14.09.2006
Herausgeber: netzeitung.de
In China ersetzt Software den Richter
In China entscheidet nicht immer der Richter über die Höhe der Strafe. Eine Software übernimmt den Job des Juristen - Todesurteil nicht ausgeschlossen.
Ein chinesisches Gericht lässt sich die Gefängnisstrafe für verurteilte Straftäter von einer Software berechnen. In einem zweijährigen Pilotprojekt in der Provinz Shadong seien insgesamt 1500 Menschen auf Grundlage eines Computer-Programms verurteilt worden, berichtete die britische Zeitung «Daily Mail».
Nach Angaben des Entwicklers Qin Ye ist die Software auf über 100 verschiedene Vergehen von einfachem Diebstahl über Mord bis zum Stehlen von Staatsgeheimnissen programmiert. Für die letzten beiden Vergehen gilt in China die Todesstrafe durch Erschießen.
Standardisierte EntscheidungenDie Software soll standardisierte Entscheidungen über Bestrafungen ermöglichen. Sie könne aber auch subtile Unterschiede in verschiedenen Fällen desselben Vergehens erkennen, erläuterte der Programmierer. Er habe bei der Entwicklung des Computer-Programms eng mit dem Gericht zusammengearbeitet. Die Richter müssten nun lediglich Details zu einem Fall eingeben, die Software spucke dann die angemessene Strafe aus.
Das Gericht rechtfertigte den Software-Einsatz mit der massiven Korruption in China. Der Machtmissbrauch korrupter Richter soll so eingedämmt werden. Auch eine unzureichende Ausbildung könne durch das Programm ausgeglichen werden, hieß es.
Reine FaulheitIn chinesischen Zeitungen wird das Projekt massiv kritisiert: Hintergrund sei lediglich Faulheit - die Korruption könne damit nicht sinnvoll bekämpft werden. Die Regierung ist dagegen von der Software überzeugt und will das Verfahren an weiteren Gerichten der Provinz testen. (nz)