06.12.2006
Herausgeber: netzeitung.de
Nintendos Konsole 'Wii'
Foto: Nintendo
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Die als Revolution angekündigte Spiel-Konsole «Wii» kommt am Freitag auf den europäischen Markt. Ihre Bedienung soll Spiele-Muffel und vor allem Frauen überzeugen.
Von Chris MelzerRevolutionen sind selten so lange angekündigt. Doch nach Jahren des Werkelns kommt am 8. Dezember die fünfte Generation von Nintendos Spielekonsole auf den europäischen Markt. In den USA steht die Konsole bereits seit dem 20. November in den Geschäften, in Japan seit dem 4. Dezember. Was lange mit dem Arbeitstitel «Revolution» durchs Internet geisterte, heißt jetzt «Wii» soll der Xbox 360 von Microsoft und Sonys Playstation 3 Konkurrenz machen - und den glücklosen Vorgänger Nintendo Gamecube ablösen.
Der Spielewürfel hatte es seit dem Start im Frühjahr 2002 schwer gegen die Konkurrenz, der einstige Branchenprimus Nintendo sackte hinter Sony und gar dem Spieleneuling Microsoft ab. Mit der «Wii» das anders werden. Mit einem günstigen Preis, vielen Spielen, einem neuen Image und vor allem neuer Technik will Nintendo Marktanteile zurückgewinnen.
Wie FernbedienungDie Steuerung der Konsole «Wiimote» sieht wie eine Fernbedienung aus. Mit dem Controller kann man das ganze Spiel steuern: Bewegungssensoren lassen die «Wiimote» mal Lenkrad, mal Schwert, mal Tennisschläger sein. Eine ausgefeilte Technik nimmt die Bewegungen auf und wandelt sie in Signale um, und schickt diese an die Konsole.
Der Spieler sitzt nicht mehr mit einem Dutzend Knöpfen im Fernsehsessel, sondern steht vor dem Gerät und schwingt den imaginären Golfschläger oder holt mit dem nur virtuell vorhandenen Säbel aus. Es geht aber auch sanfter: Bei einem Spiel muss vorsichtig balanciert werden, damit eine Kugel in ein Loch plumpst.
Neue Zielgruppe gewinnen«Wir wollen mit der «Wii» ganz neue Zielgruppen ansprechen, die bislang eine gewisse Schwellenangst vor angeblich komplizierten Videospielen hatten», sagt Stefan Gundelach von Nintendo in Großostheim (Bayern). Selbst Anfänger kämen mit dem Controller sofort klar. Die Wii soll nachmachen, was Nintendos mobile Konsole DS vormachte: Sie wurde auch für ältere Spieler attraktiv und erreichte einen hohen Anteil da, wo er sonst kaum messbar war: bei den Frauen.
Gleich 27 Titel gibt es zum Verkaufsstart. Mario ist erstmals in der Nintendo-Geschichte noch nicht dabei, der populäre italienische Klempner muss noch warten. Dafür liegt der aktuelle Titel der «Zelda»-Reihe in den Regalen - ein Indiz, dass Nintendo «erwachsen» werden will. Branchenführer Electronic Arts (EA) bringt Sport- und Autorennspiele heraus, eigentlich eine Domäne von Xbox und Playstation.
Aufwändigere Spiel-Entwicklung«Durch die neuartige Steuerung ergeben sich fantastische Möglichkeiten für die Spieldesigner und -entwickler», sagt Martin Lorber von EA. «Mit Freuden» seien diese Möglichkeiten aufgegriffen worden. «Die Entwicklung von Spielen für Konsolen der neuen Generation ist aufwendiger», räumt Lorber ein. Einfluss auf die Zahl der Titel werde das aber nicht haben. Im Gegenteil: EA wolle bei allen Konsolen «die individuellen Möglichkeiten ausschöpfen».
Technisch könnten diese Möglichkeiten bei der Konkurrenz verlockender sein. Nintendos Steuerung ist revolutionär, dahinter steckt jedoch verhältnismäßig simple Technik. Die Xbox 360 und erst recht die Playstation 3, wenn sie im März 2007 kommt, bieten viel mehr Rechenleistung.
Im Vergleich leistungsschwach«Die Wii ist in der Tat wesentlich leistungsschwächer», bestätigt Markus Schwerdtel von der in München erscheinenden Zeitschrift «GamePro». «Wer sich einen Riesen-HD-Fernseher ins Wohnzimmer stellt, ist mit der Konkurrenz auf alle Fälle besser beraten.» Allerdings sei die Konkurrenz doppelt so teuer. «Und dann muss sich erst noch zeigen, ob Sony überhaupt genug liefern kann.» Die Engpässe hatten zu einem herben Rückschlag in den USA geführt: Dort setzte Sony zum Marktstart in einer Woche 400.000 Playstation 3 ab - Nintendo zur selben Zeit aber 600.000 «Wii».
Einen ersten «Zwischenfall» gab es allerdings angeblich auch schon: Einem Spieler in den USA soll in der Hitze des Spiels die Wiimote aus der schweißnassen Hand gerutscht sein und einen Fernseher zertrümmert haben. Das sind Unfälle, die Nintendo offenbar vorausgeahnt hat: Jede Wiimote hat eine Handschlaufe, die eigentlich genau das verhindern soll. (dpa)