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Süchtig nach Bits und Bytes

12. Jan 2007 13:21
Computerspieler auf der Games Convention
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Angeblich weisen über eine Million deutsche Internetnutzer Anzeichen von Sucht auf. Experten streiten jedoch darüber, ob Internetsucht tatsächlich eine eigene Krankheit ist.

Sie sähen aus wie wandelnde Leichen, sagt Andreas Koch, Psychologe bei der Berliner Caritas, über Internet-Süchtige. Täglich verbringen sie zehn bis 15 Stunden im Netz - ohne ausreichend zu essen, zu trinken oder sich zu waschen. Viele von ihnen lebten von Hartz IV und verabschiedeten sich nach und nach aus dem realen Leben - bis zum dem Tag, an dem die Telefongesellschaft den Anschluss sperrt.

Die Sucht nach Computerspielen, Chats oder Sex-Websites gilt als so genannte substanzunabhängige Verhaltenssucht. Die Entzugssymptome, die Betroffene entwickeln, wenn ihnen der Netzzugang verwehrt oder den Computer weggenommen wird, ähneln dabei durchaus denen von Alkoholikern oder Drogenabhängigen.

Kalten Entzug empfohlen

In leichten Fällen könnten die Betroffenen einen kontrollierten Umgang mit dem Netz erlernen, sagt Koch. Das gelte vor allem für junge Menschen. In extrem Fällen sieht Koch jedoch nur einen Weg, die Süchtigen aus ihrer Scheinwelt zu reißen: vollkommene Abstinenz. «Nach drei bis vier Wochen ohne Internet sind die Leute wieder klar im Kopf und fragen sich, was läuft eigentlich in meinem Leben falsch.»

Koch leitet das Berliner «Café Beispiellos», eine Einrichtung, die die Caritas ursprünglich für Glücksspielsüchtige gegründet hat. Inzwischen hat die Wohltätigkeits- Organisation wegen der zunehmenden Zahl von Betroffenen im Oktober eine Therapiegruppe speziell für Internet-Junkies ins Leben gerufen.

Krankheit oder nur Symptom?

Noch streiten Experten jedoch, ob Online- Sucht tatsächlich eine eigene Krankheit oder aber ein Einzelsymptom ist, das andere Diagnosen verdeckt oder überlagert. Bert te Wildt, Mediziner der Abteilung Klinische Psychiatrie und Psychotherapie der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) hat kürzlich eine Studie mit 23 Internet-Süchtigen durchgeführt. 80 Prozent der Probanden wiesen demnach ein depressives Syndrom auf, das schon vor der Internetabhängigkeit vorlag. Außerdem fand te Wildt eine überdurchschnittliche Zahl von Angsterkrankungen und Persönlichkeitsstörungen.

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Die Ergebnisse der Studie sprächen dafür, dass sich hinter der Internetsucht bekannte psychische Störungen verbergen, urteilt die Studie. Te Wildt hält deshalb wenig von einer Einordnung als Suchterkrankung - eine Einschätzung, die nicht alle Mediziner teilen. Unumstritten ist jedoch, dass Sucht nach Computerspielen oder dem Internet kein Einzelfall ist: Mehr als eine Million Internetnutzer in Deutschland zeigen laut verschiedener Untersuchungen Anzeichen einer Sucht, warnt die Caritas. Bei drei bis vier Prozent der etwa 32 Millionen deutschen Internetnutzer sei der Gebrauch des neuen Mediums zumindest problematisch.

Dazu gehören allerdings auch Jugendliche, die sich nur vorübergehend obsessiv am Computer spielen. Sie können nach Ansicht von Experten lernen, bewusster mit dem Internet umzugehen. (nz/AP)

 
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