Der Streit um die MP3-Patente
Seit MP3 1992 als Iso-Standard beschlossen wurde, gibt es zwei Fraktionen unter den Patentinhabern, die sich im Wesentlichen um Philips und Thomson vereinigen. Von Philips und anderen stammt der Codec «Musicam», der in den Layern I, II und III von MPEG-1 zum Einsatz kommt. Vom Fraunhofer Institut und Thomson wiederum kommt ein «Aspec» genannter Codec. Beide verwandeln hörbare Musik in digitale Daten – und entschlüsseln diese wieder.
Auf der IFA hatte Sisvel zugegeben, die Aktion gegen Sandisk angestoßen zu haben. Das Unternehmen bezeichnet sich als «Patent Management Company» und hat in diesem Geschäft eine lange Historie. Gegründet 1982, lebte Sisvel zunächst vom allseits bekannten Lautstärke-Balken eines Fernsehers, der von links nach rechts größer wird. Ein anderes Unternehmen hatte sich diese Darstellung patentieren lassen und Sisvel mit der Vermarktung des geistigen Eigentums beauftragt. In der Folge konnte Sisvel nach Angaben des Firmengründers Roberto Dini alle namhaften Hersteller von Fernsehern aus Europa, Japan, Korea und den USA zu Lizenzzahlungen bewegen. Das Patent ist mittlerweile ausgelaufen.
Inzwischen zählen dank Philips' Patenten von Apple über Creative Labs bis zu Sony alle namhaften Hersteller von Unterhaltungselektronik zu den Lizenz-Kunden von Sisvel. Wie Roberto Dini auf der IFA erklärte, zahlen über 600 Unternehmen für MP3 - und das doppelt, da auch an Thomson. Der Ingenieur bedauerte die Situation zwar, erklärte aber auch: «Ich verkaufe an Leute, die nichts kaufen wollen.»
In Deutschland, Frankreich, Italien und den Niederlanden liegen beim Zoll Listen mit den Namen der Unternehmen aus, die für die MP3-Lizenzen bezahlt haben. Will ein anderes Unternehmen MP3-Produkte - und dazu zählen auch DVD-Player mit entsprechenden Wiedergabemöglichkeiten - importieren, bekommt Sisvel einen Anruf vom Zoll. Im Fall von Sandisk erwirkte man daraufhin eine gerichtliche Verfügung und ließ die Geräte auf der Messe vom Zoll beschlagnahmen.
Bei Sandisk als großem Hersteller von Flash-Speichern mit entsprechender finanzieller Potenz sah sich Sisvel laut Roberto Dini gezwungen, tätig zu werden, da man einen neuen starken Player im Markt befürchtete. In der Tat wären die in Berlin jetzt nicht mehr zu sehenden Sansa-Geräte von SanDisk echte Preisbrecher gewesen: Im Design an den iPod nano angelehnt, sollen sie doppelt so viel Speicher wie die Apple-Player bieten - zum gleichen Preis. (nz/Golem.de)
