netzeitung.de«Weblogs müssen polarisieren»

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Nico Lumma (Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Nico Lumma
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Weblogs sind inzwischen keine Nische für Technik-Freaks mehr. Die Netzeitung sprach mit Nico Lumma, der im Sommer mit dem «Wahlblog» zur Bundestagswahl polarisieren will.

Nico Lumma bloggt seit zwei Jahren im «Lummaland» und betreut beruflich das Blog-Portal «blogg.de». In diesem Sommer hat er «Wahlblog.de» gestartet, ein Meinungsblog zur Bundestagswahl. Lumma will, dass dort Blogger und Politiker gemeinsam schreiben und diskutieren. Die Netzeitung sprach mit Lumma über den Sinn und die Zukunft des Bloggens.

Netzeitung: Warum lesen die Leute eigentlich Blogs?

Nico Lumma: Die Leute sind an Meinung interessiert, und nicht an den Dauerwiederholungen von Statements im Fernsehen. Blogs sind in meinen Augen weniger eine Informationsquelle, sondern primär eine Quelle für Meinungen.

Netzeitung: Die muss aber interessant und sein, damit die Leute das Blog überhaupt lesen wollen...

Lumma: Klar, man muss auch ein Stück weit polarisieren, damit sich die Leute an den Artikeln reiben können und dann auch anfangen, die Beiträge zu kommentieren. Dann wird ein Weblog erst richtig spannend. Aber es gibt auch Leute mit erfolgreichen Blogs, die langweilige Texte schreiben.

Netzeitung: Aber es gibt nicht nur Meinungsblogs.

Lumma: Ja, klar. Es gibt die üblichen Katzenblogs, Meinungsblogs, Tagebücher mit losen Gedanken. Alles was sich aufschreiben lässt, findet sich in Weblogs wieder.

Netzeitung: Sind Weblogs eigentlich noch eine Nische, oder halten Sie die neue Publikationsform inzwischen für massentauglich?

Lumma: Technisch gesehen braucht man nicht viele Kenntnisse, um ein Weblog zu starten. Es ist noch kein Massenphänomen, aber die Zahl steigt. Vor zwei Jahren gab es in Deutschland 300 Weblogs, inzwischen sind es 60.000.

Netzeitung: Aber für jemand, der ein gutes Blog finden will, ist diese Vielfalt eher verwirrend...

Lumma: Klar, aber das hat auch sein Gutes. Man kann die Sachen aussuchen, die einen interessieren. Bei Blogstats haben wir inzwischen auch so eine Top-100-Liste der meistzitierten Blogs, das bietet sich ganz gut für den Einstieg an. Von dort aus kann jeder seine eigenen Perlen finden.

Netzeitung: Wird sich die Szene professionalisieren?

Lumma: Es gibt Bestrebungen, aber bislang nur vereinzelt. Es gibt da keinen Trend. Die meisten Menschen machen das als Hobby, es gibt aber auch solche, die damit Geld verdienen wollen. Das ist in Ordnung, solange die Inhalte sich nicht mit Werbung vermischen.

Netzeitung: Lässt sich mit Blogs inzwischen Geld verdienen?

Lumma: Das kommt darauf an, wie viel man verdienen will [lacht]. Sagen wir so: Wir sind auf dem Weg dorthin. Die Zugriffszahlen steigen bei allen Blogs, also wird sich auch irgendwann mit Werbung dort Geld verdienen lassen.

Netzeitung: Sollte jemand eigentlich nur bloggen, wenn er was zu sagen hat?

Lumma: Die anderen Blogger beurteilen, ob man was zu sagen hat...

Netzeitung: Wie stehen Weblogs eigentlich zu den «Altmedien»?

Lumma: Ich halte Blogs für eine Ergänzung, den herbei geredeten Gegensatz von Bloggen und Journalismus sehe ich nicht. Die Leute honorieren aber die direkte Art, mit der Weblogs geschrieben sind.

Netzeitung: Könnte durch Blogs auch eine andere Nachrichtenkultur entstehen?

Lumma: Klar. Es könnte so eine Art «Citizen Journalism» daraus werden, dass Leute über ihr Umfeld oder ihren Stadtteil schreiben. Es gibt aber auch andere Szenarien, im Moment stehen wir noch ganz am Anfang. Da ist es erst mal müßig, über die Zukunft nachzudenken.

Netzeitung: Im Vergleich zu den USA gibt es bei uns immer noch sehr wenige Blogs. Warum?

Lumma: Das liegt zum einen an der mangelnden Aufgeschlossenheit neuen Ideen und Techniken gegenüber. Wir haben aber auch eine andere Diskussionskultur. Im angelsächsischen Raum werden Debatten gepflegt, in Deutschland unterhalten sich die Menschen oft lieber mit fünf oder sechs Leuten und tauschen so ihre Meinung aus. In Weblogs stelle ich mich auf eine Plattform und unterhalte mich mit Fremden, da muss man schon auch Kritik in Kauf nehmen können und wollen. Das passt einfach weniger in die deutsche Diskussionskultur.

Netzeitung: Sie haben vor einigen Wochen «Wahlblog.de» zur Bundestagswahl gestartet. Warum?

Lumma: Ich will unterschiedliche Themen und Meinungen auf einer Plattform vereinen. Wir wollen zum einen den Parteien und Medien im Wahlkampf auf die Finger schauen, und einfach einen etwas anderen Blickwinkel öffnen.

Netzeitung: Wer bloggt beim Wahlblog?

Lumma: Beim Wahlblog schreiben derzeit zehn bis fünfzehn Blogger, die sich selbst von links bis rechts einordnen. Ab Juli werden auch noch einige Politiker der großen Parteien mitbloggen.

Netzeitung: Warum sollen die Politiker mitbloggen?

Lumma: Die Politiker sollen sich in die Diskussion mit einbringen. Und sie sollen sehen, dass es hier Leute gibt, die über Politik diskutieren.

Netzeitung: War es schwer, die Politik für das Wahlblog zu begeistern?

Lumma: Es gab da unterschiedliche Antworten. Viele sagten, der Wahlkampf sei zu kurz oder es sei nicht genug Zeit dafür. Andere brachten etwas mehr Begeisterung dafür auf. Das war übrigens sehr unterschiedlich quer durch alle Parteien.

Netzeitung: Die Politik steht dem neuen Medium also noch kritisch gegenüber?

Lumma: Nein, eher ignorant. Da heißt es oft: «dafür haben wir keine Zeit». Es ist ein bisschen wie damals, als das Internet neu war. Da sagten auch viele Parteien: 'Die Leute können uns doch auch über Telefon und Fax erreichen.'

Mit Nico Lumma sprach Peter Schink.