Blogger:
«Blogger verändern die Meinungsbildung»
13.12.2005
Herausgeber: netzeitung.de
Das Bloggen hat ihn bekannt gemacht - unter Menschen, die den jungen «assistant professor» sonst nie kennen gelernt hätten. Die Netzeitung sprach mit Drezner in einem Café in der Nähe der University of Chicago.
Daniel W. Drezner: Die Debatte über die Rolle von Bloggern in politischen Skandalen ist ja bekannt. Ein Beispiel: Der ehemalige Chef der Republikaner im Senat, Trent Lott, hatte in einer Rede auf einer Veteranen-Veranstaltung im Dezember 2002 den Versuch von Thurmond, im Jahr 1948 zum Präsident gewählt zu werden, gelobt - obwohl Thurmond damals eine Politik der Segregation befürwortet hatte.
Die Medien hatten die Geschichte zunächst nicht besonders groß gebracht, aber viele Blogger haben Lott und die Presse kritisiert, bis die großen Medien doch darüber berichtet haben. Lott hat später seinen Posten als Senats-Chef verlassen. Anderes Beispiel: Die Dokumente über George W. Bushs Militärdienst, die CBS in der Sendung «60 Minutes» präsentiert hat, wurden sehr stark von Blogger kritisiert und haben zur Kündigung des Fernseh-Veteran Dan Rather geführt.
In der letzten Zeit sind die Reaktionen von Bloggern zu unterschiedlichen Initiativen der Bush-Regierung sehr interessant. Nach «Katrina» hat die Regierung mehr Geld gespendet, ohne in anderen Bereichen einzusparen, was republikanische Blogger scharf kritisiert haben. Oder die Nominierung von Harriet Miers zum Obersten Richter. Blogger waren die ersten, die deutlich ihre Enttäuschung zeigten - das hat die Medien überrascht.
Netzeitung: Weshalb spielen Blogger für Journalisten eine so große Rolle?
Drezner: Der Wettbewerbsvorteil von Blogger ist die Schnelligkeit. Weil sie so schnell reagieren können, werden Blogs von Journalisten genutzt, die eine unmittelbare Interpretation der Ereignisse suchen.
Blogger werden sowohl von Medien als auch von Politikern gelesen. Man konnte das beobachten, als eine Frau vergeblich versucht hat, im Senat gegen John Bolton zu klagen - während der Phase, als er zum UN-Botschafter nominiert war. Stattdessen hat sie den Blogger Daily Kos gerufen, und zwei Stunden nachdem er von ihrer Geschichte erzählt hat, kam der Telefonanruf vom Senat.
Für die Medien sind Blogs gute Stimmungsbarometer. Und weil die bekanntesten Blogs viele Leser haben, ist es auch effizient für die Medien, die Blogs zu lesen.
In bestimmten Bereichen kann man die gleiche Dynamik beobachten. «The Irish Trojan's Blog» des Jura-Studenten und Amateur-Meteorologen Brendan Loy hat schnell eine große Leserschaft bekommen, als er eine «unprecedented cataclysm» in New Orleans vorausgesagt hat, drei Tage bevor «Katrina» die Stadt erschüttert hat.
Netzeitung: Mit anderen Worten: Blogs haben den Prozess der Meinungsbildung verändert?
Drezner: Die Unterschiede und Interaktion zwischen Blogs und den Kommentarseiten in den Zeitungen zeigen das deutlich. Blogs sind viel zugänglicher, Blogger etablieren häufig persönliche Netzwerke mit anderen Bloggern, und sie senden einander Tipps und Vorschläge.
Wenn Sie Expertenstatus in Ihrem Bereich haben wollen und ein guter Blogger sind, stehen ihre Chancen viel besser. Mit einem guten Blog erreichen Sie viel leichter, dass ihre Texte von Kommentatoren angenommen werden.
Ist dies nur ein Elitephänomen? Ich bin Professor, also könnte man das von meinem Beispiel behaupten. Es gibt aber andere, die zum gleichen Status aufgestiegen sind, ohne eine formelle Eliteposition zu haben. Kevin Drum hatte keine Erfahrung in Journalismus oder Politik, hat sich aber als Blogger einen Namen gemacht und wurde von der Zeitschrift «Washington Monthly» angestellt.
Das Bloggen ist aber kein ausschließlich demokratisches Phänomen. Es ist einfacher bekannt zu werden, wenn man quasi offiziell zur Elite gehört, zum Beispiel als Professor. Aber das alleine reicht nicht. Man muss schreiben können, und das im Blog-Stil. Einige meiner Kollegen haben versucht zu bloggen, haben aber offenbar nicht verstanden, dass ein wissenschaftlicher Artikel als Blog-Eintrag nicht funktioniert. Man braucht einen guten Stil - und man muss bereit sein, Fehler einzuräumen und zu korrigieren.
Netzeitung: Aber generell glauben Sie, dass das Bloggen einen demokratisierenden Effekt hat?
Drezner: Ja, Blogs macht die Gesellschaft demokratischer. Sie haben die Eintrittsbarrieren gesenkt. Es wird immer Ungleichheiten geben, die werden aber von Blogs reduziert. Sie tragen zu einer Egalisierung der Gesellschaft bei. Das hängt mit einer sehr interessanten Debatte über Blogs und Öffentlichkeit zusammen.
Netzeitung: Das Verhältnis zwischen Bloggern und Medien in den USA wirkt oft sehr konfliktreich...
Drezner: Kritik von den Medien kommt von Links und Rechts. Die Linken sehen die Medien als große multinationale Konzerne. Die Rechten finden, dass linke Redakteure die Berichterstattung zu stark beeinflussen.
In den USA gibt es viel Misstrauen gegen Elite-Institutionen. Das gilt auch für Menschen, die selbst der Elite angehören. Misstrauen gegen die Regierung ist in den USA nichts Neues.
Misstrauen gegen die Medien ist auch eine Klassenfrage. Journalismus war einmal ein einfacher Beruf, das hat sich geändert. Es gibt aber eine realistische Möglichkeit, dass Blogger in das Mediensystem integriert werden. Glenn Reynolds (instapundit.com) schreibt für Fox, zum Beispiel. Die großen Medien starten ihre eigene Blogs oder kaufen Unabhängige auf. Diese Entwicklung bringt die Blogger näher an die politische Elite.
Das kann aber auch für die Blogger Konsequenzen haben. Es ist einfacher kritisch zu sein, wenn man jemanden nicht kennt. Irgendwann wird es für die Blogger schwierig, den Outsider-Status zu behalten.
Das Interview mit Daniel W. Drezner führte Olav Anders Øvrebø in Chicago.
