14. Feb 2007 14:39
Was ist los bei Neckermann? Pünktlich zum Valentinstag macht das altehrwürdige Versandhaus im Internet mit Sexspielzeug von sich reden.
«Ihr Schatz verwöhnt Sie perfekt mit der Zunge und dem Mund? Dann haben wir für Sie das Richtige». Mit diesen Worten preist ein renommiertes deutsches Versandhaus eine Trophäe der anderen Art an, den so genannten «Blow Job Award». Die 25 Zentimeter hohe Plastik zeigt einen Mann, vor dessen Schritt eine kniende Frau ihr Gesicht in eindeutiger Pose positioniert hat. Die nach Unternehmensangaben «wunderschön» gearbeitete Plastik aus «goldfarbenem Metall» macht pünktlich zum Valentinstag Furore. Seit einigen Tagen schon kursieren verstärkt E-Mails, in denen dazu aufgerufen wird, auf der Internetseite von Neckermann eine Warennummer einzugeben. «Du wirst eine Überraschung erleben» oder «das dürfte deinen Humor treffen» steht in den Mails. Und heute hat es der geschmacksfreie Pokal nun auch in die Boulevard-Presse geschafft. Geschmacklosigkeit oder Kalkül?
Erotik hat bei Neckermann bereits seit Jahrzehnten Tradition. Das Internet sorgt für einen weiteren Aufschwung mit Schlafzimmerartikeln, seit kurzem kooperiert Neckermann mit dem einschlägigen Anbieter Orion. Während der 1200 Seiten dicke Katalog das Geschäft mit Vibratoren, Dessous und «Gleitcreme mit Prickeleffekt» auf drei Seiten begrenzt, umfasst es im Internet rund 1000 Artikel. Das 1950 aus einem Textilhandel gegründete Versandunternehmen verzeichnet einen generellen Trend, der von der Katalog- und Telefonbestellung weg führt. Offenbar mit Wachstumsaussichten: Erst im November durchbrach Neckermann erstmals die «magische Marke» von 50 Prozent online verkaufter Waren.
Der Anteil an Erotikprodukten sei dabei nach Firmenangaben mit 0,1 Prozent verschwindend gering, wie ein Sprecher dem «Stern» versicherte. Über die Karriere des «Blow Job Awards», der in Internet-Foren bereits «Kultstatus» erworben habe, zeigt man sich denn auch überrascht. «Normalerweise verkaufen wir zwei bis drei pro Tag, aber in den letzten Tagen haben sich die Bestellungen verzwanzigfacht», so der Sprecher, der freimütig einen «Hype im Internet» um das Produkt einräumt.
Genau diese Darstellung erregt Zweifel. Die Platzierung einer vermeintlichen Skandal-Meldung über den Verkauf von Sexspielzeug dürfte dem Umsatz am Valentinstag nicht gerade schaden. Der Sprecher eines konkurrierenden Versandhauses, der nicht genannt werden will, nennt das Stichwort «Virales Marketing». Darunter versteht man in der Branche die Verbreitung von Werbung über Gerüchte, oftmals verpackt in skandalträchtige oder lustige Informationen, die sich im Netz verbreiten sollen wie ein Virus. Mit solchen Kampagnen werden potentielle Kunden auf kommerzielle Internetseiten gelenkt. Die Nutzer dienen dabei unfreiwillig als Werbemedium.
Ob es sich bei der termingenau platzierten Nachricht vom «Blaskonzert» um eine solche Maßnahme handelt, lässt sich freilich nicht belegen. Der «Blow Job Award» selbst ist jedoch ein alter Hut. In einem Internetforum findet sich ein mehrere Jahre alter Beitrag, der den Pokal als uralten Scherzartikel aus dem Souvenirbedarf entlarvt. Zum Valentinstag käme er ohnehin zu spät. Die Lieferzeit der 9,99 Euro teuren Trophäe beträgt derzeit vier bis fünf Wochen. (nz)