Wikipedia: Keine Abkehr vom Prinzip
Netzeitung: Die Wikipedia ist rasant gewachsen. Hat das auch etwas mit den aktuellen Problemen zu tun?
Kurt Jansson: Wir stellen uns zurzeit tatsächlich die Frage, ob das Wachstum mit der Größe der Community skaliert - also der Leute, die sich intensiv um das Projekt kümmern. Wenn das nicht mehr übereinstimmt, müssen wir vielleicht das Wachstum etwas regulieren.
Netzeitung: Es gab die Meldung, es dürften jetzt nur noch 1500 Artikel pro Tag angelegt werden.
Jansson: Wie sage ich das jetzt freundlich ... Das war ein Vorschlag, der auf irgendeiner Mailingliste mal auftauchte, mehr nicht. Die Zahl ist nicht richtig, es gibt keine Beschränkung. Manchmal würde ich mir wünschen, dass mehr nachgefragt wird, bevor über die Wikipedia geschrieben wird.
Netzeitung: Aber es ist richtig, dass Leute ohne Nutzer-Account keine Artikel mehr anlegen können...
Jansson: Ja, bevor man in der englischsprachigen Wikipedia einen Artikel anlegt, braucht man jetzt einen Account. Seit wir das geändert haben, werden auch tatsächlich weniger Texte angelegt.
Das liegt aber daran, dass ganz viele Leute einfach irgendwas schreiben, wenn es hinter einem unserer «roten Links» noch keinen Text gibt. Es wurden zum Beispiel in der englischsprachigen Wikipedia bislang jeden Tag etwa 1500 sinnvolle Artikel angelegt - und noch einmal «Müllartikel» etwa in der gleichen Größenordnung. Das wird jetzt weniger - die wieder zu löschen, ist für uns einfach sehr mühsam.
Netzeitung Aber es ist kein großer Aufwand, einen Account anzulegen. Jeder könnte das theoretisch tun.
Jansson: Ja, man braucht noch nicht mal eine Mail-Adresse dafür. In der Presse wird es aber leider so dargestellt, als sei das jetzt der große Richtungswechsel. Schon jetzt können zum Beispiel nur angemeldete Nutzer Bilder hochladen - damit dezimieren wir die Anzahl der unsinnigen Bilder. Man kann auch erst nach einiger Zeit Artikel verschieben.
Einen Nutzer-Account anzulegen ist zwar keine große Sache, aber ein guter Filter für uns, um einige Leute auszusieben, die nur rumspielen wollen...
Netzeitung: Restriktionen werden von vielen Wikipedia-Nutzern aber kritisch gesehen, auch vom Gründer Jimmy Wales.
Jansson: Ziel ist es immer gewesen, eine Enzyklopädie zu schreiben. Ein Wiki ist dafür ein sehr taugliches Mittel. Wenn wir das Instrument in Teilen anpassen müssen, dann machen wir das einfach. Nur, weil jetzt Artikel nur noch von angemeldeten Nutzern angelegt werden können, ist das keine Verletzung des Wiki-Prinzips. Im Vergleich zu anderen Online-Projekten sind wir immer noch sehr offen.
Netzeitung: Das heißt, das Mittel folgt dem Zweck?
Jansson: Ja, genau. Tatsächlich wollen wir deshalb auch noch mehr ändern. Es gibt im Moment eine Liste der «letzten Änderungen», wo alle Artikel-Änderungen aufgeführt werden, völlig unsortiert. Es wäre aber viel sinnvoller, das nach Themen zu sortieren. Dann kann jemand, der sich in einem bestimmten Bereich auskennt, die Änderungen überwachen.
Netzeitung: Je größer Wikipedia wird, desto wichtiger wird auch, dass die Qualität stimmt...
Jansson: Ja, und ich würde behaupten wollen, dass wir das auch leisten. Wir haben jetzt schon mehr als 600 deutschsprachige Artikel, die wir selbst als «exzellent» einstufen. Und es werden immer mehr.
Netzeitung: Es wurde auch schon diskutiert, solche Artikel für die Bearbeitung zu sperren.
