«Prepaid-Kunden haben alle irgendein Problem»
Hartmut Herrmann: Ich hoffe nicht. Wir sind auf einem guten Weg, was die Verschmelzung angeht. Die zwei Aktionäre, die noch klagen, halten zusammen zehn Aktien auf den Hauptversammlungen von Mobilcom und Freenet gab es eine Zustimmung von über 99 Prozent. Zudem haben wir die erste Instanz vor dem Landgericht in Kiel gewonnen. Das Zusammengehen ist die richtige Strategie, um Synergien nutzen und Konvergenzprodukte wie Mobilfunk in Kombination mit DSL anbieten zu können.
Netzeitung: Haben Sie einen Zeitrahmen innerhalb dessen die Fusion abgeschlossen sein soll?
Herrmann: Wir erwarten innerhalb des ersten Quartals 2007 eine positive Entscheidung des Gerichts. Wir befinden uns schließlich in einem Eilverfahren, das schon seit einem Jahr andauert.
Netzeitung: Was ändert sich denn für Klarmobil-Kunden durch die Fusion?
Herrmann: Im ersten Schritt ändert sich nichts. Wir sind als Tochter der Dach-Gesellschaft Mobilcom ein völlig eigenständiges Unternehmen. Direkten Einfluss wird die Fusion daher nicht haben, weil wir auch eigenständig bleiben. Eventuell wird man die Auswirkungen später an den Produkten sehen, wenn Klarmobil, Freenet und Mobilcom für die Kunden integrierte Telekommunikations- Lösungen anbieten.
Netzeitung: Wird Klarmobil dann auch UMTS-Dienste im Programm haben?
Netzeitung: Spielt das Verschicken vom MMS eigentlich eine Rolle?
Herrmann: Da immer mehr Handys mit einer Kamera ausgestattet sind, ist die MMS durchaus im Kommen. Ab und zu wird eine verschickt (lacht) meistens von Gästen auf einer Party, die schon leicht angetrunken sind. Viele Kunden haben aber Schwierigkeiten bei der Bedienung. Daher ist die MMS noch keine Massenanwendung geworden und noch kein Phänomen wie die SMS.
Netzeitung: Haben Sie eine Erklärung dafür, dass die neuen technischen Möglichkeiten sich bislang nicht durchsetzen?
Herrmann: Es gibt verschiedene Erklärungen. Ein Grund ist sicherlich, dass die Netzbetreiber eine sehr defensive Strategie fahren und keine interessanten Anwendungen bringen. Gleichzeitig sind ihre Preise sehr hoch. Momentan beschränkt sich ihre Kreativität darauf, Tarife zu gestalten, mit denen sie aus den Kunden noch den letzten Cent herauspressen können, ohne dass er es merkt. Echte Innovationen aber haben wir seit mehreren Jahren nicht mehr.
Netzeitung: Haben die Netzbetreiber sich mit UMTS die Finger verbrannt?
Herrmann: Insofern, als dass die Vorstellungen, die man von diesem Markt hatte, überhaupt nicht eingetreten sind sicher auch aufgrund mangelnder Kreativität. Verantwortlich für das Scheitern von UMTS ist auch, dass wir diese Sondersteuer der Bundesregierung aufgedrückt bekommen haben. Bei Mobilcom sind elf Milliarden Euro für nichts den Bach runter gegangen. Das ist schon bitter.
Netzeitung: Kam das Scheitern von UMTS eher wegen schlechten Marketing soder wegen fehlender Investitionen?
Herrmann: In erster Linie war es sicher das Marketing: Die Verantwortlichen hatten keine Idee, was mit UMTS überhaupt vermarktet werden soll. Es gibt zwar viele Unternehmen die sich mit möglichen Anwendungen wie dem mobilen Bezahlen befassen. Doch haben sie es nie geschafft, damit relevante Umsätze zu erzielen.
Außerdem sind die Preise zu hoch. Nicht ein Netzbetreiber hat ein Produkt angeboten, das für die Masse der Kunden geeignet ist. Mir ist unklar, warum Mobilfunkanbieter wie Vodafone und O2 heute DSL vermarkten, obwohl sie eine UMTS-Lizenz haben. Ich verstehe nicht, warum keine UMTS-Karten für den Computer angeboten werden, so dass die Kunden mit ihren Laptops überall im Internet surfen können, ohne dafür erst einen Hotspot für Wireless LAN suchen zu müssen.
Wenn UMTS heißt, Angebote zu machen, bei denen die Kunden sofort einige hundert Euro los sind, verschreckt das die Verbraucher natürlich. Solche Tarife sind intransparent und unfair. Wenn man aber das Internet auf eine mobile Anwendung übertragen würde, wäre UMTS sicherlich ein gigantischer Erfolg.
Netzeitung: Warum haben Sie ein Postpaid-Angebot, obwohl alle anderen Discounter mit Prepaid-Karten auf dem Markt sind?
