«Auch ein Milliardär isst, schläft und arbeitet»
Markus Franz: Sicher denken viele Leute: Warum gibt's da überhaupt noch Konkurrenz, die machen das doch toll?! Aber es ist wie in vielen anderen Bereichen: bei Google stagniert momentan die Entwicklung. Im Wesentlichen hat sich an der Technik seit 1998 nichts getan.
Netzeitung: Als Außenstehender hat man allerdings gerade bei Google den Eindruck, dass die sich größte Mühe geben, diese Innovationskraft aufrecht zu erhalten. Es gibt dort diese Regelung, dass zehn oder 20 Prozent der Arbeitszeit für eigene Ideen verwendet werden dürfen. Es gibt diese berühmten «Billboards», auf denen die Ideen aufgeschrieben werden, die dann zu Projekten entwickelt werden sollen. Ist das alles nur eine Marketing-Masche oder gibt es nicht auch doch noch Ströme von Innovation, die Google auch weiter entwicklungsfähig machen?
Franz: Ich glaube, man muss grundlegend unterscheiden zwischen den Produkten, die Google hat und der Suchsoftware an sich. Die Google Suchsoftware, also die eigentliche Websuche, die wir benutzen, die hat sich im Wesentlichen seit 1998 fast nicht verändert.
Google ist allerdings bei den ganzen Zusatzprodukten, die die Suche ergänzen, hoch innovativ. Zum Beispiel Google-Maps für Landkarten, Google-Earth für 3-D Ansichten oder auch Tools für die mobile Datenabfrage.
Aber der eigentliche Kern, mit dem sie auch erfolgreich geworden sind, nämlich die Websuche, hat sich kaum verändert. Das merkt man ja auch daran, dass es relativ viel Kritik gibt bei den Google-Suchergebnissen, weil da drin immer noch sehr viel Spam ist.
Netzeitung: Muss man diese Technologie verbessern? Kann man sie verbessern?
Franz: Daran forsche ich natürlich - wie auch andere Institutionen. Es geht darum, diese Technik einfach einen Schritt weiter zu bringen und nicht zu sagen: es stagniert. Google hat das ja damals auch so gemacht. Die haben den Ansatz von der Suchmaschine Altavista - der war damals relativ modern - grundlegend verbessert und sind dadurch auch so am Markt angekommen. Dieser Wow-Effekt: da ist etwas, das tausendmal besser ist und wirklich tolle Suchergebnisse bringt. Google hat auch Großes geleistet.
Ich mag mir gar nicht vorstellen, was passiert wäre, wenn es Google nicht gegeben hätte. Dann würde heute das Internet im Chaos ersticken, weil niemand mehr was richtig auffinden würde. Und diese ganze Entwicklungen in den letzten Jahren, diese ganze «Internet-Blase» die natürlich auch da war, hätte es natürlich sonst auch gar nicht gegeben.
Netzeitung: Was können Sie in der Suchtechnologie grundsätzlich verändern? Oder von der Nutzerseite aus betrachtet: Wodurch unterscheidet sich das Suchprogramm, das Sie entwickelt haben, von Google?
Franz: Grundsätzlich sollte man erst einmal erklären, was ist überhaupt eine Suchmaschine? Viele Leute zu Hause denken vielleicht Google versteht wirklich die Inhalte, die es sieht. Im Prinzip ist Google aber nichts anderes als ein super schlauer Bibliothekar. Wenn man vor 30 Jahren in eine Bibliothek gegangen ist und einen gewissen Fachbereich aus der Biologie gesucht hat, dann wusste der Bibliothekar auch nicht über diese Thematik Bescheid, aber er wusste, wo's steht. Google ist im Prinzip das Gleiche. Ich gehe zu Google hin, sage, was ich haben möchte und Google weiß wo's steht. Versteht aber die Inhalte noch nicht selber.
Netzeitung: Und wie kann man so etwas verbessern?
Franz: Auf der einen Seite muss dieser super schlaue Bibliothekar besser werden, das heißt, er muss bessere Fundstellen weiter oben listen. Einfach als Bewertungskriterium. Zweitens muss dieser Bibliothekar intelligenter werden, das heißt, es müssen schlechte Fundstellen einfach raus fliegen. Und drittens: das ist der schwierigste Punkt, da kommt auch die künstliche Intelligenzforschung mit ins Spiel- muss als Internetsuchmaschine versucht werden die Websiten und die Inhalte darauf wirklich zu verstehen.
Netzeitung: Nun könnte man natürlich fragen, warum sollte ein Einzelkämpfer, und sei es ein Genie, das können, was tausenden intelligenten Menschen, die bei Google hoch bezahlt sind, nicht gelingt?