Jansson: Die Community ist sich da nicht sicher. Es kann ja immer noch was verbessert werden, oder es gibt neue Erkenntnisse. Exzellente Artikel sind aber nicht das Problem, die werden von uns gut beobachtet. Ein Problem sind eher Texte, die lange Zeit unbeobachtet bleiben. Daran arbeiten wir.
Was mir auch wichtig ist, das Projekt ist immer noch im Aufbau. Erst wurden wir eineinhalb Jahre von der Presse hoch geschrieben, und jetzt geht es in die andere Richtung. Ich habe immer betont, dass man sich nicht auf das verlassen soll, was in der Wikipedia und anderen Nachschlagewerken steht, sondern immer mehr als eine Quelle heranziehen soll. Wir in der Community sehen jeden Tag Fehler, das ist nichts besonderes. In der Presse gibt es jetzt auf einmal eine große Aufregung.
Netzeitung: Liegt das an der gestiegenen Aufmerksamkeit?
Jansson: Wikipedia ist natürlich eines der bekanntesten Online-Projekte überhaupt. Es ist wahrscheinlich inzwischen einfach ein dankbares Thema. Wenn man etwas als großes Vorbild darstellt, macht es natürlich Spaß, es wieder vom Sockel runterzuholen.
Netzeitung: Es sah aber so aus, als würde das Prinzip der «anonymen Artikel» gerade jetzt aufgegeben, wo es in den USA zu Problemen mit einer umstrittenen Journalisten-Biographie in Wikipedia kam.
Jansson: Das finde ich etwas unglücklich. Die Idee, Artikel nur von eingeloggten Benutzern anlegen zu lassen, ist nicht über Nacht entstanden. Wir haben immer diskutiert, welche Mechanismen sinnvoll sind und welche nicht. Die Diskussion gibt es seit Anfang an. Allgemein tendieren wir aber eher zu so genannter «soft security» - also eher durch soziale Interaktion für Sicherheit und Qualität zu sorgen.
Netzeitung: Wer entscheidet eigentlich, wie und wann die Software weiterentwickelt wird?
Jansson: Etwa 10 bis 20 Entwickler sind daran beteiligt. Es gibt ein System, wo Nutzer Vorschläge einreichen können, und die Programmierer machen dann das, was sie für nützlich halten oder wozu sie Lust haben. Das führt natürlich auch dazu, dass komplexe oder lästige Dinge manchmal erst später geändert werden. Wir überlegen deshalb auch, für bestimmte wichtige Arbeiten künftig Geld zu zahlen.
Netzeitung: Wäre es zum Beispiel sinnvoll, ein Ranking für Artikel einzuführen? Somit könnte jeder Leser sehen, welche Qualität ein Artikel hat?
Jansson: Schwierig. Wir werden das vielleicht ausprobieren. Als Wikipedianer bin ich allerdings skeptisch. Es hilft dem Leser ja nichts, wenn er auf einer Skala von eins bis zehn einen Artikel mit der Wertung 8,2 vor sich hat - was sagt ihm das? Da ist es besser, wenn wir immer mehr exzellente Artikel schaffen. Vielleicht macht es auch Sinn, Artikel zu kennzeichnen, die noch nicht perfekt aber immerhin inhaltlich korrekt und vollständig sind.
Netzeitung: Steigt denn die Zahl der Artikel, die Sie in solche Kategorien einordnen würden?
Jansson: Auf jeden Fall. Gerade im naturwissenschaftlichen Bereich gibt es eine echte Konsolidierung. Gerade im Bereich Säugetiere oder auch Mathematik gibt es, glaube ich, kaum eine Informationsquelle im deutschsprachigen Internet, die so gut ist. In den Geisteswissenschaften sieht es teilweise aber noch nicht so gut aus. Wir nähern uns einem sehr hohen Niveau an, aber die Qualität ist eben noch sehr heterogen.
Netzeitung: Wann ist die Wikipedia fertig geschrieben?
Jansson: Die Wikipedia ist nicht auf Jahre, sondern eher auf Jahrzehnte angelegt.
Netzeitung: Wird die Wikipedia zum zehnten Jahrestag eine verlässliche Enzyklopädie sein?
Jansson: Ich bin sicher, dass wir bis dahin ein System haben, anhand dessen der Leser die Qualität eines Artikels einschätzen kann. Das ist im Moment noch schwierig.
Mit Kurt Jansson sprach Peter Schink.