Herrmann: Wir haben Marktforschung betrieben, um herauszufinden, was den Kunden wichtig ist. Sie sind es vor allem gewohnt, eine Rechnung zu bekommen und erst dann zu bezahlen. Da wollen wir niemanden rausreißen: Nutzer mit einem Handy-Vertrag wollen nur ungern in einen Prepaid-Tarif wechseln.
Im zweiten Schritt haben wir uns die Nutzergruppen angeschaut, nämlich Prepaid- und Postpaid-Kunden. Ergebnis: Prepaid-Kunden haben alle irgendein Problem. Entweder haben sie kein Geld, wollen ihre Adresse nicht offenbaren oder sie sind unter 18 und dürfen keinen Handy-Vertrag abschließen. Viele Prepaid-Kunden wollen schlicht nur erreichbar sein und nutzen das Handy gar nicht aktiv.
Netzeitung: Die Loyalität Ihrer Kunden könnte aber durchaus leiden, wenn sie ihm Ausland telefonieren. Denn die Klarmobil-Roaming-Tarife sind sehr unübersichtlich.
Herrmann: Wir konzentrieren uns auf die Angebote im nationalen Bereich, also die Massenanwendung. Roaming ist für die meisten Kunden nicht so wichtig das sieht man auch an den Umsätzen. Dennoch müssen sich die Roaming-Tarife bei Klarmobil ändern. Wir sind aber darauf angewiesen, dass T-Mobile und die ausländischen Netzbetreiber uns andere Angebote ermöglichen. Wir befinden uns derzeit in Verhandlungen und werden nächstes Jahr bessere Roaming-Tarife anbieten. Aber selbst wenn uns das nicht sofort gelingen sollte, muss vor allem die Transparenz erhöht werden.
Netzeitung: Eine Möglichkeit dafür wäre, die Roaming-Preise auf der Klarmobil-Website zu veröffentlichen...
Herrmann: Das ist richtig. Aber wir haben die Liste aus dem Netz genommen, weil die Netzbetreiber aus dem Ausland ständig ihre Preise ändern und uns das nicht rechtzeitig mitteilen. Wenn wir also Preise veröffentlichen würden, wären sie nicht aktuell. Als sie noch im Internet standen, mussten wir teilweise Gutschriften an die Kunden ausstellen - weil sie mehr bezahlt haben als auf unserer Website angezeigt.
Netzeitung: Wie differenzieren Sie sich von anderen Anbietern - außer über den Tarif?
Herrmann: Natürlich ist der Tarif das Hauptkriterium für die Unterscheidung. Als Discount-Anbieter grenzen wir uns von den klassischen Vertragstarifen dadurch ab, dass es bei uns kein subventioniertes Handy gibt weil es den Tarif verteuern würde. Von der Discounter-Konkurrenz heben wir uns durch Qualität ab. Die Kunden zahlen erst, nachdem sie telefoniert haben. Sie nutzen ein Qualitätsnetz. Und sie können sich kostenlos per E-Mail beraten lassen.
Netzeitung: Schließen sich Qualität und Discount nicht aus?
Herrmann: Nein. Wir bieten den Kunden genau das, was sie wollen. Wir haben keine Grundgebühr, keine Vertragslaufzeit, keinen Mindestumsatz. Und wir haben nicht die Quälmechanismen der anderen, die ihre Kunden unbedingt festhalten wollen. Wenn der Kunde keine Lust mehr auf Klarmobil hat, dann kann er morgen weg sein.
Netzeitung: Wie kann man in einem eigentlich gesättigten Mobilfunkmarkt neue Kunden gewinnen und den Umsatz halten, wenn die Preise sinken?
Herrmann: Experten gehen davon aus, dass letztendlich 20 bis 30 Prozent aller Mobilfunk-Kunden über einen Discounter telefonieren werden. Grundsätzlich gibt es großes Potential für die Discount-Anbieter, weil viele Kunden mit den klassischen Mobilfunkanbietern nicht zufrieden sind. Da wir keine Grundgebühr nehmen und die Gesprächsminuten günstiger sind, ist bei Klarmobil der Umsatz pro Kunde zwar geringer als bei den Netzbetreibern. Aber die Erfahrung zeigt, dass bei sinkenden Preisen auch länger telefoniert wird.
Netzeitung: Wie haben Sie eigentlich früher ohne Handy gelebt?
Herrmann: (lacht) Überhaupt nicht, glaube ich. Es war auf jeden Fall schwieriger: Wenn die Kumpels alleine in der Kneipe waren, blieb einem nichts, außer traurig zu Hause zu sitzen.
Hartmut Herrmann ist seit Mai 2005 operativer Alleingeschäftsführer der Klarmobil GmbH. Der Jurist und Vater zweier Kinder kam im Jahr 2000 als Chef der Mobilcom Rechtsabteilung zur Mobilcom-Gruppe. Zuvor hatte er ein Rechtsreferendariat beim Oberlandesgericht Schleswig absolviert.
Mit Hartmut Herrmann sprachen Kai Makus und Caroline Benzel

