18. Nov 2005 12:05
In Tunis geht am heutigen Freitag der UN-Informationsgipfel zu Ende. Der deutsche Blogger und Online-Aktivist Markus Beckedahl erlebte vor Ort, wie die tunesische Regierung mit Kritik an ihrer Politik umgeht.
Netzeitung: Was hat Sie dazu bewogen, am Gipfel der UN teilzunehmen?Markus Beckedahl: Wir engagieren uns schon seit mehr als vier Jahren im WSIS-Prozess und haben dazu ein Netzwerk in Deutschland aufgebaut, das viele weltweite Kontakte geknüpft hat. Der WSIS-Prozess hat erstmals eine globale Diskussion über die Vision einer Informations- und Wissensgesellschaft angestossen. Ich beschäftige mich schon seit bald zehn Jahren mit dieser Fragestellung. In meinem Weblog «netzpolitik.org» berichte ich quasi live vom Gipfel, mit Artikeln, Bildern und Audio-Interviews.
Netzeitung: Was sind Ihrer Ansicht nach die zentralen Fragen des WSIS?
Beckedahl: Die zentrale Frage war am Beginn des Prozesses, Lösungen zu finden, die digitale Spaltung weltweit zu bekämpfen. Dies halten wir immer noch für einen wesentlichen Punkt. Auch das Thema Menschenrechte in der digitalen Gesellschaft sollte eigentlich eine herausragende Rolle spielen. Eine Frage, die leider weitgehend ausgeblendet wurde, ist der Zugang zum Wissen der Menschheit, beziehungsweise wem das Wissen gehört.
Netzeitung: Wem gehört das Wissen denn? Und was ist nötig, um allen einen Zugang zu ermöglichen?
Beckedahl: Das ist eine gute Frage. Sie zu beantworten wäre die Aufgabe des Weltgipfels gewesen. Leider wurde diese Chance nicht genutzt.
Wir wünschen uns, dass das Wissen der Menschheit allen weltweit zur Verfügung steht, um darauf aufzubauen und Neues zu erschaffen. Vor allem Menschen in den Entwicklungsländern würden davon profieren.
Im Bereich des geistigen Eigentums brauchen wir mehr Rechte für die Allgemeinheit, um mehr Innovationen zu ermöglichen. Zuviel Schutz verhindert eine Weiterentwicklung im technischen und im kulturellen Bereich. Staaten können und sollten auch neue und innovative Modelle unterstützen, die auf Kollaboration und Teilhabe an Wissen setzen, wie Freie Software, Creative Commons oder Wikipedia. Sie können lokal, staatlich und international auf verschiedenste Art und Weise gefördert werden.
Netzeitung: Hat der Streit um Icann und den Domain Name Service andere wichtige Punkte in der öffentlichen Wahrnehmung überlagert?
Beckedahl: Auf jeden Fall. Das zentrale Thema, die Überwindung der Digitale Spaltung weltweit, wurde durch den Streit komplett verdrängt. Ausserdem wurde im ganzen WSIS-Prozess die wichtige Frage der Geistigen Eigentumsrechte, also eine Balance im System der Urheberrechte und Patente komplett ausgeblendet. Dabei bietet das Thema eine große Chance für mehr Entwicklung vor allem in Entwicklungsländern.
Ein weiterer zentraler Punkt, die Freiheit in der digitalen Gesellschaft, kam viel zu kurz. Viele Regierungen und die Industrie legen ihren Fokus leider viel zu sehr auf infrastukturelle Fragen. Das ist aber eher eine technokratische Diskussion. Wir sagen da ganz klar, die Frage der Teilhabe an einer globalen Wissensgesellschaft ist noch bedeutender als die dafür nötige Infrastruktur.
Netzeitung: Im Icann-Streit gibt es ja nun einen Kompromiss. Wie groß wird Ihrer Ansicht nach der Einfluss des neuen unabhängigen Gremiums, das nun geschaffen werden soll, wirklich sein können?
Beckedahl: Das werden wir in den kommenden Jahren sehen. Positiv ist zu vermerken, dass die Idee eines «Global Forums» aus der Zivilgesellschaft in den Prozess eingebracht wurde und die Regierungen diese Anregung aufgenommen haben. Leider wurde die Chance verpasst, ICANN weiter zu demokratisieren. Hin zu mehr Offenheit, Transparenz, Demokratie und vor allem Unabhängigkeit von Regierungen.