18.10.2006
Herausgeber: netzeitung.de
Die Website Citizendium im Vorstadium
Foto: Screenshot nz
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Im Zorn hatte einer der Gründer des offenen Internet-Lexikons Wikipedia das Projekt verlassen. Nun will Larry Sanger mit einer eigenen Enzyklopädie online gehen: Citizendium.
Es war nur eine Frage der Zeit, bis jemand auf die Idee kommen würde, der erfolgreichen Online-Enzyklopädie Wikipedia Konkurrenz machen zu wollen - mit strengerer Kontrolle der Einträge, um sich von dem weltbekannten Laien-Lexikon zu unterscheiden, das oft schon in die Kritik geriet, weil manch ein Beitrag interessengeleitet schien. Und es ist sicher kein Zufall, dass es Wikipedia-Mitbegründer Larry Sanger ist, der nun mit einem Konkurrenzprodukt an den Start geht. Nach nur einem Jahr Wikipedia soll er sich damals im Streit von dem Projekt getrennt haben.
Citizendium heißt Sangers eigenes Web-Lexikon. Im September kündigte er es auf dem Wizard-of- OS-Kongress in Berlin an; und bis Ende Oktober soll es online sein. Er «zittere vor Begeisterung», schreibt Sanger in einem Essay über Citizendium, das er auf seine Website gestellt hat. «Millionen Intellektueller sind täglich online», freut er sich. Es sei «unglaublich, was alles möglich ist, wenn Millionen Intellektueller bei Bildungs- und Nachschlage-Projekten zusammenarbeiten». Das klinge ganz nach Wikipedia, gibt er selbst zu. «Ich bin seit je her ein großer Fan von Wikipedia, doch jetzt will ich etwas noch Besseres bieten.» Er wolle Redakteure mit in die Arbeit an den Enzyklopädie-Einträgen einbinden.
Die Online-Enzyklopädie Wikipedia beinhaltet mehr als 1,4 Millionen Einträge. Sie hat keine festangestellten Autoren oder Redakteure, jeder kann jederzeit Artikel hinzufügen oder überarbeiten. Trotz einiger Freiwilliger, die die Enzyklopädie fleißig von Irrläufern und Fehlern zu bereinigen suchen, kann der Nutzer an die Einträge keinen uneingeschränkten Wahrheitsanspruch erheben.
Sanger sagt, sein Anspruch sei ein wissenschaftlicherer. Er werde Autoren und Redakteure beschäftigen, schreibt er in seinem Essay, wobei «Redakteure meistens Schulter an Schulter mit den normalen Autoren arbeiten» sollen und Artikel nicht von oben herab ändern können sollen. Was genau diese Redakteure dann in der Qualifikation von den «normalen Autoren» unterscheiden soll, lässt er indes offen. Es werde keinen Auswahlprozess für Redakteure geben, so Sanger. Wer einer sein wolle, könne sich selbst dazu ernennen.
Der Online-Ausgabe der «Financial Times» sagte Sanger, bei Wikipedia seien die aktuellsten Einträge nicht in der am konsensfähigsten Version veröffentlicht, sondern so, wie sie der hartnäckigste Autor haben wolle. Seine neue Online-Enzyklopädie solle zwar auch für jeden erreichbar sein, allerdings wolle er durch den Einsatz der Redakteure und ein Anmeldungsverfahren für Autoren für mehr Ordnung im kreativen Chaos sorgen - was Wikipedia-Mitgründer Jimmy Wales nach wie vor kategorisch ablehnt.
Finanzieren will Sanger sein neues Vorhaben mit Hilfe einer ungenannten Stiftung und einem ebenfalls noch nicht genannten Internetanbieter, der dafür sorgen soll, dass der Service kostenlos bleibt. Auf der Basis eines Minimums an Qualifikationen können sich Freiwillige als Redakteure bewerben und somit zu den Ersten gehören, die innerhalb der nächsten Tage eine Einladung zu Citizendium erhalten. Bis Ende des Jahres bleibt die Enzyklopädie dann noch den Mitgliedern vorbehalten, dann soll sie offiziell zugänglich sein.
Anfangen wird Citizendium erst einmal damit, alle existierenden Wikipedia-Artikel zu kopieren und sie dann von den Redakteuren überarbeiten zu lassen. Es wird also noch eine Weile dauern, bis sich beurteilen lässt, ob Sangers selbsterklärtes Ziel zu erreichen ist: den freien Open Source-Geist von Wikipedia mit einem wissenschaftlichen Anspruch zu verbinden.
Im Dezember 2005 hatte Sanger mit dem Projekt «Digital Universe» schon einmal versucht, die Idee von Wikipedia weiterzuentwickeln. (nz)