Das Wort 'niemals' bekommt neue Qualität:
«Das Wort 'niemals' bekommt neue Qualität»
19. Sep 2005 10:25
 |  Gerhard Schröder - Rede vor umbra-farbenem Hintergrund | Foto: spreeblick.de |
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Das Verhalten der Wahlverlierer ist von den politischen Blogs mit Verwunderung aufgenommen worden. Die Parteien müssten sich nun bewegen, heißt es im Netz.
Von Peter SchinkJohnny Häusler schreibt im «Spreeblick» schon um 19:36 Uhr erstaunt, was später am Abend zum Tenor in den Deutschen Blogs werden wird: «Ich stehe hier ... vor einer Rolle Geschenkpapier, da ich mich immer noch als solches sehe.»
Damit beschreibt Häusler den Auftritt von Bundeskanzler Gerhard Schröder in der SPD-Bundeszentrale vor einer Wand mit vielen kleinen SPD-Logos auf umbra-farbenen Untergrund – bei dem er sich selbst zum Sieger und künftigen Kanzler erklärt. «Alle sind Sieger», schreibt dementsprechend ironisch auch der «Fellow Passenger». Und gleiches bei «Fuckup»: «Dass sich nun vier Parteien als Sieger sehen, von denen zwei stark verloren haben, ist schon lustig.»
«Keine Ahnung haben, was zu tun ist»
Das Erstaunen in der Blogosphäre über Wahlergebnis und Spitzenpolitiker ist groß. Im «Wahlblog05» herrscht Verwunderung: «Was ist in den Herrn Schröder gefahren? Die SPD ist (wahrscheinlich) schwächer als die CDU und soll in einer möglichen großen Koalition den Bundeskanzler stellen???», schrieb einer der Wahl-Blogger. Und im konkurrierenden «Wahlblog» wird bereits resümiert: «Ihnen [den Spitzenpolitikern] ist in erschreckender Weise im Gesicht anzusehen, dass sie keine Ahnung haben, was jetzt zu tun ist. Nur so kann ich mir erklären, dass sich Gerhard Schröder, nach großem Kampf abgewählt, immer noch als Kanzler wähnt. »Auch bei der «Ringfahndung» heißt es: «Die Politiker, allen voran der Kanzler und unsere Umfragekanzlerin, sind geschockt. Ihnen ist in erschreckender Weise im Gesicht anzusehen, dass sie keine Ahnung haben, was jetzt zu tun ist.»
Einen kleinen Unterschied zwischen den beiden konstanierten Wahlverlierern Gerhard Schröder und Angela Merkel stellt hingegen der «Fellow Passenger» fest: «Die SPD hat die Wahl gewonnen, strahlt Gerhard, der Kanzler bleiben will. Angela will auch Kanzler sein, (...) dabei zieht sie ein ganz schön beleidigtes Gesicht.» Und auch im «Wahlblog» fällt auf, dass die Unionskandidatin nicht glücklich ist über ihr Wahlergebnis: «Angies Mundwinkel sind endgültig den Realitäten und der Schwerkraft erlegen», schreibt ein Blogger.
Merkel hat nichts zu lachen
Merkel wird in den Blogs nicht um ihre Position beneidet. «Curious Creatures» spekuliert bereits über ihr Ende: «Angela Merkel wird Kanzlerin einer großen Koalition und wird zwischen Union-Ministerpräsidenten und SPD zerrieben. Nach zwei Jahren tritt sie dann ab und der erfahrenste CDU-Ministerpräsident übernimmt wie geplant: Roland Koch.» Auch «Lautgeben» ist skeptisch, ob Merkel das schlechte Ergebnis politisch überleben wird: «Angela Merkel könnte nun ihr Waterloo mit den starken Ministerpräsidenten erleben.»
Spekulation über Koalitionen
In anderen Blogs wird bereits am Sonntagabend über mögliche Koalitionen spekuliert. Der Neologismus «Jamaika-Koalition» macht die Runde. «Azreal74» nennt die kreative Schöpfung der Umfrageinstitute für eine Koalition aus Union, FDP und Grünen bereits sein «neues Lieblingswort».Im Blog «Industrial Technology & Witchcraft» schreibt «majo»: «Klar ist (mir) jedenfalls, daß es keine rechte Neocon-Mehrheit geben wird, und das ist (mir) die Hauptsache. Wir, die Bürger, wollen es offenbar nicht. Wir wollen offenbar, daß es so ähnlich, nur etwas weiter links weitergeht.»
Der «Schockwellenreiter» stellt erfreut fest: «Mit diesem Ergebnis dürfte die 'kulturelle Hegemonie' der neoliberalen Einheitsideologie in Deutschland gebrochen sein. Nicht nur wird die Linke.PDS ständig daran erinnern, sondern mit diesem Abschneiden werden auch die linken Flügel in SPD und Grünen wieder neue Kraft gewinnen. Und was eine Regierungsbildung anbetrifft: Jetzt müssen sich die Politiker bewegen, ob sie wollen oder nicht...»
Dass es Bewegung in Koalitionsverhandlungen geben wird, sind sich viele Blogger einig. So sagt etwa «Don Alphonso» voraus: «Guido Westerwelle wird umfallen und Vizekanzler einer Ampelkoalition. Natürlich nicht so schnell.» Im Blog «Wortschnittchen» heißt es, süffisant: «Das Wörtchen 'niemals' bekommt bei Koalitionsverhandlungen eine ganz neue Qualität.»