Franz: Es gab zunächst ein Forschungsprojekt an der Universität Hannover und in den USA. Da war die Grundidee, nicht nur die Ergebnisseiten zu sehen oder die Suchergebnisse, sondern alle Ergebnisse zum Zeitpunkt der Suchanfrage noch einmal anzusehen. Damit man wirklich begreifen konnte: was kommt darin vor? Dadurch kann man unsinnige Ergebnisse besser rausfiltern. Dieses Konzept, was damals nicht hinkam, habe ich erfolgreich umgesetzt.
Netzeitung: Wie haben Sie das gemacht?
Franz: Ich hatte einfach eine Idee durch ein Jugend-forscht-Projekt im Jahr 2004. Da bin ich jedoch leider schon auf Regionalebene gescheitert. Ich habe dann nicht aufgegeben. Ein Jurymitglied hat mir ein paar Anregungen gegeben und die habe ich dann weiter entwickelt. Ende 2004 las ich ein Forschungspapier, in dem veröffentlicht wurde, dass diese Idee angeblich nicht funktioniert. Und dann habe ich einfach angerufen und gesagt, es geht doch. Die Erweiterung dieser Technik, die vor allem darauf Wert legt, schlechte Ergebnisse herauszufiltern, ist jetzt durch M4 erweitert worden, das heißt, es ist eine Multimedia-Version. Das ist im Moment nur eine Studie - beziehungsweise eine Beta-Version - wo man nicht nur Textsuchergebnisse bekommt, sondern auch Bild, Audio und Video.
Netzeitung: Bekommt man das nicht auch bei Google?
Franz: Google versteht Audio und Video nicht zusammen. Sondern nur unabhängig, das heißt, es zeigt es auch auf verschiedenen Seiten an. Wenn Sie aber bei M4 zum Beispiel nach den Beatles suchen, wird verstanden, was Sie aus mehreren Medien Quellen brauchen und das wird auch auf einer Ergebnis Seite angezeigt. Sie suchen nach den Beatles und sie bekommen was zum Lesen, zu sehen und zu hören.
Netzeitung: Wie sind Sie überhaupt auf die Idee gekommen, so etwas zu entwickeln? Sie hätten ja auch Computerspiele spielen können?
Franz: Computerspiele fand ich eigentlich immer langweilig (lacht), bis auf Strategiespiele vielleicht. Um auf ihre Frage zurück zu kommen: Es lag an einem Krankenhaus-Aufenthalt in der sechsten oder siebten Klasse. Meine Geschwister haben mir damals Computerzeitschriften geschenkt. Und das Thema Suchmaschinen hat mich dann einfach interessiert weil ich glaube es ist der wichtigste Bereich, den es im Moment in der Informatik gibt.
Netzeitung: Fassen wir zusammen: Sie haben eine eigene Suchmaschine entwickelt, die komplexere Zusammenhänge zusammenführt, als die Google- Technologie das kann. Die Frage ist nur, was wird jetzt mit Ihrem Projekt passieren? Sie haben es entwickelt, Sie werden es weiter entwickeln, Sie haben eine eigene Firma gegründet... Werden Sie jetzt Venture-Capital bekommen, um das Projekt noch weiter auszubauen?
Franz: Ich hoffe natürlich, das es mit meiner eigenen Firma schon vorwärts gehen wird. Gleichzeitig stehe ich aber natürlich auch ohne finanziellen Hintergrund mit Universitäten und diesem Quaero Projekt (ein EU-Suchmaschinen- Projekt, das bis 2010 die amerikanische Dominanz der Suchmaschinen aufbrechen möchte. Anmerkung der Redaktion) in Kontakt.
Netzeitung: Ist es Ihnen wichtig, dass Sie in ein paar Jahren Millionär oder Milliardär sind? Jetzt mal ganz ehrlich.
Franz: Das ist mir eigentlich überhaupt nicht wichtig. Ich weiß, eigentlich klingt es komisch, das glaubt einem auch niemand. Ob's einem egal ist, ob man eine Million auf dem Konto hat oder nicht.
Netzeitung: Vielleicht eine Milliarde. Wenn´s wirklich so erfolgreich ist, wie sie es jetzt darstellen. Das wäre ja dann nicht unrealistisch. Wenn's ihnen wirklich gelingt, Google wegzublasen. Dann wären Sie Milliardär.
Franz: Ich sag's mal so, das haben meine Eltern auch immer gesagt: man kann auch als Milliardär nicht mehr als essen, schlafen und seine Arbeit tun. Es ist natürlich entspannter. Man kann natürlich ganz anders essen. Aber ich glaube im Vordergrund steht wirklich gute Technik zu entwickeln.
Ich bin noch Schüler. Wenn was daraus wird ist das wunderbar. Wenn nichts draus wird, ist das auch in Ordnung.
Mit Markus Franz sprach Michael Maier. Das komplette Interview hören Sie im Internet: www.netzeitung.de/audio.

