Der gesunde Menschenverstand revoltiert
Im Jahr 1946 war der Fall der beiden Farmer Tinie und Thomas Lee Causby vor dem amerikanischen Supreme Court angelangt. Da immer mehr Hühner aus ihrem Besitz dem Luftverkehr über den Stallungen zum Opfer fielen, hatten die Causbys sich auf die damals allgemein anerkannte Interpretation des Eigentumsrechts der Vereinigten Staaten berufen. Sie besagte, dass dem Besitzer nicht nur die «Oberfläche» seines Landes gehöre, sondern auch alles, was sich bis in die Unendlichkeit darüber gen Himmel erstreckt.
Die Richter erkannten an, dass diese Auslegung des Rechts eine seit je geteilte Doktrin sei, und verwarfen sie. In seiner Urteilsbegründung schrieb Richter William Orville Douglas: Wendete man dieses Prinzip auf die gegenwärtigen Verhältnisse an, dann müsste daraus folgen, dass jeder Flug über die Vereinigten Staaten zahlreiche Klagen wegen Hausfriedensbruchs riskieren würde. Douglas schloss: «Der gesunde Menschenverstand revoltiert angesichts dieser Idee.»
Dieses Beispiel stellt Lawrence Lessig an den Anfang seines Buches «Free Culture», das nun erstmals in deutscher Übersetzung erschienen ist. Lessig ist Professor für Verfassungsrecht an der Stanford University in Kalifornien sowie Gründer des Stanford Center for Internet and Society. Vor dem Supreme Court vertrat er den Kläger im Prozess gegen die erneute Verlängerung der amerikanischen Urheberrechtsdauer.
Mit seinem Verweis auf das Urteil im Prozess Vereinigte Staaten gegen Causby erinnert Lessig daran, dass das Gesetz, sogar wenn es in der Verfassung verankert ist, nicht unantastbar sein kann auch in einer so verfassungsgläubigen Rechtstradition, wie sie in den Vereinigten Staaten herrscht. Es hat im Gegenteil den Zwecken derer zu dienen, die es sich gegeben haben den Bürgern einer Gesellschaft.
Die weltweite Auseinandersetzung um das Immaterialgüterrecht ist einer Vielzahl von Entwicklungen geschuldet, die aus der Digitalisierung von Inhalten und der weltweiten Popularisierung des Internets folgen. Ihre Auswirkungen durchdringen unseren Alltag, ohne dass sich ihre weitreichenden Folgen ohne weiteres erkennen lassen.
Eine davon ist eine Veränderung in der Natur der Wirtschaftsgüter. Gebe ich meiner Nachbarin einen Apfel, hat sie ihn, und ich habe ihn nicht mehr ein materiales Gut ist «rivalisierend». Rezitiere ich meiner Nachbarin ein Gedicht, kennen wir es beide, sie und ich, ohne dass ich es weniger habe als zuvor. Das Gedicht ist «nichtrivalisierend».
Das trifft ebenso zu auf die so genannten immaterialen (auch «virtuellen») Güter, wie digitalisierte Filme, Musik, Bücher oder Software, die sich darin grundlegend von ihren fassbaren Pendants unterscheiden. Entscheidend kommt hinzu, dass diese Güter blitzschnell und mit geringen Transaktionskosten vertrieben werden können, seit das Internet zumindest in den Industrieländern zum Massenmedium geworden ist.
Das ist nachvollziehbar, bedeuten sie doch eine geringere Kontrolle über den «content», die Inhalte, mit denen sie ihre Geschäfte machen. Noch dazu geben die neuen Technologien Konkurrenten ungeahnte Gelegenheiten, in einen Markt einzudringen, den sich bisher etablierte Konzerne aufgeteilt haben. Der Erfolg der umstrittenen Peer-to-peer-Tauschbörsen zum Musikvertrieb ist dafür das beste Beispiel.
Lessig befürwortet grundsätzlich Urheberschutz und Patente. Und er macht nicht den Fehler, die Strategien der Unternehmen moralisierend zu verurteilen. Es sei nachvollziehbar, dass Firmen, die ihr bisheriges Geschäftsmodell durch technologische Entwicklungen bedroht sehen, Druck auf Regierungen ausüben, damit sie sie schützen. Nur sei es eben auch die Pflicht der Volksvertreter, dafür zu sorgen, dass dieser Schutz kein Korsett für die Fortentwicklung einer vielfältigen Kultur werde.
«Free Culture» ist eine Gegenrede, bei der Lessig nicht nur Empirie, sondern auch die Logik auf seiner Seite hat. Und wie viele seiner angelsächsische Kollegen hat er die Gabe, trockene wissenschaftliche Argumentationen in eine spannende Erzählung zu verwandeln, ohne dabei ihre Komplexität zu vernachlässigen.
Lawrence Lessig: Freie Kultur - Wesen und Zukunft der Kreativität
Open Source Press Gmbh, München 304 S., 24,90 Euro

