Schul-Schütze nur im Netz ein mächtiger Mann
Der Amoklauf in seiner ehemaligen Schule in Emsdetten würde ihn das Leben kosten - da war sich Sebastian B. so sicher, dass er der Nachwelt noch einen hasserfüllten Abschiedsbrief hinterließ. Seine letzten Zeilen veröffentlichte der 18-Jährige allerdings nicht auf Papier, sondern im Internet - der Ort, an den sich der junge Mann zuletzt immer weiter zurückgezogen hatte.
Ein Mensch wie Sebastian B. passe genau in dieses Bild, sagte te Wildt. Der 18-Jährige fühlte sich in der Realität zum «ständigen Verlierer» und als «Doofmensch» abgestempelt. Im Internet konnte er sich dagegen in Kampfvideos auf seiner Homepage als mächtiger Mann darstellen oder in Internetforen seine Meinungen äußern, ohne dass ihn jemand unterbrach oder auslachte.
Das erlebte auch der junge Mann, der in den Medien nur Herr M. genannt werden will. Als der Akademiker arbeitslos wurde, stieg er bei dem weltweit erfolgreichen Online-Rollenspiel «World of Warcraft» ein. Anfangs spielte er vier Stunden täglich, dann acht und am Ende oft mehr als 16. «Ich habe morgens den Computer angeschaltet, bevor ich die Kaffeemaschine anmachte. Gegessen habe ich höchstens ein Mal am Tag», sagt M.. Die Welt der Orks und Elfen habe ihn nicht mehr los gelassen, er habe sich für nichts anderes mehr interessiert. Seine Freunde klingelten vergeblich an der Wohnungstür, er bekam ja genügend Anerkennung von Mitspielern im Internet. Seine Abhängigkeit hatte einen guten Grund: «Heute weiß ich, dass eine Depression bei mir vorliegt».
Um den Internetabhängigen zu helfen und solche Fälle in Zukunft zu vermeiden, gebe es nur eine Lösung. «Wir müssen den Betroffenen helfen, ihre reale Welt von den Missständen zu befreien und sie wieder attraktiv zu machen», sagt te Wildt. Schließlich sei die Realität viel schöner: «Wir können im Internet nicht essen, keinen guten Sex haben und meist auch kein Geld verdienen.» (dpa)

