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Lupe Verdächtiger Sony-Copyschutz bald in Europa

Sonys CD-Kopierschutz wird verdächtigt, Daten auszuspionieren und Betriebssysteme zu beschädigen – und das bald auch in Europa. Microsoft will seine User vor Sony schützen.

Nach den massiven Vorwürfen und Protesten gegen seinen neuen CD-Kopierschutz tritt Sony BMG offenbar die Flucht nach vorn an: Das Unternehmen wolle das in die Kritik geratene Programm im kommenden Jahr auch in Europa einführen, berichtet die Deutsche Presseagentur dpa.

Wie vor zwei Wochen eher zufällig entdeckt worden war, nimmt das Programm tiefe, teils kaum reparable Eingriffe in die Windows-Systemstruktur vor und sendet gleichzeitig sensible Daten via Internet an den Konzern, wenn es sich einmal installiert hat. In Fachkreisen ist die programmierte Verschleierung als «Rootkit» bekannt.

«Wir möchten es den Konsumenten ermöglichen, private Kopien anzufertigen», rechtfertigte Europa-Chef Maarten Steinkamp den Einsatz solcher Systeme gegenüber der Deutschen Presseagentur. «Es versteht sich von selbst, dass wir dies auf eine sinnvolle Art und Weise bewerkstelligen müssen.»

Mit Techniken, die bisher nur aus dem Repertoire von Viren- und Spyware-Programmierern bekannt waren, versucht Sony BMG bereits in den USA seine Rechte zu schützen: Sobald eine Sony-CD im Rechner abgespielt wird, installiert sich heimlich Software. Diese scannt im Sekundentakt den Rechner, sendet IP-Adressen und CD-Daten an den Konzern, versteckt Systemdateien und soll laut «de.internet.com» sogar andere mp3-Dateien auf dem Rechner mit Störsignalen versehen.

Kopierschutz wirkt wie ein Virus
Dabei ist es egal, ob sich die geschützte CD noch im Laufwerk befindet oder nicht. Deinstallieren lässt sich das Programm nicht mehr, Berichte vermelden Systemabstürze und Leistungsprobleme und warnen davor, dass die Änderungen Hackern das Eindringen erleichern – klassische Kennzeichen von Computerviren also. Dabei sollte das Tool eigentlich nur die Anzahl der Kopien pro CD limitieren und gebrannte Kopien wieder mit Kopierschutz versehen.

Auch beim Windows-Hersteller Microsoft – an sich kein Feind des Themas Digitales Rechtemanagement - ist man nicht amüsiert und offenbar auch nicht gewillt, solch gravierende Eingriffe in das Betriebssystem einfach so zuzulassen: Man sei besorgt und prüfe weitere Schritte, heißt es aus der Firmenzentrale. Die Sicherheit der Nutzerdaten habe «oberste Priorität».

«Warum sollte die User das interessieren?»
Denkbar wäre zum Beispiel ein Microsoft-Tool, das dabei hilft, den Sony-Kopierschutz wieder zu deinstallieren und so dessen Einsatz endgültig zur Farce machen würde. Auch zwei Klagen gegen das System wurden bereits eingereicht: die eine von kalifornischen Verbraucherverbänden, die andere von italienischen Bürgerrechtlern. Beide bemängeln die Spionage und die unbefugten Eingriffe in fremde Rechnersysteme.

Sony BMG zieht sich in dieser Angelegenheit auf dem Standpunkt zurück, die User hätten die Lizenzbestimmungen akzeptiert. Sony-Mann Steinkamp fügt hinzu: «Es ist klar, dass wir in Europa nur Technologien einsetzen, die für den Käufer sicher und fehlerfrei sind.»

Konterkariert wird das allerdings von einem Statement des Welt-Chefs der Digital Division des Konzerns, Thomas Hesse, gegenüber dem amerikanischen Public Radio: «Die meisten Leute, denke ich, wissen noch nicht einmal, was ein Rootkit ist», so Hesse. «Warum also sollte sie das interessieren?» (nz)