Angst vor dem «Weltbild irrer Blogger»
02.11.2006
Herausgeber: netzeitung.de
«Künftig erhalten die Menschen ihr Weltbild von irgendwelchen irren Bloggern, die aus ihrer Unterwäsche schöpfen», formuliert der US-Publizist Michael Kinsley im «Time»-Magazin seine düstere Prognose. In der «Washington Post» sorgte sich der Kommentator, dass bald «die vorderste Front» im Kampf gegen die Korruption im Staat zusammenzubrechen drohe.
Fach-Instituts «Audit Bureau of Circulation» im Vergleich zum Vorjahr 2,8 Prozent ihrer Auflage - die der besonders auflagenstarken Sonntagsausgaben sank sogar um 3,4 Prozent. Dies bedeutet die größte Einbuße seit 15 Jahren. Die Gesamtauflage der US- Tageszeitungen beträgt derzeit rund 44 Millionen - 1984 gab es mit mehr als 63 Millionen Zeitungen pro Tag den US-Rekord, seither geht es ständig bergab.
Manche US-Zeitungen sind auch im Internet erfolgreich: Insgesamt nutzen nach Angaben des US-Zeitungsverbands bereits 57 Millionen Amerikaner die Web-Seiten der Zeitungen. Die «New York Times» hat eigenen Angaben zufolge im Internet bereits mehr Leser als Blatt-Käufer. Allerdings verlangen nur wenige Zeitungen im Internet von den Usern Geld, und selbst die Erlöse der Online-Werbung befinden sich nach Expertenangaben noch auf niedrigem Niveau.
Die US-Zeitungshäuser befinden sich seit langem auf der verzweifelten Suche nach neuen Konzepten. Überall wurden Kosten beschnitten, Redaktionen verkleinert, Verwaltung, Produktion und Vertrieb rationalisiert. Die «Los Angeles Times»-Besitzer, die «Tribune»-Zeitungsgruppe, suchten dem acht- prozentigen Auflageneinbruch mit mehreren Entlassungswellen zu begegnen - was auf erbitterten Widerstand im Haus stieß und nun jüngst sogar zur Entlassung des Herausgebers Jeffrey Johnson führte.
Zumindest Internet-Medien bezweifeln, dass die Print-Probleme die US-Gesellschaft besonders bewegen müssten. «Slate»-Kolumnist Jack Shafer lästerte über den Versuch, «Arbeitsplatzgarantien für Journalisten mit dem öffentlichen Wohl» zu verwechseln. Zudem sei die Zahl der Zeitungsjournalisten seit 1971 um 70 Prozent gestiegen. Wenn jetzt wieder Redaktionen zurückgestutzt würden, könne ja wohl nun «nicht mit der Ermordung der Demokratie» argumentiert werden.
Die Auflageneinbrüche signalisieren nach Ansicht vieler Experten weniger den drohenden Tod der Branche als vielmehr einen noch länger währenden Strukturwandel. Beleg dafür scheint auch, dass es für zum Verkauf anstehende Zeitungshäuser reichlich zahlungskräftige Interessenten gibt - laut «Wall Street Journal» wollen gleich drei kalifornische Milliardäre die «Los Angeles Times» erwerben. Schließlich liegt die jährliche Profitrate der US-Zeitungshäuser seit langer Zeit trotz aller Krisen nach Angaben des «Wall Street Journal» nach wie vor bei 15 bis 20 Prozent des eingesetzten Kapitals.(dpa)

