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Test für Gesichtserkenunng am Mainzer Hauptbahnhof (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Test für Gesichtserkenunng am Mainzer Hauptbahnhof
Foto: dpa
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Neue Computertechnik erlaubt es, rund um die Uhr Daten über die Bürger zu erfassen und auszuwerten. Experten warnen vor einem Überwachungsstaat.

Der Bundesbeauftragte für Datenschutz und Informationsfreiheit, Peter Schaar, hat vor einer Vollüberwachung mit Hilfe modernster Computertechnik gewarnt. Auswertung und Speicherung von Daten aus unterschiedlichsten Quellen stellten praktisch kein Problem mehr da, sagte er der Nachrichtenagentur AP.

Eine lückenlose Beobachtung sei laut Schaar «eine unter technologischen Gesichtspunkten nicht abwegige Vorstellung.» Schon jetzt ist so etwas möglich: Eine Überwachungskamera im Bahnhof kann mit der erforderlichen Technologie automatisch die biometrischen Merkmale von vorbeigehenden Passanten ermitteln. Nur wenige Minuten dauert der Abgleich mit den Datenbeständen, die über die Meldeämter der Republik verteilt sind.

Daten aus anderen Quellen kommen hinzu: Die Person ist am Tag zuvor mit dem Auto in einer Radarfalle geblitzt worden, einige hundert Kilometer entfernt. Die automatische Überwachungsanlage hat auch hier die biometrischen Merkmale des Gesichts erfasst und abgefragt. Und was der Bequemlichkeit dient, die Frage per automatisch geortetem Handy nach dem nächsten italienischen Restaurant in wieder einer anderen Stadt, ist ebenfalls in irgendeiner Datei gespeichert, mitsamt der Uhrzeit.

Eine Kombination von Videotechnik, Biometrie, Internet, Vernetzung, digitaler Speichertechnik, verbunden mit intelligenten Mustererkennungsverfahren ergibt laut Schaar eine neue Qualität. «All so etwas, das ist nicht nur auf dem Sprung, das ist jetzt schon teilweise Realität.» Im Hauptbahnhof von Mainz wird die automatische Gesichtserkennung seit einigen Monaten erprobt. Aber nicht nur den Behörden steht die moderne Technik zur Verfügung.

Kürzlich hat das schwedische Unternehmen Polar Rose für das kommende Frühjahr eine kostenlose Erweiterung für Internet-Browser, ein so genanntes Plugin, für automatische Gesichtserkennung angekündigt. Mit Hilfe dieses Plugins können Nutzer Bilder von Freunden und Bekannten im Internet, etwa in Foto-Communities wie Flickr oder MySpace suchen. Die Software vergleicht zwei Bilder miteinander, anstatt wie bei der bisherigen Bildersuche, nur den inhaltlichen Kontext von Fotos auf Web-Seiten zu erfassen. Sogar Personen, die nur im Hintergrund eines Fotos zu sehen sind, findet das Programm.

Technik krempelt unser Leben um
Diese technischen Entwicklungen werden «unser aller Leben umkrempeln», ist Schaar überzeugt. «Wie wir arbeiten, wie wir leben, wie wir wohnen, wie wir uns in der Öffentlichkeit bewegen, wird in zehn Jahren völlig anders sein. Vielleicht merken wir die Änderung individuell gar nicht so.» Aber objektiv werde sich sehr viel verändert haben.

Entziehen kann man sich der Datensammlung kaum. Die Vorstellung, einzelne Informationen wären wegen der Masse an gesammelten Informationen nicht mehr auffindbar, lasse sich angesichts aktueller Auswertungsprogramme nicht mehr halten, sagt Schaar. «Die Daten können über alle möglichen Netze übertragen werden, über Internet oder Funknetze, und zwar ohne Kontrolle des Betroffenen.»

Früher unterschiedliche und inkompatible Systeme für die Erfassung und Verarbeitung von Daten würden durch den technologischen Fortschritt zusammengeführt, erläutert Schaar. Deshalb lasse sich die Auffassung, dass in zentralen Computern zusammengefasste Informationen aus Sicht des Datenschutzes problematisch seien, sich nicht mehr halten. Schnelle Datenleitungen ermöglichen jederzeit den Abruf auf gespeicherte Daten.

Deshalb gehe es vielmehr darum, wer auf bestimmte Daten zugreifen könne und ob die Daten überhaupt gespeichert seien. Im Gegenteil könnte ein zentrale Speicherung in diesem Szenario sogar von Vorteil sein, sagt Schaar. Dann nämlich gebe es einen Verantwortlichen gäbe, an den man sich halten könnte. «Wenn sich die Daten auf 100 verschiedene Stellen verteilen, führt das nicht automatisch dazu, dass der Datenschutz besser gewährleistet wird.»

Keine Grenzen mehr
Technisch gibt es keine Grenzen mehr für die Datenverarbeitung. Gleichzeitig nehme das Datenaufkommen weiter zu, weil sich Informationstechnik immer häufiger in Alltagsgegenstände wie Kühlschränke, Kaffeemaschinen oder Turnschuhe eingebaut sei. «Man kann fast sagen, Datenverarbeitung ist heute schon allgegenwärtig», kritisiert der Datenschützer.

Angesichts dieser technischen Entwicklung fordert Schaar, dass sich unsere Gesellschaft den Herausforderungen der Informationstechnologie offensiv stellt. Politik und Gesellschaft dürften sich nicht darauf beschränken, irgendwelche Gefahren gesetzlich einzuhegen. Sie müssten vielmehr auf die Technikentwicklung und die Entwicklung von Verfahren Einfluss nehmen, damit Grundwerte wie der Schutz der Privatsphäre auch in einer technologisch geprägten Welt gewahrt blieben. «Wenn man das übersieht, wird man eine Gegenbewegung bekommen, die weit über den Datenschutz hinausgeht, weil sie letztlich die Akzeptanz von Technologie generell in Frage stellen wird.» (nz/ AP)