«Borat» sorgt für Chaos bei Wikipedia
06. Nov 2006 14:26
 |  'Borat' | Foto: Promo |
|
Wikipedia muss wegen gewitzter «Borat»-Fans seine Kasachstan-Seite sperren. Die Online-Enzyklopädie geriet bereits Ende vergangener Woche wegen zahlreicher Fehler und Plagiate in die Kritik.
Das Internet-Lexikon Wikipedia hat wegen des Kino-Erfolgs «Borat» seinen Eintrag über die zentralasiatische Republik Kasachstan sperren lassen. Im Unterschied zur normalen Praxis lässt sich die Kasachstan-Seite von gewöhnlichen Nutzern nun nicht mehr ändern, wie britische Tageszeitungen berichteten. Den Grund dafür lieferten einige Spaßvögel, die den britischen Komiker Sacha Baron Cohen, der im Film einen kasachischen Reporter spielt, bei Wikipedia zum Staatsoberhaupt gemacht hatten.
Außerdem wurde in dem Internet-Lexikon von «Borat»-Fans auch der Text der kasachischen Nationalhymne geändert. Vorübergehend hieß es dort: «Kasachstan größtes Land der Welt. Alle anderen Länder von kleinen Mädchen regiert.» Andere Witzbolde fügten nach Informationen der britischen Zeitung «The Sun» die fehlerhafte Information hinzu, dass Frauen in Kasachstan seit 1978 auch Busse benutzen dürfen. Das Änderungsverbot bei Wikipedia gilt zunächst nur für das englischsprachige Wikipedia-Original.Cohen spielt in dem Film einen überdrehten kasachischen Reporter auf einer Reise durch die USA. In den Vereinigten Staaten spielte der Film am Eröffnungswochenende umgerechnet mehr als 20 Millionen Euro ein und landete damit auf Platz eins der Kino-Charts. In Deutschland ist der Film seit vergangener Woche ebenfalls in den Kinos.
Falscher Bruder
Nachdem Kasachstan zunächst wegen Bortas «Verunglimpfungen» dessen kasachische Website schließen ließ, wagte das Land anschließend die Flucht nach vorn, und lud Cohen nach Kasachstan ein, um ihm dort einen «Bruder» zu präsentieren, der seinerseits seine Späße mit Cohen treiben sollte. Zu einer Begegnung der Geschwister kam es aber bis jetzt noch nicht.
Offenheit bietet Angriffsfläche
Abgesehen von den Übergriffen der «Borat»-Fans hat Wikipedia derzeit verstärkt unter Vandalismus auf den Lexikon-Seiten zu leiden. Vergangene Woche haben Hacker die wachsende Kritik an den Einträgen der Online-Enzyklopädie Wikipedia ausgenutzt, um unter deren Namen Mails an die vermeintlichen deutschen Nutzer zu verschicken. Durch die Mails wurden die Nutzer zu einem angeblich überarbeiteten Artikel gelotst, der eine Anleitung zur Beseitigung eines PC-Wurms enthalten sollte. Der Link zu der angeblich überarbeiteten Version barg dann allerdings einen Virus, der die PCs der Nutzer infizieren sollte.«Zum Glück hat Wikipedia den veränderten Artikel schnell entdeckt und korrigiert», sagte Graham Cluley, Sprecher des Virenschutz-Anbieter Sophos US-Medien. Nachdem zunächst auf die alte Version noch im Archiv über den infizierten Link zugegriffen werden konnte, hat Wikipedia den Eintrag jetzt vollständig entfernt.
Plagiatsvorwürfe
Die Offenheit der Online-Enzyklopädie war in den vergangenen Tagen häufig der Angriffspunkt vieler Wikipedia-Kritiker. Bereits am vergangenen Freitag berichtete die «Süddeutsche Zeitung» von einem Experiment, bei dem absichtlich Fehler in die Artikel der Enzyklopädie eingebaut und nur teilweise von den freiwilligen Wikipedia-Mitarbeitern schnell entdeckt und entfernt wurden.Am Samstag folgte ein Bericht der australischen Zeitung «Sidney Morning Herold», laut dem 142 Artikel von Wikipedia-Autoren angeblich woanders abgeschrieben wurden. Auch ein englischer Artikel über den Autor Anthony M.Benis und die angeblich von ihm veröffentliche NPA Persönlichkeitstheorie sei laut Wikipedia nachweislich ein Scherz gewesen und wurde entfernt.
Irrläufer und Fehler einkalkuliert
Bei Wikipedia kann jeder Einträge schreiben oder verändern, es gibt keine festangestellten Autoren oder Redakteure. Obwohl einige Freiwillige, die Enzyklopädie fleißig von Irrläufern und Fehlern zu bereinigen suchen, empfiehlt es sich, an die über 1,4 Millionen Einträge keinen uneingeschränkten Wahrheitsanspruch erheben. Aus diesem Grund hat sich der Mitbegründer Larry Sanger entschlossen, eine eigene Enzyklopädie mit festen Redakteuren zu gründen und sie Citizendium zu nennen. Sie soll sich zwar aus Wikipediabeiträgen speisen - aber von Redakteuren auf den Wahrheitsgehalt geprüft werden. Das kann dauern. (nz)