netzeitung.deWikipedia Print: Nicht ohne Wikipedianer

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Um die Inhalte der deutschen Wikipedia in 100 Bänden zu drucken, braucht der Verlag die Community. Die zeigte in Berlin bei Bier und Currywurst gelassene Zustimmung.

Von Julia Niemann

Das Vorhaben ist so ehrgeizig wie absurd: Der Zenodot Verlag wagt sich an eine gedruckte Fassung der Online-Enyklopädie Wikipedia. Auf den ersten Blick meint man dieses Projekt namens «WP1.0» müsse bei der Community der Wikipedia-Autoren durchfallen. Zu sehr fehlen dem gedruckten Buch zentrale Online-Vorteile wie Offenheit und Aktualität. Allerdings sehen die Wikipedianer vor allem Vorteile für sich in dem Vorhaben. Das Risiko des Projekts liegt viel eher auf Seiten des Verlags.

Methoden der Taz
Um diese Unwägbarkeiten zu begrenzen, greifen die Herausgeber auf das «taz»-Modell zurück: Um ab 2007 bis Dezember 2010 monatlich zwei broschierte Bände zum Subskriptionspreis von 14,90 Euro mit je 800 Seiten drucken zukönnen, müssen sich genügend Menschen finden, die das Gesamtwerk vorbestellen und jeden Monat zwei Bände abnehmen. Mindestens 20.000 Abonnenten braucht der Verlag. Die aktuelle Anzahl der Besteller soll im Internet offen gelegt werden. Überhaupt spielt der Verlag mit offenen Karten, was ihm das Vertrauen der Community eingebracht und bereits zu einigen gemeinsamen Veröffentlichungen in der Buchreihe WikiPress sowie zu einer CD- und einer DVD-ROM-Version der Online-Enzyklopädie geführt hat.

Spenden und Sponsoring
Die deutschsprachigen Wikipedia-Fans haben es geschafft, in fünf Jahren über 300.000 Artikel zu schreiben. Die Sorge, der Zenodot Verlag könne sich an dieser Arbeit bereichern, ist bei dem avisierten Preis unbegründet, zumal 50 Cent pro Band der Wikimedia-Stiftung zugute kommen.

Außerdem hat sich der Verlag ein Sponsoring-Konzept einfallen lassen, dass dazu beitragen soll, das «WP1.0» sich im Sinne des Originals verbreitet und in möglichst vielen öffentlichen Einrichtungen steht. Da das bei einem Gesamtpreis von 1500 Euro keine Selbstverständlichkeit ist, stiftet der Verlag für jede gespendete Ausgabe eine weitere an eine andere öffentliche Einrichtung.

Verlässlich und ehrwürdig
Bis es aber soweit ist, müssen die Wissensinhalte der Wikipedia stabilisiert und redigiert werden. Dafür will der Verlag laut eigenen Angaben die Rolle des Bibliothekars übernehmen und den verlegerischen Rahmen bieten, um Wikipedias qualitativ hochwertige Inhalte zu sichern.

Um etwa eine halbe Million Stichwörter auf 80.000 Seiten zu bearbeiten, stellt Zenodot ein 25-köpfiges Redaktionsteam zur Verfügung. Dieses wird die Artikel für «WP1.0» auswählen und kürzen. Auch eine Gewichtung der Beiträge ist notwendig, da sowohl Verlag als auch Community davon ausgehen, dass Autoren und Leser von einer gedruckten Enzyklopädie mehr Verlässlichkeit und Ehrwürdigkeit erwarten.

Online-Version profitiert
Zusätzlich soll ein unabhängiger wissenschaftlicher Beirat von freiwilligen Fachleuten einberufen werden, um die Inhalte in letzter Instanz zu prüfen und abzusichern. Davon soll auch die Online-Ausgabe profitieren, die von den Print-Lektoren bis zuletzt mit aktualisiert werden soll. So werden großen Teile der deutschen Wikipedia überarbeitet und erstmalig stilistisch und orthografisch vereinheitlicht. Dennoch bleiben alle Artikel und Bilder unter der «GNU-Lizenz für freie Dokumentation», die es erlaubt, Artikel aus der Enzyklopädie zu bearbeiten und weiterzuverbreiten, sei es kommerziell oder nicht kommerziell, ohne Zustimmung der jeweiligen Urheber, die in «W.P 1.0» jedoch immer genannt werden sollen.

Wie einer der Wikipedianer aus der Berliner Community es am Samstag bei einem Informationstreffen des Verlags in Kreuzberg treffend formulierte: «Also ich würde mir die gedruckte Enzyklopädie nicht kaufen, aber das ist ja auch nicht unser Problem, sondern das des Verlags. Wir profitieren letztendlich davon.» Das war der allgemeine Tenor, als Verlagsmitarbeiter den anwesenden Wikipedia-Autoren ihr Projekt vorstellten und anschließend zu Currywurst vom legendären Berliner Imbiss «Curry 36», Biolimonade, Club Mate und Bier einluden.

Auch der Verlag kennt das Risiko. Nur mit verlässlichen Abnehmern und der systematischen Überarbeitung der Texte entlang des Alphabets durch die Wikipedianer in den kommenden vier Jahren ist das Projekt zu realisieren. Wenn es nicht geht, geht es nicht. Wenn es aber funktioniert, hat sich der Pioniergeist gelohnt, als erster Verlag sich auf das größte lexikalische Projekt aller Zeiten eingelassen zu haben. Und dann ist es an der Zeit, über «WP 2.0» nachzudenken.