Kritik an Wikipedia zum Jubiläum
23. Nov 2006 13:12, ergänzt 15:55
 |  Logo Wikipedia | Foto: wikipedia.org |
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Wikipedia wächst täglich um 500 Artikel und hat monatlich 155 Millionen Leser. Grund genug für Kritiker, von einem totalitären Kollektiv zu sprechen - und der freien Online- Enzyklopädie Lynchjustiz vorzuhalten.
Der deutschsprachige Teil der Online-Enzyklopädie Wikipedia hat in der Nacht zum Donnerstag den 500.000sten Artikel veröffentlicht. Das freie Nachschlagewerk, bei dem jeder Internetnutzer nicht nur Artikel lesen, sondern auch schreiben und bearbeiten kann, wächst nach eigenen Angaben jeden Tag um etwa 500 Artikel.
Im Monat verzeichnet die deutschsprachige Wikipedia demnach etwa 300 Millionen Seitenaufrufe. Weltweit nutzen laut Wikipedia monatlich fast 155 Millionen Menschen die in mehr als 100 Sprachen erscheinende freie Enzyklopädie.
300 Server für das Projekt
Der Verein Wikimedia Deutschland hatte jüngst 15 neue Netzwerkrechner angeschafft, die als Proxy-Server für Nutzer aus Europa dienen und Zugriffe auf das Online-Lexikon beschleunigen sollen. Insgesamt werden setzt das Projekt knapp 300 Server ein, die sich überwiegend in den USA befinden und von der in Florida ansässigen Wikimedia Foundation betrieben werden. Finanziert wird Wikipedia fast ausschließlich über Spenden - und durch die Arbeit tausender Freiwilliger, die regelmäßig Beiträge schreiben und für Qualitätssicherung und -steigerung sorgen, Änderungen kontrollieren und sie notfalls rückgängig machen.
Kritik am Kollektiv
Die Kritik an falschen und teilweise verleumderischen Einträgen hat in den vergangenen Wochen allerdings zugenommen. Wohl auch deshalb kündigt Wikimedia an, in Zukunft die Qualitätskontrolle zu stärken, um Verlässlichkeit für den Leser zu gewährleisten.Der Computerwissenschaftler Jaron Lanier kritisiert die seiner Ansicht nach trügerische Weisheit der Massen: Auf einer Plattform wie Wikipedia könne «jeder schnell Opfer des Mobs werden», wie bei allen «totalitären Ideologien», zitierte der österreichische «Standard» den Wissenschaftler. Tatsächlich gab es in der Vergangenheit einige solche Fälle, in denen falsche Einträge über Personen nicht rechtzeitig entdeckt und geändert wurden.
«Die Gefahr von Wiki-Lynchjustiz halte ich für sehr real. In der Wikipedia-Welt bestimmen jene die Wahrheit, die am stärksten besessen sind. Dahinter steckt der Narzissmus all dieser kleinen Jungs, die der Welt ihren Stempel aufdrücken wollen, ihre Initialen an die Mauer sprayen, aber gleichzeitig zu feige sind, ihr Gesicht zu zeigen», kritisierte Lanier.
«Kritische kommunikative Masse»
Außerdem würden durch Computer «auch die Ideen der Freaks immer mehr Teil des kulturellen Mainstreams», sagte Lanier. Klaus Blömeke von der Bonner Internetagentur Avaris-Godot hält Wikipedia laut «derStandard.at» lediglich «für ein Nebeneinander von vielen trügerischen Einzelwahrheiten zu unterschiedlichen Themen, zusammengefasst unter einer Domain». Michael Sander von der Lindauer Unternehmensberatung Terra Consulting Partner bezeichnete es als ein Problem des Internets, dass sich dort erstmals «alle Spinner dieser Welt kommunikativ vereinigen» könnten. «Dadurch gewinnt eine solche Minderheit die kritische kommunikative Masse und kann tatsächlich einen weit überdurchschnittlichen Einfluss in der Meinungsbildung gewinnen», sagte Sander. (nz)