Internet-Verbrechen: Dunkelfeld ist enorm:
BKA-Chef: Ohne Daten keine Strafverfolgung
14.06.2005
Herausgeber: netzeitung.de
Etwas mehr als sechs Millionen Straftaten wurden im Jahr 2004 in Deutschland verübt. Die Zahl der Computerverbrechen ist mit etwa 70.000 dagegen recht klein. Doch der Präsident des Bundeskriminalamtes, Jörg Ziercke, warnt trotzdem: Die Polizei schätze, sagte er am Montag bei einem Vortrag in Potsdam, dass im Internet nur etwa ein bis zwei Prozent der Straftaten entdeckt werden. «Das Dunkelfeld ist enorm», sagt er.
Die hohe Dunkelziffer entsteht unter anderem, weil im Gegensatz zu anderen Verbrechen Opfer und Täter einander gar nicht kennen - oder die Täter anonym bleiben. Verstöße gegen das Arzneimittelgesetz, illegaler Tausch von Musik, Rauschgift-Handel und Kinderpornographie bleiben so in der Regel im Verborgenen.
Die Polizei hat deshalb inzwischen EDV-Experten eingestellt, die im «Technischen Servicezentrum für Informations- und Kommunikationstechnologien» des BKA gemeinsam mit Kriminalisten Methoden zur Strafverfolgung suchen. «Wir entwickeln inzwischen selbst teilweise sehr dezidierte Programme, um etwa Kinderpornos zu finden», so der BKA-Chef. «Damit gehen wir dann sozusagen im Internet auf Streife.»
Da die Polizeibehörden der Länder laut Gesetz alleine für die so genannte Gefahrenabwehr zuständig sind, könne das BKA meist nur eine koordinierende Rolle einnehmen, so Ziercke. Weil es im Internet keine Ländergrenzen gebe, teile die Polizei bei der Computer-Strafverfolgung einzelne Delikten untereinander auf.
Ziercke forderte zugleich, die Polizei benötige für ihre Arbeit dringend die derzeit diskutierte Speicherung der Internet-Verbindungsdaten. «Ohne die Daten gibt es auch keine Strafverfolgung», sagte er. Die Angst vor Missbrauch hält er für unbegründet. Die Polizei wolle schließlich nur bei Verdacht und nach richterlicher Anordnung auf die Abrechnungsdaten der Provider zugreifen. «Wir müssen in der Lage sein, die Daten zu analysieren.»
Ziercke sagte, er gehe davon aus, dass sich die Kriminalitätsrate im Internet in den kommenden Jahren massiv wachsen werde. «Ich glaube, wir stehen am Anfang einer Entwicklung. Die Maßnahmen, die wir derzeit zur Verfügung haben, sind unzureichend.» Statt Gesetze aus Angst vor Missbrauch nicht zu erlassen, solle man sie besser zeitlich begrenzen und nach einer gewissen Zeit evaluieren. «Jeder soll im Internet anonym bleiben, eine Nicht-Identifizierbarkeit darf es aber nicht geben.»

