Wikipedia Print: Nicht ohne Wikipedianer
Das Vorhaben ist so ehrgeizig wie absurd: Der Zenodot Verlag wagt sich an eine gedruckte Fassung der Online-Enyklopädie Wikipedia. Auf den ersten Blick meint man dieses Projekt namens «WP1.0» müsse bei der Community der Wikipedia-Autoren durchfallen. Zu sehr fehlen dem gedruckten Buch zentrale Online-Vorteile wie Offenheit und Aktualität. Allerdings sehen die Wikipedianer vor allem Vorteile für sich in dem Vorhaben. Das Risiko des Projekts liegt viel eher auf Seiten des Verlags.
Außerdem hat sich der Verlag ein Sponsoring-Konzept einfallen lassen, dass dazu beitragen soll, das «WP1.0» sich im Sinne des Originals verbreitet und in möglichst vielen öffentlichen Einrichtungen steht. Da das bei einem Gesamtpreis von 1500 Euro keine Selbstverständlichkeit ist, stiftet der Verlag für jede gespendete Ausgabe eine weitere an eine andere öffentliche Einrichtung.
Um etwa eine halbe Million Stichwörter auf 80.000 Seiten zu bearbeiten, stellt Zenodot ein 25-köpfiges Redaktionsteam zur Verfügung. Dieses wird die Artikel für «WP1.0» auswählen und kürzen. Auch eine Gewichtung der Beiträge ist notwendig, da sowohl Verlag als auch Community davon ausgehen, dass Autoren und Leser von einer gedruckten Enzyklopädie mehr Verlässlichkeit und Ehrwürdigkeit erwarten.
Wie einer der Wikipedianer aus der Berliner Community es am Samstag bei einem Informationstreffen des Verlags in Kreuzberg treffend formulierte: «Also ich würde mir die gedruckte Enzyklopädie nicht kaufen, aber das ist ja auch nicht unser Problem, sondern das des Verlags. Wir profitieren letztendlich davon.» Das war der allgemeine Tenor, als Verlagsmitarbeiter den anwesenden Wikipedia-Autoren ihr Projekt vorstellten und anschließend zu Currywurst vom legendären Berliner Imbiss «Curry 36», Biolimonade, Club Mate und Bier einluden.
Auch der Verlag kennt das Risiko. Nur mit verlässlichen Abnehmern und der systematischen Überarbeitung der Texte entlang des Alphabets durch die Wikipedianer in den kommenden vier Jahren ist das Projekt zu realisieren. Wenn es nicht geht, geht es nicht. Wenn es aber funktioniert, hat sich der Pioniergeist gelohnt, als erster Verlag sich auf das größte lexikalische Projekt aller Zeiten eingelassen zu haben. Und dann ist es an der Zeit, über «WP 2.0» nachzudenken.

