Ideenklau aus dem Internet
05.10.2005
Herausgeber: netzeitung.de
Im Web finden sich unter Millionen Seiten auch unzählige mit wissenschaftlichen Texten - für manch einen eine verführerische Möglichkeit, sich mit fremden Meriten zu schmücken. «Seit es das Internet gibt, treten mitunter Fälle auf, dass Vorträge und wissenschaftliche Arbeiten übernommen werden», stellt Endress Wanckel fest. Der Rechtsanwalt von der Kanzlei Frömming und Partner in Hamburg befasst sich seit zehn Jahren mit Streitfällen in Sachen Urheberrecht. Der plumpe Klau mittels «kopieren und einfügen» sei zum Glück selten. «Er ist leicht beweisbar und eindeutig rechtswidrig.»
«Die Technik hilft beim Klauen - sie hilft aber auch, schwarze Schafe zu ermitteln», sagt Prof. Manuel René Theisen von der Fakultät für Betriebswirtschaftslehre an der Ludwig-Maximilians-Universität München. In den USA sei es üblich, Abschlussarbeiten mit einer speziellen Prüfsoftware zu untersuchen. Um die Übernahme fremder Arbeiten aus dem Netz einzuschränken, hält auch Theisen speziellere Prüfungsaufgaben für einen gangbaren Weg - etwa indem von Studierenden eigene Untersuchungen verlangt werden.
Wer sich die Arbeit zumindest erleichtern will, kann Hausarbeiten, Referate oder Präsentationen im Internet auch gleich bestellen. «Ghostwriting ist so alt wie die Schrift», sagt Daniel Ridders, Mitbetreiber der Internetseite «hausarbeiten24.com» aus Münster.
Seine Mitarbeiter schreiben Arbeiten nach Kundenwunsch, die als Vorlage für die eigene Ausarbeitung dienen sollen. «Eine Hausarbeit kann ebenso wie Klamotten oder eine CD bestellt werden. Ein Mausklick reicht», sagt der studierte Wirtschaftsrechtler. Wie viele Arbeiten bei ihm in Auftrag gegeben werden, deren Umfang durchaus der einer Diplom-Arbeit entspricht, will Ridders nicht verraten. «Wir können nicht kontrollieren, was jemand damit macht.»
Nachdem an einem Fachbereich der Universität Hannover Hausarbeiten aufgetaucht waren, die aus dem Internet stammten, dürfen Lehrende der Philosophischen Fakultät nun auch für solche Arbeiten eine Originalitätserklärung verlangen. Bislang sind sie nur für Diplom- und Magisterarbeiten üblich. Studierende bestätigen damit, dass sie eine Arbeit selbstständig und nur unter Verwendung der angegebenen Quellen angefertigt haben.
Dass Quellen aus dem Internet genutzt werden, sei grundsätzlich kein Problem - solange sie angegeben werden, sagt Martin Lähnemann, Studiendekan der Philosophischen Fakultät der Universität. «Die Texte im Internet sind von höchst unterschiedlicher Qualität. Es stellt schon eine Leistung dar, gute Arbeiten zu erkennen.» Das Datennetz habe einen neuen Weg der wissenschaftlichen Recherche eröffnet. «Heute enthalten die abgegebenen Arbeiten 75 bis 80 Prozent Literaturquellen aus dem Internet.»
Wer Texte in gedruckter oder digitaler Form der Allgemeinheit zugänglich macht, habe indes nur wenig Chancen festzustellen, wenn daraus abgeschrieben wird. «Die Kontrollmöglichkeiten sind begrenzt und mühsam. Man kann nur mit offenen Augen durch die Welt gehen und Veröffentlichungen zu ähnlichen Themen kritisch prüfen», sagt Wanckel.
Der Verzicht auf eigene geistige Anstrengungen kann hingegen eine junge Karriere rasch beenden, wenn die Abschlussarbeit oder Teile davon vom Ghostwriter oder aus dem Netz stammen. «Die meisten Fälle kommen nicht raus, und wo es auffliegt, fliegen die Leute raus», erklärt Sascha Tillmanns, Senior Berater bei Kienbaum Consultants International in der Niederlassung Stuttgart. Das sei zwar bitter, wenn jemand gut ins Team passt und fachlich gut ist, doch Firmen könnten dies nicht dulden. (dpa)

