfuhr ich neulich von Luke Connell Vandeverre, dem Geschäftsführer der «Second Life»-Börse World Stock Exchange. Ein Ausstatter habe ihm bereits ein Ritter-Kostüm geschenkt, das in diesem Film verwendet werden soll.

Leider stimmt die Nachricht nicht. Von einem Hollywood-Film konnte auf meine Nachfrage beim Ausstatter keine Rede sein. Tatsache ist aber, das es bereits zahlreiche Filme gibt, die innerhalb der Online-Welt von «Second Life» gedreht und gezeigt wurden.

Pornoindustrie dominiert

Die Suche nach den Filmen gestaltet sich allerdings frustrierend. Wer sich durch die Suchworte «Kino» oder «Film» an den Zielort teleportieren lässt, stellt schnell fest, dass in der «SL»-Filmbranche die Pornoindustrie das Sagen hat. Die Filme, die dort laufen, zeigen dann allerdings echte Menschen und nicht etwa Avatare im Sexrausch.

Vorher muss sich der interessierte Porno-Konsument in der Regel auf einer Website registrieren, Zahlinformationen hinterlassen, um dann im Anschluss die Porno-Filme innerhalb von «Second Life» anzuschauen. In manchen Kinos kann der Avatar dann beim Sehen der echten Porno-Filme gleichzeitig Sex haben, so dass sich die beiden Porno-Wirklichkeiten vollends vermischen.

Second Life-Filme im Internet

Wer nun aber Filme finden möchte, die innerhalb von «Second Life» gedreht wurden, muss die virtuelle Wirklichkeit verlassen und die Filme bei machinima.com, youtube.com und secondlife.com anschauen. Die Werke werden zwar auch immer wieder innerhalb von «Second Life» gezeigt, doch sind sie dort nicht ständig abrufbar.

Das Anschauen der Filme mache aber auch in der richtigen Welt Spaß. Sie sind durchweg von erstaunlich guter Qualität, was Kamera, Schnitt, Effekte und Sprecher angeht. «Jeder kann in 'Second Life' einen Film drehen», sagt Kronos Kirkorian, der den Film «Lip Flap» produziert hat und damit das «Take Five Machinima Festival» im Juli 2006 gewann. «Lip Flap» ist ein Insider-Begriff für die schlechte Synchronisation von Filmen. Was passiert, wenn es, wie in «Second Life», gar keine Lippenbewegungen gibt, erzählt Kirkorian in seinem Film.

Faszinierende Möglichkeit

«Als Kameramann war ich von den Möglichkeiten von 'Second Life' fasziniert und konnte einfach nicht widerstehen», sagte Kirkorian Netzeitung.de. Deshalb habe er am «Machinima»-Festival teilgenommen. «Machinima» steht für «Machine in Cinema», also für Filme, die innerhalb von 3-D-Welten produziert werden.

David Laundra, wie Kirkorian im richtigen Leben heißt, unterrichtet in New York Schauspiel und ist als Schauspieler bereits selbst in Filmen und Serien aufgetreten. Die Synchronisation des Films «Lip Flap» haben er und seine Frau übernommen. Die virtuelle Welt biete faszinierende Möglichkeiten, erzählt er. Das Drehen sei sehr billig, schließlich habe jeder Spieler automatisch die Möglichkeit, Filmsequenzen aufzunehmen. Nur die Post-Produktion sei ähnlich teuer und aufwendig wie bei einem richtigen Film.

Jobs für echte Schauspieler

Laundra geht davon aus, dass Schauspieler künftig auch mit «Second Life»-Filmen richtiges Geld verdienen können. Zumindest als Sprecher seien sie gefragt, deshalb erzähle er auch gerade seinen Studenten von den Möglichkeiten von «Second Life». Von den Hollywood-Gerüchten habe er auch gehört, wisse aber nichts Konkretes.

Die meisten virtuellen Cineasten scheinen mit ihrem Talent richtiges Geld verdienen zu wollen. So bieten die Macher des Western «Silver Bells and Golden Spurs», die «Bedazzle Studios», ihre Dienste als «Second Life»- Studio auch im Internet an. Ein Film koste zwischen 5000 und 10.000 Dollar, heißt es auf der Website. Auch innerhalb von «Second Life» nimmt das Film-Geschäft feste Formen an. Schauspieler organisieren sich bereits in eigenen Gilden, und es gibt verschiedene Kino-Gemeinschaften.

Unpolitische Filme

Vielleicht liegt es am erwünschten Werbe-Effekt, dass «Second Life»- Filme durchweg unpolitisch sind. Es handelt sich um reine Spaß-Filme, manche glorifizieren auch die Möglichkeiten der neuen virtuellen Welt.

In «Better life» wird zum Beispiel die Geschichte eines Rollstuhlfahrers erzählt, der in «Second Life» endlich wieder laufen kann. Was wie unerträglicher Kitsch klingt, kommt bei den Zuschauern aber offensichtlich an. Die Foren-Einträge sind durchweg begeistert, und der Film ist gut gemacht.


Blut und Horror

Witziger ist der Splatter-Movie «Bloody Mary», der eine Frau zeigt, die dringend einen Mann erobern möchte. Als sie für ihn tanzen will, merkt sie nicht, dass sie vergessen hat, ihre Waffen wegzustecken und somit beim Tanzen ihre gesamte Umgebung niedermetzelt.

Und auch der Beitrag der Vesuvio Gruppe, «A Zombie Stole My Heart», der für das «Second Life» 2006 Ed Wood Festival produziert wurde, ist äußerst amüsant. Außerirdische landen in «Second Life» und erobern die Köpfe der Bevölkerung. Die Teilnehmer des Festivals hatten 48 Stunden Zeit, um einen richtig schlechten Film zu produzieren, der dann in «Second Life» aufgeführt wurde. Ed Wood gilt als schlechtester Regisseur aller Zeiten, da seine Filme stets billig produziert und äußerst trashig waren. Wood passe gut zu «Second Life», lästern Kritiker in Internet-Foren. Schließlich sei «Second Life» voll von inkompetenten Menschen, die einem derart inkompetenten Regisseur ähnlich seien.

Image-Videos

Wie sich mit «Second Life»- Filmen Geld verdienen lässt, zeigt das Image-Video von Reuters. Reuters betreibt als bislang einzige Nachrichtenagentur eine Niederlassung in «Second Life», der Film rechtfertigt dieses Engagement.

Und wenn die kommenden Präsidentschaftswahlen in den USA für einen politischen Schub in der virtuellen Welt sorgen, wie «Second Life»- Filmer Davis Laundra glaubt, ist durchaus wahrscheinlich, dass Demokraten und Republikaner auch für das zweite Leben Wahlvideos produzieren lassen.